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Nashorn-Nachwuchs:Stein auf vier Beinen

Grazil ist anders. Der kleine Nashorn-Bulle erkundet erstmals sein Außengehege. Drei Jahre bleibt er bei Mama Rapti, dann reist er in viele andere Zoos - Nachwuchs zeugen.

Von Stephan Handel

Das Kindchenschema ist eine Gemeinheit - es bringt die Leute dazu, kleine Lebewesen putzig zu finden, solange sie nur über große Augen, eine hohe Stirn und ein paar andere babyhafte Aussehensmerkmale verfügen. Das mag sinnvoll sein bei neugeborenen Menschen, Cockerspaniel oder Kaninchen. Was aber bitte ist an einem Nashorn süß?

Das zu überprüfen, dauert allerdings am Mittwochmittag im Tierpark Hellabrunn seine Zeit: Rapti, die indische Panzernashorn-Kuh, soll heute zum ersten Mal ins Freie gelassen werden, mit ihrem Jungtier, das sie vor gut einer Woche zur Welt gebracht hat. Jedoch - Rapti ziert sich. Sie bleibt am Tor zum Nashornhaus stehen und zeigt der gesamten Fotografen-Herde ihr Hinterteil. Und das Jungtier kommt ohne die Mutter auch nicht aus dem Schatten. Kindchenschema hin oder her, man kann eigentlich nur hoffen, dass das Kleine nicht nach der Mutter kommt: Rapti wiegt fast zwei Tonnen, ihre Haut besteht aus vier Zentimeter dicken, grauen Platten - die Assoziation zum Panzer, die das Tier im Namen trägt, kommt nicht von ungefähr. Grazil ist anders. Trotzdem sind dann aus dem Publikum doch noch Schreie des Entzückens zu hören, als das Jungtier sich endlich traut, hinter der Mutter vorzukommen.

Es sieht dieser dann leider doch sehr ähnlich, nur eben wie eine verkleinerte Version. Gut 60 Kilo wiegt das kleine Nashorn zehn Tage nach der Geburt, und es bedarf schon einer Menge wohlmeinender Fantasie, um - so Tierpark-Pressesprecher Daniel Hujer - zu finden, es springe um seine Mutter herum wie ein Hündchen. Aber natürlich, die Stirn ist hoch, die Augen sind rund, die Ohren sehen aus, als seien sie als einziger Körperteil schon ausgewachsen - das schaltet die menschliche Psyche auf allersüßest, auch wenn die Haut runzlig und voller Pickel ist.

Das Jungtier ist ein Bulle und weltweit das einzige Panzernashorn in Menschenhand, das heuer geboren wurde. Diese beiden Fakten sind verantwortlich für insgesamt beste Aussichten - für den Zoo wie für das noch namenlose Tier. Der Tierpark wird es in zwei, drei Jahren auf Wanderschaft schicken, dann also, wenn es sich auch in der Natur von der Mutter trennen würde. Es soll dann in möglichst vielen Zoos für eine Auffrischung des Genpools seiner Art beitragen, was für ihn heißt: Sex haben, Nachkommen zeugen. So banal will Carsten Zehrer, einer der Zoo-Kuratoren, das nicht sagen, "wir sagen lieber: Er wird Hochzeitsreisen unternehmen". Das Bemerkenswerteste an diesem Satz ist der Plural.

Aber das war ja bei seinen Eltern nicht anders, außer dass Vater Niko auch schon seit 1990 in Hellabrunn lebt. Er kümmert sich jedoch nicht um seinen Nachwuchs, das tut der Nashorn-Vater nicht. Sowieso beschränkte sich Nikos Beitrag zu der Angelegenheit darauf, mit Rapti in einer lauschigen Mainacht des Jahres 2014 im Wassergraben des Geheges zu liegen, wie das Nashornbullen so tun, wenn sie was im Horn führen. Für Rapti war das romantisch genug, nach 492 Tagen Trächtigkeit ist sie nun alleinerziehend mit einem Kind, das ausschaut wie ein Stein auf Beinen.

Der Stein war gerade noch krank - wegen einer nachgeburtlichen Infektion wurde der erste Freigang vom vergangenen Freitag auf den Mittwoch verschoben. Vielleicht ist Rapti deswegen etwas sehr vorsichtig mit dem Kleinen, seit einer Stunde steht sie jetzt schon vor dem Tor wie Heinrich vor Canossa und darf nicht hinein. Eine Pflegerin versucht sie mit Apfelstücken auf die Wiese zu locken, was Rapti aber souverän ignoriert. Mit der Zeit aber legt das Junge die Angst vor der Helligkeit, vor den Menschen jenseits der Barriere, vor diesem komischen grünen Zeug am Boden ab und springt doch ein bisschen durchs Gras - sofern man bei 60 Kilo Gesamtgewicht von übermütigem Springen sprechen kann. Rapti folgt dem Jungtier, gleicht dabei aber einer Menschenmutter, deren Kind sie vom Kaffeetrinken abhält.

Na gut, zugegeben, das ist dann schon irgendwie herzig, wie dieses Urviech, dem Saurier näher als der Antilope, über den Rasen tollt, wie es Kinder halt tun, die so übermütig und so neugierig sind, weil sie nicht wissen, was noch kommt, heute und überhaupt. Und der auf Grazie und Eleganz gepolte Zuschauer sucht nach dem Positiven, um dem kleinen und dem großen Plattenberg doch irgendwie gerecht zu werden. Wahrscheinlich entspringt die schlussendliche Erkenntnis dann doch wieder dem verdammten Kindchenschema: Rhinozerosse sind adipöse Einhörner.

© SZ vom 10.09.2015
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