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Umweltschutz:Stadt fordert Unternehmen zum Nachvergrünen auf

Speiselokal Pfistermühle am Platzl Karree mit wildem Wein auch Jungfernrebe Parthenocissus tricuspi

Die Pfistermühle in der Altstadt hat schon seit Jahrzehnten eine üppig bewachsene Fassade.

(Foto: Manfred Bail/Imago)
  • Unter dem Motto "Artenvielfalt statt grauer Beton" ermuntert die Stadt derzeit Münchner Läden und Unternehmen, ihre Einrichtungen und Gelände naturnäher zu gestalten.
  • Unternehmen können zum Beispiel Fassaden und Dächer begrünen, Flächen entsiegeln, Fassaden vogelfreundlich gestalten oder Bienenstöcke aufstellen.
  • Eine Begrünung etwa kann Kosten sparen und sich positiv auf das Mikroklima in der Stadt auswirken.

Von Bernhard Hiergeist

Mitten in München, unweit vom Hofbräuhaus, steht die Pfistermühle. Das Gebäude stammt aus dem 16. Jahrhundert, die Räume im Erdgeschoss sind teils gewölbt, die Bruchsteinwände bis zu 70 Zentimeter dick. Den Tausenden Passanten und Touristen, die hier täglich vorbeikommen, fällt das aber gar nicht auf. Sie sehen etwas anderes: Seit gut 30 Jahren ist das Gebäude dicht bewachsen mit Wildem Wein.

Bewässert werden muss der Wein nicht, erklärt Eric Weiler, der Technische Leiter im Platzl-Hotel, zu dem die Pfistermühle gehört. Regenwasser und das Wasser vom unterirdischen Pfisterbach reichen aus. Die Pflanze wuchert aber und muss mehrmals im Jahr beschnitten werden. Aber das ist es wert, findet Weiler. "Die Mitarbeiter lieben es, die Touristen lieben es, immer wieder werden Fotos gemacht", sagt er. "Es passt wahnsinnig gut zum Gebäude."

In Zukunft könnten gerne mehr Gebäude so aussehen wie die Pfistermühle, zumindest wenn es nach der Stadt geht. Unter dem Motto "Artenvielfalt statt grauer Beton" ermuntert sie derzeit Münchner Läden und Unternehmen, ihre Einrichtungen und Gelände naturnäher zu gestalten. "Mehr Grün im eigenen Betrieb zu fördern, bedeutet viel mehr als nur dem Zeitgeist oder einem aktuellen Trend zu folgen", sagt Umweltreferentin Stephanie Jacobs. "Unternehmen leisten damit einen nachhaltigen Beitrag zum Erhalt der biologischen Vielfalt und zur Klimaanpassung."

Unternehmen können ein ganzes Bündel von Maßnahmen ergreifen: Fassaden und Dächer begrünen, Flächen entsiegeln, Fassaden vogelfreundlich gestalten, Bienenstöcke aufstellen oder wuchernde Blühwiesen anpflanzen. In Absprache mit dem Baureferat ist nun auch eine Förderung möglich, die bislang Wohngebäuden vorbehalten war.

Dabei sieht mehr Grün nicht nur ansprechender aus, ist gut fürs Image und fördert laut Studien auch Motivation und Kreativität der Mitarbeiter. Es kann sich auch ganz handfester Nutzen einstellen, weiß Wolfgang Heidenreich vom Begrünungsbüro, das der Verein Green City mit Finanzierung der Stadt betreibt. 2014 hat das Büro den Betrieb aufgenommen, Heidenreich und ein Kollege halten Vorträge und beraten Eigentümer oder Hausverwaltungen. In Zukunft, hofft Heidenreich, auch gerne mehr Unternehmen.

Mehr Pflanzen heißt mehr Verdunstung, heißt mehr Schatten, bedeutet insgesamt kühlere Temperaturen

Der Gedanke dahinter: Der Klimawandel wirkt sich konkret vor Ort aus. In Form von Dürren oder Hitzewellen, wie etwa im "Jahrhundertsommer" 2003, als es europaweit geschätzt 70 000 Hitzetote gab. Seitdem sind die Sommer noch heißer geworden. Und wegen des Betons, Glases und Asphalts seien dicht besiedelte Gebiete besonders betroffen. "Vor allem Städte müssen sich anpassen", sagt Heidenreich. Grünflächen könnten für eine Kühlung sorgen, aber die werden seit Jahrzehnten immer weniger. Der Platz wird zum Bauen gebraucht, der Druck auf den Münchner Grüngürtel wächst.

Der Ansatz darum: Nachverdichten mit Grün, im Grunde also eher: Nachvergrünen. Durch begrünte Fassaden und Dächer könne man Geld sparen, sagt Heidenreich, weil im Sommer weniger Energie zum Kühlen und im Winter zum Heizen gebraucht werde. Auf entsiegelten Flächen könne Regenwasser versickern, man spart sich Abwassergebühr. Ein naturnahes Firmengelände bringe zwar erst einmal nur dem einen Unternehmen etwas. Viele solcher Anlagen im Verbund hätten aber durchaus einen Einfluss auf das Mikroklima in der Stadt. Mehr Pflanzen heißt mehr Verdunstung, heißt mehr Schatten, bedeutet insgesamt kühlere Temperaturen.

Jeder begrünte Quadratmeter Dach helfe natürlich, sagt Heidenreich. "Aber Unternehmen haben ganz andere Möglichkeiten, denen stehen tendenziell viel größere Flächen zur Verfügung." Eine Firma habe vielleicht Lager- oder Produktionshallen, und eine Halle dann zwei bis dreitausend Quadratmeter Flachdach, rechnet Heidenreich vor. Dazu fünf, sechs Meter hohe Fassaden, wenige Fenster. Ein Traum für alle Fassadenbegrüner. Eigentümern von Immobilien hätten aber häufig Vorbehalte gegen Grün an Gebäuden, sagt Heidenreich. Sie fürchteten zum Beispiel, dass Pflanzen Dächer undicht machen oder Kletterpflanzen die Fassade aufbrechen und obendrein Mäuse und Spinnen anziehen. Dabei kämen Mäuse an jedem Putz hoch, sagt Heidenreich. Und mehr Spinnen bedeuteten auch: mehr Nahrung für Vögel.

Ja, manche Pflanzen können in Mauerwerk eindringen, aber: "Viele Vorbehalte kommen durch falsche Pflege oder falsche Installation", sagt Heidenreich. Bei Verbundsystemen zur Dämmung etwa sollte man auf keinen Fall eine Kletterhilfe andübeln. Die müsse anders befestigt werden. "Manchmal sind auch die Pflanzen falsch ausgewählt." Blauregen zum Beispiel wächst sehr hoch. An einer zu niedrigen Wand kann er Dübel herausreißen. Umso wichtiger sei es, erst einmal ein Konzept für das eigene Gelände zu finden. Ein erster Schritt für Unternehmer könne sein, sich auf der Internetseite zu informieren und dann einen Termin für die Beratung vor Ort zu vereinbaren.

© SZ vom 21.11.2019/huy
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