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Schauplatz:Späte Scham

Weißer Schriftzug: "KZ Dachau - Velden - Buchenwald. Ich schäme mich, daß ich ein Deutscher bin."

(Foto: United States Army Air Force)

Die Feldherrnhalle war ein Kultort der Nazis, nach dem Krieg prangt dort ein Schriftzug, der die Verbrechen anprangert

Von Jakob Wetzel

Wer sich hier die Scham über die Verbrechen der Nationalsozialisten von der Seele geschrieben hat, ist unbekannt. Im Mai 1945 aber prangte plötzlich dieser Schriftzug auf der Vorderseite der Feldherrnhalle, in weißer Farbe, gut einen Meter hoch: "KZ Dachau - Velden - Buchenwald. Ich schäme mich, daß ich ein Deutscher bin." Der Ort für dieses Bekenntnis war passend gewählt. Denn die ein gutes Jahrhundert zuvor erbaute Feldherrnhalle war eine Ikone der Nazi-Propaganda. Hier war 1923 der Putschversuch Adolf Hitlers gescheitert; die Nazis hatten die Toten dieses missglückten Staatsstreichs zu "Blutzeugen" verklärt und München den Titel "Hauptstadt der Bewegung" verpasst. Die Toten hatten sie in zwei "Ehrentempeln" am Königsplatz verehrt. Die Feldherrnhalle war ein Kultort, ein Postkarten- und Briefmarkenmotiv, mehrere militärische Verbände wurden nach ihr benannt. Und an ihrer östlichen, der Residenzstraße zugewandten Seite hatten die Nazis ein sogenanntes Ehrenmal für die toten Putschisten errichtet.

Nur wenige Schritte weiter war nun von Scham die Rede. Die US-Armee griff diesen Vorfall auf, unter dem Titel "A German regrets", "Ein Deutscher bereut", verbreitete sie ein Foto davon über die Presse. Sie wies aber darauf hin, eine solche Haltung sei eher ungewöhnlich. Tatsächlich wurde der Graffito sogar beantwortet, ebenfalls in weißer Farbe an der Feldherrnhalle: mit den Worten "Goethe, Diesel, Haydn, Rob. Koch. Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein!"

Das sogenannte Ehrenmal an der Feldherrnhalle zerstörten Münchner am 3. Juni 1945. Die Gedenktafel wurde eingeschmolzen, aus der Bronze wurden Elemente der "Patrona Boiariae", der Marienfigur an der Residenzfassade nachgegossen. Ebenfalls im Juni ordneten die US-Besatzer an, alle Nazi-Symbole aus dem öffentlichen Raum zu entfernen. Im November 1946 beschloss der neue Stadtrat, den Gräbern der Putschisten ihre Eigenschaft als "Ehrengräber" abzuerkennen. 1947 wurden die "Ehrentempel" am Königsplatz gesprengt.

© SZ vom 05.05.2020

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