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München und das Umland:Kurze Fahrt in eine andere Welt

Oberhaching: Von der Stadt in den Speckgürtel

Zwei Jahre lang haben Ludger Voss und seine Frau nach einem passenden Grundstück gesucht.

(Foto: Stefanie Preuin)

Oberhaching liegt 15 Kilometer vom Münchner Zentrum entfernt - nah genug, dass sogar die Vorwahl dieselbe ist. Doch wer von München nach Oberhaching fährt, kommt in eine andere Welt: das echte Oberbayern. Der Ortskern ist so klein und adrett, geradezu puppenstubenhaft, als hätte ihn jemand am Reißbrett entworfen. Wer seinen Blick nach rechts und links in die Seitenstraßen wendet, der sieht Häuser, die überwiegend nur zweistöckig sind, mit Holzverkleidungen und Vorgärten, die von der Akkuratesse ihrer Besitzer zeugen. Das Alpenpanorama, das sich dahinter am Horizont auftut, sehen die Münchner nur aus Hochhäusern.

Oberhaching ist ein Dorf, das Gemeinschaft und soziale Bindungen ausmacht, keine Schlafstadt vor den Toren Münchens - darauf versteifen sich viele hier. Die kalten, nackten Zahlen zeigen jedoch: Es findet längst ein immenser Austausch der Bevölkerung statt. Seit 2005 sind 10 948 Menschen zugezogen. Ähnlich viele - 9190 - sind im selben Zeitraum gegangen.

Einer von denen, die neu nach Oberhaching kommen, ist Ludger Voss. Sein klares Hochdeutsch wird ihn dort wohl verraten. Der Geschäftsführer eines Münchner Unternehmens und seine Frau haben sich hier ein Grundstück gekauft. Das alte Haus darauf, das aus den Sechzigerjahren stammt, lassen sie gerade abreißen. Danach soll schnellstmöglich mit dem Bau ihres neuen Zuhauses begonnen werden. Noch lebt die Familie in München. "Dort stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis schon lange nicht mehr", sagt der 58-Jährige. Die Wohnung mit nur einem Kinderzimmer wird langsam zu klein für die vierköpfige Familie.

Zwei Jahre lang hätten sie gesucht und nicht das Richtige gefunden. Im Juli vergangenen Jahres unterzeichneten sie schließlich den Kaufvertrag. Als Voss von dem neuen Haus zu sprechen beginnt, wird er euphorisch: "Etwas Schönes zu schaffen und zu hinterlassen, reizt mich." In der Stadt gehe das nicht mehr. Zum neuen Schuljahr will Familie Voss umziehen.

Heimat sei heute etwas ganz anderes als früher, sagte Norbert Göttler unlängst in einem Interview mit der SZ. Als Bezirksheimatpfleger kennt er diesen Begriff sehr gut. Weil viele gar nicht wüssten, wie lange sie an einem Ort bleiben, sei es schwer, soziale Bindungen aufzubauen. "Ungehemmtes Wachstum kann für die Sozialstruktur eines Orts sehr problematisch werden", warnt er.

Viele Zugezogene interessierten sich zunächst sehr für ihren neuen Wohnort. Doch das Engagement sei meist kurzfristig. Für eine funktionierende Sozialstruktur brauche es aber ein längerfristiges Engagement in den Vereinen oder Verbänden, die einen Ort prägen.

In Oberhaching gibt es ungefähr 70 Vereine. Einer davon ist die Kolpingfamilie, ein Sozialverband der katholischen Kirche. Georg-Michael Kaiser ist seit 15 Jahren ihr erster Vorsitzender. An einem Freitagnachmittag im Januar klingelte sein Telefon, als Kaiser längst die Hoffnung aufgegeben hatte. Eine Frau rief an und gab ihm ihre Zusage: Sie wird fortan Mitglied im Vorstand. "Gott sei dank", sagt er erleichtert. Der 56-Jährige wollte eigentlich aufhören, doch es geht nicht. Es sei schon schwer genug, einen Vorstandsposten neu zu besetzen - zwei auf einmal wären unmöglich. Also macht er es eben noch mal für drei Jahre.

Die Kolpingfamilie wird im Ort gebraucht, denn sie hilft denen, die nicht genug haben. Und auch die gibt es hier: Bewohner des Altenheims bekommen zum Geburtstag eine Tafel Schokolade oder eine Schachtel Zigaretten. Familien werden unterstützt, damit sie Schulbedarf kaufen können. Eine ältere Frau kann sich dank einer Spende eine neue Brille leisten. Kaiser befürchtet eine drohende Spaltung der Gesellschaft im Ort: "Der eine hat eine Eineinhalb-Millionen-Villa und fünf Autos, und drei Straßen weiter leben Leute, die nicht wissen, wie sie Stifte für die Kinder kaufen sollen."

Kaiser klagt, dass die meisten Zugezogenen sich nicht in den Vereinen einbringen wollen. Für das Ehrenamt und die sozialen Strukturen kann das gefährlich werden. Noch habe jeder Verein im Ort wohl genügend "Futter", sagt Kaiser. "Nur, wie es in ein oder zwei Generationen aussieht, ist die andere Frage. Wenn unsere Kinder keinen bezahlbaren Wohnraum mehr kriegen, ziehen die halt woanders hin, wo es günstiger ist." Woher die Mitglieder der Vereine in ein paar Jahren kommen, wenn die Preise für die Grundstücke weiter steigen, ist ungewiss. Altruismus ist in den Spielregeln der Marktwirtschaft nicht vorgesehen.

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