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Wohnungslosigkeit:"Wir brauchen einen langen Atem"

Auch in der Bayernkaserne hat die Stadt Familien untergebracht - die Gebäude dort werden aber bald abgerissen.

(Foto: Catherina Hess)

Etwa 13 000 Münchner warten dringend darauf, eine Wohnung zu bekommen. Bis Ende des Jahres müssen zudem Hunderte Flüchtlinge umgesiedelt werden. Die Stadt steht unter Druck.

Von Thomas Anlauf

Gerhard Mayer weiß, dass die Zeit davonläuft. "Wir müssen bauen, bauen, bauen", sagt der Leiter des Amts für Wohnen und Migration. Dennoch lächelt der SPD-Politiker, wenn er das sagt, weil er davon überzeugt ist, dass es "bis Ende des Jahrzehnts" eine Trendwende auf dem Münchner Wohnungsmarkt geben könne. Mayer kennt die Zahlen genau, die ihm regelmäßig auf den Schreibtisch gelegt werden. Etwa 13 000 Münchner warten dringend darauf, eine Wohnung zu bekommen. Das sind Obdachlose, die in München gemeldet sind, Menschen, die ihren Job verloren haben, überschuldet sind und aus ihren Wohnungen fliegen, oder Geflüchtete, die oftmals seit Jahren anerkannt sind und aus den beengten Unterkünften wollen. Mayer warnte bei einer Veranstaltung des Sozialpolitischen Forums vor zu großen Hoffnungen: "Wir brauchen einen langen Atem."

Die Ziele sind hoch gesteckt, Stadtrat und Verwaltung suchen nach immer neuen Lösungen, um die Wohnungsmisere in den Griff zu bekommen. Jetzt sollen künftig jährlich zweitausend städtische Wohnungen und viertausend weitere geförderte Wohnungen entstehen. Doch immer mehr Menschen drängen auf den umkämpften Wohnungsmarkt. Allein im Flüchtlingsbereich sind in München etwa vier von zehn Menschen längst bleibeberechtigt und hätten einen Anspruch auf eine reguläre Wohnung. Allerdings finden diese Menschen meist keine Bleibe außerhalb der Gemeinschaftsunterkünfte - sei es, weil die Wohnungen zu teuer sind oder die Vermieter sie aus fadenscheinigen Gründen nicht haben wollen.

Gerhard Mayer, 2019

Der Behördenchef und SPD-Politiker Gerhard Mayer warnt vor allzu großen Hoffnungen das Problem schnell in den Griff zu kriegen.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Die anerkannten Geflüchteten sollen nun in das reguläre Wohnungslosensystem eingegliedert werden, damit sie gleichberechtigte Chancen auf ein eigenes Heim haben wie andere Münchner. Wohnungsamtschef Mayer steht hinter der Idee der Stadtpolitik, die in den kommenden Jahren umgesetzt werden soll: "Jeder Mensch, der zu uns kommt, soll von Anfang an volle Unterstützung bekommen", sagt Mayer. Bei der sozialen Betreuung funktioniert das längst - es gibt in städtischen Flüchtlingseinrichtungen und auch in geringerem Umfang bei den staatlichen Unterkünften regelmäßige Beratung und Betreuung der Menschen, insbesondere für Kinder und Frauen. Doch das Wohnungsproblem lässt sich ohne Zusammenarbeit mit dem Staat nicht allein von der Stadt aus lösen.

Die Menschen insbesondere im Flüchtlingsbereich aus der drohenden Wohnungslosigkeit zu holen, "ist sicherlich auch ein Prozess, der ein paar Jahre dauert", so Mayer. Denn für eine erfolgreiche Umsetzung müsste auch der Freistaat mithelfen. Der Wohnungsamtschef mahnt, es sei "keine Dauerlösung, dass vierzig Prozent der Menschen in Gemeinschaftsunterkünften Fehlbeleger", also anerkannte Asylbewerber, seien. "Damit wird sich auch der Freistaat befassen müssen."

Aktuell muss sich der Wohnungsamtsleiter allerdings mit einem weiteren dringenden Problem befassen. Spätestens Ende des Jahres müssen mehrere hundert Menschen aus Münchner Flüchtlingsunterkünften umgesiedelt werden, weil drei Häuser der ehemaligen Bayernkaserne wegen eines großen Wohnquartiers abgerissen werden. Die Familien aus einem der Gebäude sollen demnächst in das sogenannte Haus 19 umziehen, junge Erwachsene wiederum in eine Unterkunft am Tollkirschenweg. Der Rest muss irgendwie über die Stadt verteilt werden, sagt Mayer. "Aber ich bin guten Mutes, dass wir das schaffen werden", sagt er.

© SZ vom 09.10.2020/syn
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