Munitionsfund in der Bayernkaserne Flucht aus der Sperrzone

Lucky John musste mit seiner Frau und den drei Töchtern die Bayernkaserne verlassen. Wie lange sie nun in der Unterkunft am Tollkirschenweg bleiben müssen, wissen sie nicht.

(Foto: Stephan Rumpf)

Weil auf dem Gelände der Bayernkaserne Weltkriegs-Munition gefunden wurde, müssen fast 150 Flüchtlinge in kürzester Zeit umziehen. Für sie brechen chaotische Tage an.

Von Anna Hoben

Um fünf Uhr ist Mohammed Rezai aufgestanden, um pünktlich in der Schule zu sein. Der Zehnjährige zählt auf: S-Bahn ist er erst gefahren, dann U-Bahn und dann noch Bus. Zum Glück hat ihn sein Vater begleitet, allein hätte er sich das nicht zugetraut. "Vielleicht verliere ich den Weg", sagt er, "ich habe ihn noch nicht auswendig gelernt." Vergangene Woche am Donnerstagnachmittag hatten Mohammed Rezai und seine Familie erfahren, dass sie ihre Unterkunft in der Bayernkaserne in Freimann räumen müssen - bis zum nächsten Morgen um neun Uhr. Ihre Heimat auf Zeit ist nun ein Heim im Stadtteil Fasanerie, sieben Kilometer entfernt.

Das Ausmaß eines Munitionsfundes auf einer Baustelle auf dem Gelände der Bayernkaserne hatte sich als größer herausgestellt als zunächst angenommen. Mehrere Wochen lang werden die Überreste aus dem Zweiten Weltkrieg nun jeden Mittwoch und Sonntag geräumt und kontrolliert gesprengt. Der städtische Kälteschutz, der sich im selben Gebäude befindet wie die Flüchtlingsunterkunft, bleibt weiterhin geöffnet; die Bettenplätze müssen am Morgen, wenn die Räumungsarbeiten beginnen, ohnehin verlassen sein.

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Um die Bayernkaserne herum sind nur wenige Anwohner von der Sperrzone betroffen, die das Kreisverwaltungsreferat nun mittwochs und sonntags von acht bis 17 Uhr einrichtet. Betroffen sind jedoch fast 150 Flüchtlinge, die vor die vollendete Tatsache gestellt wurden, dass sie für die Dauer der Arbeiten umziehen müssen: Menschen aus Afghanistan und Syrien, Eritrea, Nigeria und Senegal. Einige alleinstehende Männer, vor allem aber viele Familien.

Die meisten hat das Sozialreferat, das für den Umzug zuständig ist, in anderen Häusern auf dem Gelände der Bayernkaserne untergebracht. Die Männer kamen in eine Unterkunft an der Hofmannstraße in Obersendling. Fünf Familien, alle mit je drei Schul- und Kindergartenkindern, mussten in ein Heim am Tollkirschenweg in der Fasanerie ziehen, in dem ansonsten unbegleitete minderjährige Flüchtlinge wohnen. Unter diesen fünf Familien ist auch die von Mohammed Razai.

"Traurig" seien seine Eltern gewesen, sagt der Junge, als sie erfuhren, dass sie umziehen müssen; er und all die anderen Kinder und einige Erwachsene hatten sich am Abend im Eingangsbereich versammelt. Doch für Traurigkeit war kein Platz und keine Zeit, denn sie mussten rasch die wichtigsten Sachen zusammenpacken.

Christl Quaas ist eine der Ehrenamtlichen, die den Bewohnern in der Bayernkaserne helfen, unermüdlich, bereits seit 2015. Sie hat den Flüchtlingen, die sie liebevoll "meine Leute" nennt, die Situation erklärt, wieder und wieder. Sie hat beim Packen geholfen, die Bilder auf ihrem Handy zeigen einen Haufen Müllsäcke, in die sie auf die Schnelle Kleidung, Hausrat und Lebensmittel verstaut haben. "Viele haben ja keine Koffer."

Am Freitag vergangener Woche kam sie wieder, um die Sachen mit dem Auto abzuholen. "Bestimmt 30 Mal" sei sie hin und her gefahren, sagt Christl Quaas, man könne es den Frauen, viele von ihnen mit kleinen Kindern, manche schwanger, doch nicht zumuten, ihre Sachen umherzuschleppen. Ein Pakistaner, der eine Ausbildung als Busfahrer macht, sei ebenfalls als Helfer eingesprungen. Für die Familien und Männer, die in andere Stadtteile umziehen mussten, organisierte das Sozialreferat Busse.