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Pilotprojekt:Nur Anwohner sollen auf der Schwanthalerhöhe Autofahren dürfen

Best-Practise-Beispiele zu Radverkehrs-Infrastruktur in anderen Ländern für das Projekt "InnoRad"

Vorbild Barcelona: In der katalanischen Großstadt gehören Superblocks inzwischen zum Straßenbild.

(Foto: ADFC)

Der entsprechende Pilotversuch startet im kommenden Sommer. Die Initiatoren wollen mit Online-Debatten zum Mitmachen motivieren, bei der ersten geht es um Verkehrssicherheit.

Von Andrea Schlaier, Schwanthalerhöhe

Die Schwanthalerhöhe gehört mit 14 000 Einwohnern pro Quadratkilometer zu den am dichtesten besiedelten Vierteln der Stadt, die Straßen überwiegend schmal, die Konkurrenz darauf groß: Platzhirsch ist mit großem Vorsprung das Auto, Nutzer wie Fußgänger und Radfahrer müssen sich mit dem begnügen, was übrig bleibt. Nicht gut, finden viele im Viertel, nicht gut, findet auch die Münchner Initiative Nachhaltigkeit (MIN), die im Verbund mit Studierenden der LMU und den Stadtviertelpolitikern ein Alternativmodell umsetzen will: Ein Karree, der sogenannte Superblock, soll im Sommer 2021 versuchsweise autoreduziert werden. Reinfahren darf nur, wer dort wohnt. Dieser "Westend Kiez" umfasst das Geviert Kazmair-, Ganghofer-, Schwanthaler- und Schießstättstraße. Mit der ersten von drei Online-Veranstaltungen wurden die Anwohner jetzt ins Konzept des Pilotversuchs einbezogen.

Sylvia Hladky, die für MIN die Fäden in der Hand hält, bringt als Vorstandsmitglied des Netzwerks Klimaherbst und einstige Leiterin des Verkehrszentrums auf der Theresienhöhe reichlich Erfahrung mit. Durch temporäre Maßnahmen, so ihre Überzeugung, könnten Verkehrslärm und Luftschadstoffe verringert und Freiraum für die Bewohner gewonnen werden. Wie in Barcelona und Madrid, die solche Superblocks inzwischen eingerichtet haben.

Die Akzeptanz für derlei Feldversuche hängt oft wesentlich damit zusammen, dass die unmittelbar Betroffenen rechtzeitig eingebunden werden. Deshalb gibt's auch im Westend drei Anwohnerrunden (www.m-i-n.net/manufaktur-2), die erste beschäftigte sich jetzt online mit der Verkehrssicherheit im Kiez, vor allem was die jungen Westendler angeht. An die 50 Interessierte diskutierten mit. Michael Schelle (Grüne), Kinder- und Jugendbeauftragter des Bezirksausschusses und Moderator der Online-Runde, hat als zweifacher Vater erfahren, "dass Kindern oft der Einblick fehlt in die von beiden Seiten zugeparkten Straßen. Das ist gefährlich". Bestes Beispiel sei die Kreuzung Schießstätt-, Schwanthaler-, Holzapfelstraße, über die viele Väter und Mütter ihre Grundschulkinder gar nicht mehr alleine gehen ließen.

"Kindermobilität", die Erfahrung bringt Monika Popp in die Runde mit ein, "wird im Stadtraum oft nicht berücksichtigt". Die Lehrbeauftragte des Department Geografie an der LMU begleitet das Projekt mit 14 Studierenden. Die Zahl der Kinderunfälle im Viertel sei zuletzt zwar zurückgegangen, aber vielleicht auch deshalb, weil viele von ihren Eltern zur Grundschule begleitet werden; auf 47 Prozent und damit überdurchschnittlich viele treffe dies zu.

Wie aber mehr und sicheren Raum für alle schaffen? Die Vorschläge der Chat-Runde zielten auf bekannte Verbesserungen für alle Generationen: nur noch einseitige Parkspuren entlang der Straßen, härtere Sanktionen für Falschparker, mehr Polizeikontrolle, höhere und damit abschreckend hohe Parkgebühren. Hier setzen auch die Ideen der Gruppe um Hladky an, die konkret für den künftigen Superblock gelten könnten: Der ruhende Verkehr sollte für die Dauer des Versuchs in die mitunter recht leeren Parkhäuser des Quartiers verlagert, neue Mobilitätsangebote sollen entwickelt werden. Etwa Rikscha-Dienste als Zulieferer. Per Lastenfahrrad verteile UPS in der Schwanthalerhöhe bereits seine Pakete. Man sei mit der MVG im Gespräch wegen Ladestationen für E-Lastenräder.

Sonntagnachmittags könne der Westend Kiez zum Spielbereich werden, sagt Hladky, "das gibt's aber nur da, wo sich Eltern dafür einsetzen". Im Frühjahr soll das Projekt mit entsprechenden Aktionen begleitet werden. "Parallel dazu", kündigt sie an, "wollen wir Lärm- und Stickoxid-Messungen machen." Am 16. Januar werden die Anwohner zur zweiten Runde gebeten - samt ihrer Ideen für neue Mobilitätsformen und weniger Platzhirsch-Denken.

© SZ vom 16.12.2020/infu
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