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Fliegerbombe:Wie die Bombe Schwabing verändert hat

Explosion der Bombe in Schwabing

Ein Feuerball über Schwabing - Sekunden nach der kontrollierten Sprengung.

(Foto: Simon Aschenbrenner)

Wegen der Sprengung mussten viele Münchner ihre Wohnung für drei Tage und drei Nächte verlassen. Auch fünf Jahre danach sind die Folgen noch zu spüren, nicht nur bei den Schwabinger Anwohnern.

Von Anna Hoben

Jedes Jahr am 28. August steigt im Hof der Feilitzschstraße 3 ein Bombenfest. "Wir feiern, dass wir solches Glück hatten", sagt Anni Köll. In diesem Jahr haben sie das Fest um drei Wochen vorverlegt. Und mittlerweile nennen sie es auch nicht mehr Bombenfest, sondern einfach Hoffest. Aber die Erinnerung an die aufregenden Tage im Sommer 2012 ist immer dabei.

Anni Köll ist 81 Jahre alt, eine dieser Seniorinnen, die ihre Termine mithilfe eines Kalenders managen und immer unterwegs sind. Man hat Glück, wenn man sie in einer kleinen Pause dazwischen erwischt. Jetzt sitzt die Witwe, ihr Mann ist vor drei Jahren gestorben, auf dem Wohnzimmersofa und erzählt, wie der Krieg fast sieben Jahrzehnte nach Kriegsende auf einmal zu ihr kam. Seit 47 Jahren wohnt Anni Köll in der Wohnung in Schwabing. Aufgewachsen jedoch ist sie auf dem Land, in Scheyern bei Pfaffenhofen an der Ilm. Von dort war der Zweite Weltkrieg weit weg. "Ich bin von Bomben verschont geblieben, und dann kommt so was, wenn man alt ist." Anni Köll schüttelt den Kopf über diese Ironie der Zeitläufte.

Am 27. August 2012, einem Montag, saß sie mit ihrem Mann beim Mittagessen. Es war zehn vor zwölf, sie weiß es noch genau, als auf der Baustelle nebenan die Maschinen abgeschaltet wurden. Das war ungewöhnlich, an den Tagen zuvor waren sie immer um Punkt zwölf ausgegangen. Anni Köll ging in die Stube und schaute aus dem Fenster auf die Baustelle. "Entweder haben sie einen Toten gefunden oder eine Bombe", sagte sie zu ihrem Mann. Dass wenig später ein Stück von dieser Bombe durch ihr Küchenfenster fliegen würde, ahnten sie nicht.

Als die Polizei sie aufforderte, die Wohnung sicherheitshalber für ein paar Stunden zu verlassen, machte sie sich mit ihrem Mann auf den Weg zu ihrem Gartenhäuschen in der Studentenstadt. Im Kühlschrank waren noch Lebensmittel, Kleidung und Zahnbürsten hatten sie ohnehin dort. Zum Glück, denn auf die Idee, etwas mitzunehmen, wären die beiden nicht gekommen. Schließlich dachten sie, dass sie ein paar Stunden später zurückkehren könnten. Es wurden drei Tage und Nächte. Blöd war nur, dass sie ihre Medikamente vergessen hatten. Ihr Mann war blind, er brauchte etwas für die Augen.

Lampen kaputt, Vasen zersplittert, Fenster zerborsten, überall Scherben und Stroh: So sah es aus, als Anni Köll und ihr Mann in ihre Wohnung im Sperrgebiet zurückkehrten. Der Kampfmittelräumdienst hatte zur Dämmung der Detonation Strohballen aufgeschichtet. In der Küche entdeckte Anni Köll einen Bombensplitter, er hatte sich in den Boden eingebrannt. Sie hat ihn aufbewahrt, ein Metallstück, wenige Zentimeter groß, mit orangefarbenen Teppichfusseln dran.

"Für uns hier im Haus ist alles gut ausgegangen", sagt Anni Köll. Ihre Versicherung kam für die Schäden auf, die Hauseigentümer ließen das Treppenhaus renovieren, die neuen Fenster sind dreifach verglast, und seit das Wohnhaus nebenan fertig ist, muss Anni Köll sogar weniger heizen, wegen der dicken Wände. Für sie waren die Tage im Sommer 2012 vor allem eines: ein großes Abenteuer. Dass auch eine ziemlich große Gefahr im Spiel gewesen war all die Jahre, wurde ihr erst später bewusst. "Weißt du, dass wir schon auf der Bombe gesessen haben", sagte jemand zu ihr, irgendwann in den Tagen danach. "Da hat's mich gerissen."

Ein paar Häuser weiter, im Schaufenster eines Brillengeschäfts: "Schwabing ist kein Ort, sondern ein Zustand", wird hier die Bohème-Autorin Franziska Gräfin zu Reventlow zitiert. Nun hat sie das um 1900 gesagt, damals gehörte Schwabing gerade mal zehn Jahre zu München. Seitdem ist ein bisschen was passiert. Zwei Weltkriege, die Schwabinger Krawalle in den Sechzigerjahren, Schickisierung, Aufwertung und immer teurere Mieten, heute Gentrifizierung genannt.

"Die ewigen Bauarbeiten nach der Sprengung haben uns den Garaus gemacht"

So ging das, bis 2012 in der Feilitzschstraße eine Bombe gefunden wurde. Man kann die Geschichte von der Bombe nicht erzählen, ohne von der Gentrifizierung zu erzählen. Denn auf dem Grundstück stand die Absturzkneipe "Schwabinger 7", die zugunsten eines Neubaus mit schicken Wohnungen abgerissen wurde, wogegen sich heftiger, aber erfolgloser Protest regte. Mit der Kneipe, so hieß es, verschwinde wieder ein Stück Schwabinger Lebensgefühl.

Wenn Schwabing ein Zustand ist, wie die Gräfin zu Reventlow meinte, wie sieht dann die Zustandsbeschreibung dieses kleinen Ausschnitts aus? Vorderes Ende der Feilitzschstraße, zur Münchner Freiheit hin, im Sommer 2017: Das Friseurgeschäft Dilek gegenüber der Bombenfundstelle hat seinen Laden geräumt. Das Modegeschäft Flip rechts davon ist schon fast drei Jahre weg, das Ladenlokal steht immer noch leer. "Die ewigen Bauarbeiten nach der Sprengung haben uns den Garaus gemacht", sagt der ehemalige Geschäftsführer Reinhard Pascher. Er klingt resigniert. Das Flip sei seit den Achtzigerjahren ein "Kultladen" gewesen, mittlerweile habe sich die ganze Straße "total verändert". Die Stellung hält die Boutique Rag Republic unten im Haus von Anni Köll. Mit der Bomben-Geschichte habe sie abgeschlossen, sagt die Chefin.

Auch Ronny Kleiner, dem die Boutique Bliss gehörte, seufzt am Telefon schwer. Sein Laden war damals komplett ausbrannt, nach der Sprengung stand Kleiner in den Ruinen seiner Existenz. Er hat erst noch versucht weiterzumachen, irgendwann hat er aufgegeben. Nicht nur sein Geschäft, sondern auch sein Leben in München. Er sei nach Berlin gezogen, sagt er knapp. Ja, schon auch mit der Bombe habe das zu tun gehabt, und überhaupt mit dem Münchner Lebensgefühl.

Das Lebensgefühl, auch Samla Dilek kommt gleich darauf zu sprechen. "Seit der Bombe waren wir nicht mehr so richtig glücklich", sagt die 29-Jährige. Zwölf Jahre hat ihre Familie den Friseursalon gegenüber der ehemaligen "Schwabinger 7" gehabt, jetzt ziehen sie um, ein paar Straßen weiter, in die Ohmstraße, Ecke Kaulbachstraße. "Das hat sich hier nie wieder richtig erholt", sagt Samla Dilek. Sie meint nicht nur ihr Geschäft, sie meint die ganze Umgebung: "Das alte Schwabinger Flair ist weg." Zwei Geschäfte seien neben ihrem zuletzt leer gestanden. Die Kunden würden sich auf die Veränderung freuen. Die neue Adresse liege in der schöneren Gegend, sagten sie. Weil der neue Laden nicht rechtzeitig fertig geworden ist, arbeiten Samla Dilek und ihre Mitarbeiter zurzeit übergangsweise in der Friseurinnung in der Holzstraße. Auch vor fünf Jahren hatten sie nach der Sprengung dort für einige Wochen ihr Ausweichquartier aufgeschlagen, während in ihrem Laden Handwerker die Schäden reparierten.

Über der Stelle, wo einst in der "Schwabinger 7" exzessiv gefeiert wurde und später die Bombe hochging, verkauft ein Bio-Supermarkt heute seine Produkte für Städter, die sie sich leisten können. Manche von ihnen wohnen direkt darüber. In dem Haus neben dem von Anni Köll. Wunderschöne Wohnungen seien das, sagt die 81-Jährige. Bevor die Bewohner einzogen, ist sie einmal drin gewesen. Auf der Baustelle hatte sie jemanden bequatscht, und daraufhin durfte sie sich umsehen: im Innersten dieses neuen Altschwabings, das sie sich niemals leisten könnte.

© SZ vom 26.08.2017/axi

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