Kritik:Tanz der Maschinen

Der Mensch ist nicht mehr die Spitze der Schöpfung? Im Theater Hoch X sieht das bei der Performance "Hibernation" sehr danach aus.

Von Yvonne Poppek, München

Klimaschutz, Nachhaltigkeit, Digitalisierung - diese Begriffe hat man in jüngster Zeit öfter gehört als die Glocken einer Wallfahrtskirche. Sie mit Inhalt zu füllen ist freilich schwierig, da reicht manche Politdebatte nicht aus. Umso faszinierender ist es, dass diese Themen einem näher rücken können, ohne dass ein einziges Wort fällt, ohne Studie, ohne Zahlen, ohne Bilder abschmelzender Gletscher. Im Theater Hoch X, das kürzlich mit dem Theaterpreis des Bundes ausgezeichnet wurde, hat man sich an dieses Experiment gewagt. "Hibernation" heißt die Produktion von Samuel Hof, mit der die Spielsaison am Mittwoch eröffnet wurde. Mensch und Maschine hat er hier zusammengespannt. Und um es schon vorwegzunehmen: Der Mensch ist hier gähnend langweilig.

Sie sehen zwar aus wie Menschen, sind aber eigentlich nur noch Füllmaterial

Das wiederum ist Konzept. Die beiden Performer Antje Töpfer und Folkert Dücker rollen auf Hoverboards herein. Doch da hat ihnen ein kleiner Schweinwerfer bereits die Show gestohlen. Auf eine Stange montiert und einen fahrbaren Untersatz geschraubt, hat er zuvor die Bühnenplattform umrundet und E.T.-mäßig Sympathiepunkte gesammelt. Während er quasi treuherzig in ein paar Kunstschneeflocken leuchtet, mühen sich Töpfer und Dücker auf der von Verpackungsmüll dominierten Bühnenplattform ab. Degeneriert, in Schutzanzüge verstaut, des Gehens, Redens und Interagierens unfähig sehen sie zwar aus wie Menschen, sind aber vielleicht doch mehr Füllmaterial für ihre Plastikverpackung. Was die Bühne belebt, sind fünf flinke Saugroboter, der praktische Mopsersatz des 21. Jahrhunderts. Es ist eine verkehrte Welt.

"Hibernation" bedeutet Winterschlaf oder auch Ruhezustand elektronischer Geräte. Hof hat in seiner mit vielen starken Bildern durchsetzten, bisweilen auch enervierenden Produktion das Lebende in eine Art Dämmerzustand versetzt, zugedeckt von Müll und menschlichen Erfindungen. Doch zugleich sucht er nach Spuren der Lebendigkeit oder eher: des Lebens. In der Performance, die Michael Fiedler in eine Elektrosound-Wolke taucht, steht längst nicht mehr der Mensch an der Spitze der Schöpfung. Vielmehr geht es zurück, in den von Kleinstlebewesen durchsetzten Dreck.

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