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Schwabing:Das Fahrrad reicht - außer am Wochenende

Projekt Umparken

Platz für Räder, E-Scooter und Fußgänger: Im Projekt "Umparken" wurde die Fahrbahn zur Spielstraße. "Augmented Reality" simulierte, wofür der öffentliche Raum sonst noch genutzt werden könnte - wenn man nur die Autos wegbrächte. Simulation: UnternehmerTUM/Digital Hub Mobility

Beim Projekt "Umparken" verzichten acht Testhaushalte einen Monat lang auf ihr Auto zu Gunsten eines Mobilitätsbudgets von 300 Euro. Das Experiment kommt an - manche Familie gibt das Auto sogar ab.

Von Ellen Draxel

München ist eine Autostadt. Auf tausend Einwohner kommen einer aktuellen Studie von BMW zufolge in der bayerischen Metropole 524 Pkw-Besitzer, in Berlin dagegen sind es - zum Vergleich - nur 328. Aber werden diese Fahrzeuge auch alle benötigt? Oder wäre es für einige Städter denkbar, zugunsten von besserer Luft und mehr öffentlichem Raum auf ihr Auto zu verzichten?

Bernhard Kalkbrenner und Maximilian Ritz von dem im Innovations- und Gründerzentrum Unternehmer-Tum angesiedelten "Digital Hub Mobility" sind davon überzeugt. "Das Potenzial ist da", sagt Kalkbrenner. "Wir haben in München rund 530 000 Privatfahrzeuge, aber ein Drittel davon wird nur selten genutzt." Fielen die Parkplätze für diese selten bewegten Autos weg, gewänne man in der Stadt zusätzlichen öffentlichen Raum in der Größe von 250 Fußballfeldern. Noch aber sind die Bedingungen, ihr Fahrzeug aufzugeben, vielen Autofahrern nicht attraktiv genug.

Das ist das Resümee aus einem Pilotprojekt, das von Mitte August bis Mitte September mit einem Team aus Wirtschaft, Wissenschaft, Start-Ups und der Stadt unter der Federführung von Kalkbrenner und Ritz im westlichen Schwabing stattgefunden hat. Unter dem Motto "Umparken" tauschten acht Haushalte ihr privates Auto freiwillig gegen ein Mobilitätsbudget von 300 Euro. Mit diesem Geld, das den durchschnittlichen Kosten für einen Pkw im Monat entspricht, konnten die 15 Teilnehmer Bahn fahren, den öffentlichen Nahverkehr nutzen oder sich einen Camper, ein Rad, einen E-Scooter oder ein Carsharing-Fahrzeug mieten. Ihr eigener Wagen parkte derweil am Stadtrand und machte damit Platz für die Umgestaltung einer kleinen Nebenfahrbahn an der Ecke Hohenzollern-/Hiltenspergerstraße zur Spielstraße.

"Wir hatten an der Stelle, an der sonst Autos stehen, einen kleinen ,Urban Garden' eingerichtet, es gab eine Fahrradabstellanlage und eine Parkzone für E-Kickscooter", sagt Kalkbrenner. Außerdem konnte man mithilfe einer "Augmented-Reality"-Anwendung der Initiative Velo-Hub erleben, was sonst auf diesem Raum noch alles möglich wäre: verweilen und kommunizieren etwa, aber auch reparieren und lagern. "Das Feedback zu unserem Projekt war sehr positiv, gerade auf Seiten der älteren Leute", freut sich Kalkbrenner. Vier Wochen lang dauerte das Experiment. In dieser Zeit verbrauchten die acht Testhaushalte die 300 Euro des Mobilitätsbudgets nicht, sie kamen mit durchschnittlich weniger als 200 Euro aus.

Projekt Umparken

Für Zweiräder war reichlich Platz zum Abstellen.

(Foto: UnternehmerTUM / Digital Hub Mobility)

Der Grund: Ihr wichtigstes Verkehrsmittel im Alltag war das eigene Fahrrad. Damit fuhren sie in der Regel zur Arbeit und zum Einkaufen. Wichtig wurden die Mobilitätsangebote während der Projektphase daher eher am Wochenende und für den Urlaub: In Ermangelung des eigenen Autos, das ihnen bisher als "kleiner Luxus" galt, nutzten die Teilnehmer für Ausflüge vor allem die Bahn und Carsharing-Angebote. "Die Züge waren aber wohl oft überfüllt, was mit Kindern nicht so toll war", weiß Kalkbrenner. Und die Kosten für Mietautos fanden die Testpersonen viel zu teuer.

Immerhin: Drei Haushalte haben am Ende der Testphase ihr Auto abgegeben - "eine sehr gute Quote", wie Maximilian Ritz findet. Die "Herausforderung" bestehe nun darin, das Wochenend-Angebot zu optimieren. Denn bislang träfen die Sharing-Angebote der Stadt nicht immer ins Ziel. Eine Einschätzung, die das Kreisverwaltungsreferat bestätigt: "An Wochenenden kann es bei den Sharing-Unternehmen zu Auslastungsspitzen kommen, was dann dazu führt, dass Münchnerinnen und Münchner kein adäquates Angebot für ihre Wochenendpläne vorfinden", meint Sprecher Johannes Mayer. Die Kapazitätserhöhung sei daher aus städtischer Sicht "ein wichtiger Aspekt". Letztlich bleibe eine Flottenerweiterung aber eine unternehmerische Entscheidung der jeweiligen Firmen.

Projekt Umparken

Geglücktes Experiment: Kommunikation und Begegnung fanden auf der Straße statt.

(Foto: UnternehmerTUM / Digital Hub Mobility)

Die Verwaltung bereitet derzeit jedoch eine Shared-Mobility-Strategie vor, die kommendes Jahr dem Stadtrat vorgelegt werden soll und in der dieser Aspekt ebenfalls eine Rolle spielt. Außerdem haben die Stadtratsfraktionen von Grünen/Rosa Liste und SPD/Volt Mitte September einen Antrag gestellt, von städtischer Seite aus an ausgewählten Wochenenden Busfahrten für Ausflüge in die Berge bereitzustellen - aus ökologischen Gründen und "für Menschen, denen solche Ausflugsziele ansonsten verwehrt bleiben, da sie keinen eigenen Pkw besitzen". Die Fahrzeuge für dieses Pilotprojekt, dessen Umsetzung derzeit das Wirtschaftsreferat prüft, soll die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) bereitstellen.

Bernhard Kalkbrenner und Maximilian Ritz jedenfalls wollen sich nun gemeinsam mit Velo-Hub und den Start-Up-Mobilitätsdienstleistern Moovster, Veomo und "evhcle", die beim Projekt "Umparken" mit im Boot waren, auf das Kreativquartier an der Grenze von Schwabing-West zu Neuhausen fokussieren. "Um dort das Thema digitale Infrastruktur weiterzudenken."

© SZ vom 09.11.2020/vewo
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