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35 Jahre Münchner Umweltinstitut:Institut des Widerstands

Übergabe von 180.000 Unterschriften gegen Patente auf Saatgut!

Heute kämpft das Institut gegen Patente auf Saatgut.

(Foto: Florian Peljak)

Vor 35 Jahren gründeten Aktivisten unter dem Eindruck der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl das Münchner Umweltinstitut. Heute machen sie mobil gegen Herbizide oder Freihandelsabkommen.

Von Thomas Anlauf

Es ist ein sonniger 26. April im Jahr 1986, als knapp 1400 Kilometer nordöstlich von München eine tödliche Wolke in den Himmel steigt und nach Westen zieht. Doch auch Tage, nachdem es im Atomkraftwerk in Tschernobyl zur Kernschmelze kommt und radioaktive Strahlung nach Nord-, Süd- und Westeuropa getragen wird, genießen die Münchner ahnungslos den Frühling. Die Physikerin Karin Wurzbacher weiß zu diesem Zeitpunkt ebenfalls noch nicht, dass es auf dem Gebiet der heutigen Ukraine zu einem GAU gekommen ist.

Am 29. April 1986 erreicht sie die Nachricht. "Dann hat sich alles überschlagen", sagt sie heute. Ein schweres Gewitter geht über der Stadt und die umliegenden Landkreise nieder. Teile der radioaktiven Wolke regnen nieder: der Fallout.

Auch 35 Jahre nach der Reaktorexplosion von Tschernobyl sind vor allem in Südbayern besonders Wildschweine und bestimmte Pilzarten noch stark mit Cäsium-137 belastet. Im Frühjahr 1986 war die Verunsicherung der Menschen besonders groß. Als Karin Wurzbacher damals kurz nach der Katastrophe mit vielen anderen auf dem Münchner Marienplatz gegen Atomkraft und die miserable Informationspolitik der Regierung demonstrierte, legten sie am Muttertag symbolisch verstrahlte Blumen auf den Platz und verteilten Flugblätter mit Telefonnummern, wo sich besorgte Bürger informieren konnten, wie gefährlich die Strahlung ist.

"Die Telefone standen tagelang nicht still", sagt Wurzbacher, die zu den Gründerinnen des Münchner Vereins "Mütter gegen Atomkraft" zählt. Wissenschaftlerinnen und engagierte Bürger führten Strahlungsmessungen durch und informierten die besorgten Menschen. Daraus entstand das Umweltinstitut München, das sich nun seit 35 Jahren professionell für Aufklärung im Umweltschutz einsetzt.

Umweltinstitut - Geschichte von Thomas Anlauf

Mit Tschernobyl fing es in den Achtzigern an.

(Foto: Umweltinstitut)

Heute ist der Verein, der im Münchner Bahnhofsviertel seine Heimat hat, international gut vernetzt. "Uns hat es von Anfang an nicht gereicht, nur auf lokaler Ebene zu bleiben", sagt Fabian Holzheid, politischer Geschäftsführer des Umweltinstituts. Neben der Atomkraft taten sich schnell weitere Themenfelder auf, die von den heute 23 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern betreut werden.

Schon zwei Jahre nach der Gründung setzten sich die Münchner Umweltschützer beispielsweise für eine gentechnikfreie Landwirtschaft und Lebensmittel ein. Agrargentechnik halten die Experten vom Umweltinstitut für gefährlich und rufen regelmäßig zu Kundgebungen auf. "Wir haben seit dem Jahr 2000 Einwendungen gegen Patente eingereicht", sagt Holzheid. Immer wieder protestieren die Aktivisten vor dem Europäischen Patentamt in München, um auf Gefahren durch Patente in der Agrarindustrie aufmerksam zu machen.

Auch gegen Herbizide wie Glyphosat kämpft das Umweltinstitut seit Jahren. In Südtirol wiederum unterstützen die Aktivisten seit Jahren Bewohner von Mals, die sich für eine pestizidfreie Gemeinde einsetzen. Deshalb gab es sogar Prozesse, denn Südtirol will den Sonderweg des Bürgermeisters und seiner Bewohner nicht akzeptieren.

Umweltinstitut - Geschichte von Thomas Anlauf

Auch Forschung wird betrieben.

(Foto: Umweltinstitut)

Im Mai soll es erneut zu einer Verhandlung kommen, diesmal muss sich Karl Bär, Agrarexperte beim Umweltinstitut, vor Gericht wehren. Der Streit geht letztlich darum, dass sich noch mehr Südtiroler Gemeinden, von denen viele riesige Obstplantagen haben, als pestizidfrei bezeichnen können. Die Südtiroler Landesregierung hält die mediale Unterstützung der Bauern durch das Umwetinstitut - es startete unter anderem eine Anzeigenkampagne für pestizidfreien Obstanbau in Südtirol - für üble Nachrede.

Auch gegen die Freihandelsabkommen TTIP und Ceta mobilisiert das Umweltinstitut. So hat der Münchner Verein nach eigenen Angaben die europäische Initiative "Stop TTIP" maßgeblich mitgestaltet und auch in München große Kundgebungen organisiert. Und als überall große Mobilfunkmasten auch in Wohngebieten aufgestellt wurden, waren die Umweltschützer bei besorgten Anwohnern gefragt, die wissen wollten, wie gefährlich die Strahlenbelastung vor der Haustür ist. "Wir haben einen Zweiklang", sagt Holzheid. "Da sind weiterhin unsere Messprojekte und auf der anderen Seite unsere politischen Forderungen."

Die Atomkraft bleibt allerdings auch 35 Jahre nach der Gründung des Umweltinstituts eines der Kernthemen. Derzeit kämpfen Karin Wurzbacher, die sich seit vielen Jahren im Umweltinstitut engagiert, und andere Experten darum, dass der Forschungsreaktor in Garching abgeschaltet wird. "Wir haben da gute Argumente", sagt die Starnberger Physikerin. Sie bezeichnet den Reaktor als "Garchinger Sündenfall". Denn dort werde auch atomwaffenfähiges Material verwendet. Dabei habe die Bundesaufsicht vor vielen Jahren verfügt, dass der Reaktor bis 2010 hätte umgerüstet werden sollen. "Da ist aber nie etwas rausgekommen", sagt Wurzbacher.

Der lange Widerstand des Umweltinstituts, zahlreicher anderer Umweltorganisationen und Hunderttausender Menschen, die immer wieder gegen Atomkraft auf die Straße gegangen sind, hat dennoch viel bewirkt: "Wir dürfen nicht vergessen, dass wir alle zusammen den Atomausstieg geschafft haben", sagt Karin Wurzbacher.

Natürlich ist ihr klar, dass die Reaktorkatastrophe von Fukushima vor zehn Jahren letztlich den Ausschlag für den Atomausstieg in Deutschland war. Sie erinnert sich noch gut, dass damals im Umweltinstitut ständig die Telefone klingelten, weil besorgte Bürger wissen wollten, was sie denn überhaupt noch bedenkenlos essen könnten. Da half dem Team die langjährige Erfahrung der Kernphysikerin. Heute kann sie darüber lachen, als die Atomkraftgegnerin früher in Anlehnung an die Radioaktivitätseinheit spöttisch "Becquerelli" genannt wurde.

© SZ vom 26.04.2021/sonn
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