Typisch deutsch:Die Regierung der Ampel

Lesezeit: 2 min

Typisch deutsch: Nur bei Grün darf man gehen - das sollen vor allem die Kinder lernen.

Nur bei Grün darf man gehen - das sollen vor allem die Kinder lernen.

(Foto: Imago)

Es gibt Momente, da kann man ruhig bei Rot über Münchens Fußgängerampeln gehen. Diese Ansicht teilte unsere Autorin solange, bis ihre Tochter laufen lernte.

Kolumne von Lillian Ikulumet

Die Münchner sind so sehr auf ihre Regeln bedacht, dass sie nicht davor zurück scheuen, jeden darauf hinzuweisen, der davon abweicht. Nehmen wir das Überqueren von Straßen: Spaziert man außerhalb der grünen Periode in Reichweite von Ampeln, darf man sich vernichtenden Blicken und harten Urteilen von allen Seiten gewiss sein. Dass weit und breit kein Auto zu sehen ist, spielt in der Übertritts-Bewertung keine Rolle. Den größten Fauxpas begeht, wer in Eile kurz nach dem Umschalten auf Rot noch über die Straße läuft und in Sichtweite von jungen Verkehrsteilnehmern ist. Man wird dann mit Worten bombardiert, Kategorie unhöflich.

Ich werde nie vergessen, wie eine ältere Dame beim Gassigehen mich anbrüllte, als ich an einem Sonntagabend eine völlig verlassene Straße bei Rot kreuzte. Sie war außer sich, als hätte ich ihren Hund mit einer Dampfwalze geplättet. Das Überqueren der Straße bei Rot gehört in Uganda dazu wie in München die Straßenverkehrsordnung. Wo ich herkomme, gilt die ungeschriebene Regel: Wer sich nicht selbst vergewissert, dass die Querung der Straße sicher ist, wird nicht lange gesund bleiben. In München hingegen kann einen der Regelbruch an der Ampel nicht wenige Euro bis hin zum Führerschein kosten. Die Begegnung mit der alten Dame hat bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Entscheidend war jedoch eine sehr junge Dame, die vor drei Jahren in mein Leben gekommen ist.

Wer ein Kind bekommt, muss ganz neue Regeln für sich entwickeln. Und nicht selten hilft, auf bereits bestehendes Regelwerk zurückzugreifen. Erkläre mal einem Kind, dass es unter ganz bestimmten Umständen vielleicht durchaus möglich ist, eine rote Ampel zu queren. Viel Glück dabei. Oder besser: Man sollte das lassen. Meine kleine Taliah weiß längst genau, wann sie die Straße überqueren soll und wann nicht. Sie sagt immer "Mummy, rotes Licht, stop", und wenn das grüne Licht aufleuchtet, sagt sie "Mummy, grünes Licht, go". Aus diesem Grund kann ich die Wut und Frustration anderer Eltern verstehen, die mich ansprachen, wenn ich vor ihren Kindern die Farbenlehre der Münchner Ampeln missachtete.

Es bleiben die wenigen Momente, wo ich ohne meine Thalia unterwegs bin. Manchmal ist es schon ärgerlich, dass die Ampelphasen für Fußgänger und Radfahrer so absurd sind. Teilweise brauchen sie extrem lange, um auf Grün zu wechseln, besonders wenn man zu einem Bus rennt. Und nicht selten reicht die Grünphase gerade bis zur Straßenhälfte. Auf halber Strecke hupen von der Seite schon wieder die Autos. Dies ist sicher ein Grund, warum manche dazu verführt werden, die Ampelregel zu brechen. Ich würde sagen, daran ließe sich arbeiten. Ich für meinen Teil halte mich bei Rot artig zurück. Einmal hielt ich sogar die Hand vor Taliahs Gesicht, weil jemand vor ihren Augen bei Rot kreuzte. Meine Tochter und ich halten es nun so: Wir gehen bei Grün rüber - und prüfen gleichwohl selbst, ob die Straße frei ist. Wir nennen es unsere bayerisch-afrikanische Kombiregel.

Zur SZ-Startseite

SZ-Kolumnisten
:Wenn die Bleibe zum Zuhause wird

Drei geflüchtete Journalisten schreiben in der neuen SZ-Kolumne "Typisch deutsch", wie München sie verändert hat.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB