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U3 und U6:"Nochmal 50 Jahre, und sie haben da drunter nur noch Sand"

Von unten anschneiden, von oben brechen: Bauarbeiter tauschen derzeit die Weichen am U-Bahnhof Münchner Freiheit aus.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Wegen maroder Schienen und zermalmten Schotters im Gleisbett herrscht Stillstand an der Münchner Freiheit. Die Bauarbeiten sind dringend nötig - auch wenn das viele Fahrgäste nervt.

Von Andreas Schubert

Die Schienen geben ein bedenkliches Knacken von sich, als der Bagger über sie hinwegrollt. Die Arbeiter im Untergrund haben sie vorher mit Schweißbrennern von unten durchgeschnitten und nur die obere Schicht verschont. Das erledigt nun der Bagger. Mit einem lauten Knall bricht er das präparierte Stück Schiene heraus, so als ob man von einer Tafel Schokolade ein Stück abbricht. Dann hebt der Baggerführer mit der Schaufel ein fünf Meter langes Stück Gleis heraus und transportiert es ab.

Das Prozedere wiederholt sich. Anschneiden, Brechen - weg damit. Weil der kleine Trupp aus Reportern und Fotografen nur wenige Meter danebensteht, halten sich einige die Ohren zu, den Arbeitern scheint der Lärm dagegen nichts auszumachen. Ohrenschutz ist offenbar nur etwas für die verweichlichte Schreiberzunft.

Es ist Donnerstag, kurz vor Mitternacht. Die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) hat dazu eingeladen, sich mal die Baustelle am U-Bahnhof Münchner Freiheit anzusehen, "damit die Leute oben mitkriegen, was hier unten eigentlich passiert", wie es MVG-Sprecher Matthias Korte formuliert. Die nächtliche Stunde hat die MVG deshalb gewählt, damit man der Demontage live beiwohnen kann. Es ist inzwischen die dritte von neun Weichen, die im Untergrund komplett ausgetauscht wird. Seit dem 13. Juli wird dort gearbeitet, die Bauarbeiten sollen noch, wenn alles gut läuft, bis zum 18. September dauern. Projektleiter Franz Weigert ist zuversichtlich, dass der Termin eingehalten werden kann.

Zur Erinnerung: Als vor dreieinhalb Jahren die Strecke der U 3 zwischen Scheidplatz, Bonner Platz und Münchner Freiheit erneuert wurde, hatten sich die Ingenieure bei der Schottermenge verrechnet. 3000 Tonnen zu wenig hatten sie kalkuliert, weil es nach Angaben der MVG keine Pläne der alten Strecke mehr gegeben hat. Aus 23 Wochen berechneter Bauzeit wurden damals dann 25.

Dieses Mal werden neben den Weichen etwa 650 Schwellen ausgetauscht, 800 Meter Fahrschiene und 3400 Tonnen Schotter. Rund 700 Züge passieren täglich den Streckenabschnitt, der nun erneuert wird. In normalen Zeiten transportieren die Züge bis zu 180 000 Fahrgäste am Tag. Seit fast 50 Jahren. Die Dauerbelastung hat ihre Spuren hinterlassen. Die alten Weichen waren inzwischen so störanfällig, dass sie immer öfter repariert werden mussten.

Neben den Weichen werden etwa 650 Schwellen, 800 Meter Fahrschiene und 3400 Tonnen Schotter ausgetauscht.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Irgendwann hat die MVG dann beschlossen, dass sich das nicht mehr rentiert und sich nun an die große Lösung gemacht. Auch der alte Schotter muss raus. Den haben die vielen Züge im Laufe der Jahre regelrecht zermalmt. Franz Weigert hebt zur Demonstration etwas vom alten und ein Stück neuen Schotter auf und hält sie nebeneinander, um zu zeigen, wie sich das Material verkleinert hat. "Nochmal 50 Jahre, und sie haben da drunter nur noch Sand", sagt er.

Weil sie gerade schon dabei sind, erneuern die Stadtwerke auch 350 Meter Kabelkanäle und rund 1500 Meter Stromschienen. Letztere sind beim Besuch im Tunnel nicht komplett abgeschaltet, weil der Bagger ebenfalls auf Schienen fährt und elektrisch betrieben wird. Projektleiter Weigert und seine Mitarbeiter weisen mehrmals darauf hin, ja nicht mit den Stromschienen in Kontakt zu geraten. Weil es aber relativ dunkel da unten ist und wegen der Schwellen und des Schotters Stolpergefahr besteht, wird es den Besuchern durchaus etwas mulmig.

Denn es ist auch noch relativ eng im Tunnel, was nach Angaben der MVG auch der Grund ist, warum die Strecke komplett gesperrt werden musste. Nur Einrückfahrten Richtung "Technischer Basis" in Fröttmaning dürfen gelegentlich passieren. Es sei ein ständiges Hin- und Herräumen, sagt Weigert. Jeder freie Platz, auf dem gerade nicht gearbeitet wird, dient als Abstellfläche für Baumaterial. Das wird mit einem mit Diesel betriebenen Zug angeliefert, den die Stadtwerke zwar nur gemietet haben, auf den sie aber ihr Logo und das Münchner Stadtwappen gepappt haben. "Flagge zeigen", nennt dies MVG-Sprecher Korte.

Dazu wird die Verkehrsgesellschaft in den nächsten Jahren noch reichlich Gelegenheit haben. 20 weitere Baustellen, auf denen nachts gearbeitet wird, sind nämlich bereits geplant. In den kommenden zehn Jahren müssen die Stadtwerke rund sechs Kilometer Schiene und etwa fünf Weichen pro Jahr erneuern. Das betrifft sowohl die Stammstrecken der U 3 und U 6 sowie die der U 1 und U 2.

Für die Fahrgäste wird auch dies Einschränkungen bedeuten, wie gerade bei den beiden viel befahrenen, gesperrten Linien, die im öffentlichen Nahverkehr eine unverzichtbare Nord-Süd-Verbindung darstellen. Momentan müssen sich die Passagiere teils mit Ersatzbussen begnügen, was inzwischen zu vielen Beschwerden geführt hat. Einerseits, weil die Busse auf der Ludwigs- und Leopoldstraße trotz für sie angepasster Ampelschaltungen manchmal nur langsam vorankommen. Andererseits, weil die Busse auch recht voll sind, wodurch in Corona-Zeiten, so ist oft zu hören, die Abstände nicht eingehalten werden können.

Die Weichen waren zu störanfällig, nun müssen sie weichen.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Wer sich das Treiben etwa an der Universität anschaut, sieht aber auch, dass sich dies durchaus vermeiden ließe. Mehrere sogenannte Buszüge, die im Zwei-Minuten-Takt fahren, stehen hintereinander. Von der Menge, die gerade aus der U-Bahn kommt, drücken sich die meisten ausgerechnet in den vorderen Wagen des ersten Busses, während der hintere fast leer bleibt. Eigentlich weisen MVG-Mitarbeiter die Fahrgäste darauf hin - nur würden sich viele Passagiere nicht an die Anweisungen halten, sagt Matthias Korte.

© SZ vom 01.08.2020/lfr
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