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Solln:Fenster mit Herzchen

Eine wundersame Verwandlung: Mit Aufwand und viel Liebe zum Detail haben Peter Schlögl und sein Architekt Philip Truelsen die alte Bäckerei an der Kurzbauerstraße zu einem stilvollen Wohnhaus gemacht

Von Jürgen Wolfram, Solln

Wenn in Alt-Solln Neubaupläne ruchbar werden, reagieren Anwohner, Lokalpolitiker und Denkmalschützer heutzutage um einiges hellhöriger als noch vor Jahrzehnten. Zu viele Bausünden, zu viel Gesichtsverlust sind zu beklagen. Seit einiger Zeit droht deshalb sogar die Streichung des Dorfkern-Ensembles aus der Denkmalliste. Heftig umkämpft waren vor diesem Hintergrund Abrisspläne für die rund 170 Jahre alte Bäckerei Popp an der Kurzbauerstraße. Als die Eigentümerfamilie ihre Immobilie aus Rentabilitätsgründen einer Bauträger-Gesellschaft verkaufte, herrschte regelrecht Alarmstimmung im Münchner Süden. Doch die Bauträger ließen ihr Vorhaben nach monatelangem Gezerre entnervt fallen, begnügten sich mit der Errichtung zweier Wohnhäuser im rückwärtigen Teil des Grundstücks.

Das historische Gebäude ging ins Eigentum des Immobilienentwicklers und Kaffeerösters Peter Schlögl über. Der verbreitete Argwohn nahm deshalb nicht ab, ganz im Gegenteil. Würde der neue Eigentümer die Bäckerei unter Missachtung des Ensembleschutzes einfach wegrasieren, so wie es im Fall des Uhrmacherhäusls in Giesing geschehen war? Drohte wieder einmal das Verschwinden eines historisch wertvollen Elements aus dem Ortsbild? Es kam anders, ganz anders.

Architekt PhilipTruelsen hat den Blick für's Ganze.

(Foto: Stephan Rumpf)

Peter Schlögl und sein Architekt Philip Truelsen (Tream Architekten) stehen am Eingang des Anwesens Kurzbauerstraße 9 und können es kaum erwarten, ihr Gemeinschaftswerk zu präsentieren. Beide sind ausgewiesene Liebhaber reizvoller Altbauten, und was sie aus der ehemaligen Bäckerei gemacht haben, nötigt Nachbarn und Kollegen gleichermaßen Respekt ab. Unter Wahrung der behördlichen und politischen Maßgabe, Fassade und Kubatur denkmalgerecht zu erhalten, verwandelten sie das Handwerkerhäuschen mit der Backstube in ein formidables Wohnhaus, modernes Innenleben inbegriffen. Der Laden, in dem einst Gebäck in Holzregalen duftend auf Kunden wartete, ist inzwischen ein Büro. Schlögls "Home-Office".

Wie zum Beweis seiner besten Absichten, ist Schlögl mit Frau und Tochter vor knapp einem Jahr gleich selbst eingezogen. Eine zweite, kleinere Wohnung ist an eine Freundin vermietet. Bis Weihnachten sollen "aus den letzten nackten Glühbirnen echte Lampen" und der Traum vom Leben in historischem Ambiente endgültig wahr werden. Der Immobilienfachmann ist froh, beherzt zugegriffen zu haben, als die Bäckerei nach drei Jahren Leerstand zum Kauf angeboten wurde. Entdeckt hatte er sie auf einer Internet-Plattform.

Kleine Wasserspeieran befinden sich an der Dachrinne.

(Foto: Stephan Rumpf)

Der erste flüchtige Eindruck einer "abgefaulten Hütte" hinderte Schlögl nicht, Tempo zu machen. Umgehend kontaktierte er den Makler, "und innerhalb von 14 Tagen war die ganze Übernahme erledigt". Als Fachmann ist ihm klar gewesen, dass diese Sanierung teurer werden würde als ein Neubau. Trotzdem konnte er nicht widerstehen. Den Umzug aus der Innenstadt an den südlichen Stadtrand, er hat ihn nicht bereut. "In Solln finden wir alles, was wir brauchen."

Welcher Mühen es bedurfte, aus dem maroden Bäckerei- und Wohngebäude an der Kurzbauerstraße wieder ein prägendes Stück Alt-Solln zu machen, schildert anschaulich Architekt Truelsen. Nicht nur wegen der aufmerksamen Beobachtung durch Anwohner, Lokalbaukommission und Denkmalbehörden, sondern auch dem eigenen Ehrgeiz des Altbausanierers zuliebe sei er behutsam vorgegangen. Dabei galt es, eine lange Aufgabenliste abzuarbeiten. Die Sanierung sei "umfassend, eine Herausforderung" gewesen, erinnert sich Truelsen. Denkt man an die fällige Teilunterkellerung, eine "zeitgemäße Wärmedämmung im alten Fassadenkleid", die Kompletterneuerung von Fenstern und Dachgauben, die Schaffung eines halbwegs dezenten Durchgangs zu den Gebäuden im rückwärtigen Grundstücksteil, klingt das fast nach Understatement.

Bei der Sanierung wurden keine Mühen gescheut.

(Foto: Stephan Rumpf)

Ins Innere der ehemaligen Bäckerei haben Schlögl und Truelsen mehr als 300 Quadratmeter Wohnfläche gezaubert. Für den Architekten ist damit eine Konzeption erfüllt, "die zum Bauherrn passt". Die Idee der Nutzung, deren baurechtliche Seite und die Wirtschaftlichkeit der ganzen Unternehmung - alles füge sich ideal. Fieberhaft gespart worden ist erkennbar nicht, weder bei der Ertüchtigung des Dachstuhls noch bei der energetischen Sanierung oder den Dachterrassen. Fensterläden mit Herzchen, eine Verzierung des kupfernen Vordachs zeugen von Detailverliebtheit. "Ich mag Häuser mit Seele lieber als neue Schachteln", sagt Schlögl. Die Anerkennung der Fachwelt für die "sensible Sanierung" in Alt-Solln macht ihn nicht wenig stolz. Nachhaltig verstimmt hat ihn indes eine Sendung des Bayerischen Rundfunks aus der Zeit vor seinem Renovierungscoup, in der er "unter Generalverdacht" gestellt worden sei, historisch wertvolle Bausubstanz verhunzen zu wollen. Nun denn: Der Gegenbeweis ist längst erbracht.

Heute quälen Schlögl höchstens noch "übergriffige Mitbürger". Das sind Leute, die sich nicht scheuen, seine Gartentür zu öffnen, um einen Blick ins Büro zu werfen, das einst ein Bäckerladen gewesen ist. Soll jede Woche vorkommen, die Glotzerei. Der Neu-Sollner denkt bereits darüber nach, sich mit einer Hecke oder Schautafel Sichtschutz zu verschaffen. Doch sind das erwartbare Nachwehen eines Bauprojekts, das aus der Ferne weniger spektakulär erscheint, als es in Wirklichkeit ist. Es könnte als Anregung dienen, wenn das Referat für Stadtplanung und Bauordnung - spät genug - an seinem Rahmenplan für Alt-Solln weiterfeilt.

© SZ vom 30.10.2020/van
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