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Party-Brennpunkt in München:Abwarten ist keine Strategie - was die Polizei tun soll

Türkenstrasse Partymeile

Die Menschen müssen die Türkenstraße verlassen - und schieben sich über rote Ampeln, an Autos und Bussen vorbei.

(Foto: CATHERINA HESS/Catherina Hess)

Zu hoffen, dass die Freiluftpartys in eng bebauten Stadtquartieren von alleine verschwinden, ist unrealistisch. Stadt und Polizei brauchen ein Konzept für Vorfälle wie in der Türkenstraße.

Kommentar von Bernd Kastner

Das Leben kehrt zurück in die Stadt, und an manchen Orten ist dieses Leben lauter und wilder als vor der Pandemie. Es ist, als wollten die jungen Leute nachholen, was sie versäumt haben. Das dürfen sie, das sollen sie, wer würde das nicht verstehen. Selbst jene verstehen das, die unter diesem lauten Leben leiden, die Anwohner von Münchens Feiermeilen, aktuell vor allem jene, die an der Türkenstraße wohnen. Dass die sich über Lärm, Müll, Ekel aufregen, auch das ist verständlich. Was also tun?

Alles auf Corona zu schieben und zu hoffen, dass die Freiluftpartys in eng bebauten Stadtquartieren ein vorübergehendes Phänomen sind und bald verschwinden, wenn die Clubs wieder öffnen, ist zu einfach und wohl auch unrealistisch. Laufen lassen wie die letzten Wochenenden, würde die einen noch wütender machen und die anderen gefährden. Zunächst sollte die Polizei ihr Einsatzkonzept überdenken.

Wenn sie die Türkenstraße räumt, dann bitte nicht mehr so wie am Samstag. Da schoben Polizisten die Feiernden von der Türken- in die Schellingstraße, von einem Gedränge ins nächste, und dann weiter gen Amalienstraße, ohne diese Straßen für den Verkehr zu sperren. So trafen die oft alkoholisierten und unvorsichtigen Menschen auf Autofahrer, die sich durch die Menge zwängen wollten.

In Schwerpunkt-Nächten sollte die Polizei das Areal rund um die Uni für den Verkehr sperren, um schlimme Unfälle zu vermeiden. Die Durchfahrt für den Poser im Sportwagen darf nicht wichtiger sein als die Sicherheit vieler Hundert Menschen. Und obendrein, je mehr Platz die Menschen haben, desto geringer ist das Infektionsrisiko.

Jenseits der Polizeitaktik ist die Stadtverwaltung gefragt für langfristige Konzepte. Was bisher an Gesprächen lief, reicht nicht. Die Anwohner fühlen sich nicht ausreichend gehört und einbezogen. Aufgabe der Stadt ist es, alle berechtigten Interessen ernst zu nehmen und auszutarieren. Einfach ist das gewiss nicht, wie das im Einzelfall gehen kann, müssen Fachleute klären. Sicherlich ist es dafür nötig, die Beteiligten zusammenzubringen. Nur so lernen sie, sich gegenseitig zu verstehen und ihre Bedürfnisse zu respektieren.

Wenn die Anwohner die fröhlichen Leute vor ihrer Tür nicht mehr als "Mob" bezeichnen, ist das ein erster Schritt. Wenn die Jungen lernen zu feiern, ohne Glasflaschen zu zerschlagen, dann ist das ein weiterer Schritt. Und wenn die Stadt sich überlegt, wie sich der Wunsch der Jugend nach Party erfüllen lässt, wenn sie Locations anbietet, die keine Anwohner stören, dann ist noch mehr gewonnen. Ein Miteinander ist machbar, jetzt, da wieder Leben ist in der Stadt.

© SZ vom 21.06.2021/infu
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