Restaurant Tivu:Ein Lokal mit Potenzial

Lokal Ti Vu, Rumfordstraße 14

Der Innenraum des Tivu ist mit gut 30 Plätzen eher klein, aber klug renoviert. Der Clou sind in die Wände eingelassene LED-Leisten und mit Rauchglas verspiegelte Decken.

(Foto: Florian Peljak)

Mit dem Tivu gibt es ein neues vietnamesisches Restaurant, dessen Konzept sich von der Konkurrenz abhebt. Es bietet viele gute Ideen, hält aber noch nicht immer, was es verspricht.

Von Tankred Tunke

Zuletzt hat in der Stadt gefühlt monatlich ein neues vietnamesisches Restaurant eröffnet - trotz der Pandemie. Angesichts der kulinarischen Herrlichkeit ist davon auszugehen, dass die Tourismusbeauftragten bereits daran arbeiten, München nach dem Titel "nördlichste Stadt Italiens" auch die Marke "westlichste Stadt Vietnams" zu sichern. Leider muss man die Stimmung gleich wieder etwas trüben, denn viele der Lokale sind Anhänger einer Art neo-pan-asiatischer Modulküche. Curry XY plus Tofu/Huhn/Rind - das mag für die schnelle Mittagspause perfekt sein. Doch tauschte man heimlich die Speisekarten allein der drei Neueröffnungen bei uns ums Eck: Niemand würde es bemerken.

Da ist die Nachricht aufregend, dass in der Rumfordstraße, 300 Meter vom Viktualienmarkt entfernt, ein Restaurant aufgesperrt hat, dessen Konzept anders klingt. Mit dem Tivu, so sagen die Brüder Thi und Vu Nguyen, hätten sie sich einen Traum erfüllt. Beide waren ihre Jobs (PR und Marketing) leid und beschlossen, das kulinarische Vermächtnis ihrer Familie in die Zukunft zu führen. Die Eltern kochten in ihrem Lokal früher gute vietnamesische Hausmannskost, mit der die Brüder aufwuchsen. Die besten Gerichte haben die Nguyens nun weiterentwickelt.

Allzu klassische Summer Rolls oder Pho wird man im Tivu vergeblich suchen. Die Karte bietet ausschließlich kleine, immer wieder variierte Gerichte "zum Teilen", wie es schon länger Trend ist. Im Tivu gelingt das offenbar so gut, dass schon Köche es lobten. Ein Restaurant für edle vietnamesische Tapas also, geerdet durch Familientradition und empfohlen von Spitzenköchen? Das klingt nach guter Küche. Oder nach einem verdammt guten Narrativ.

Das Lokal hat einige schöne Außenplätze, auch der Innenraum ist mit gut 30 Plätzen eher klein, aber klug renoviert. Holztische, schönes Licht sowie Polster und Stofftapeten in hellen Grautönen schaffen eine freundliche, moderne Atmosphäre. Der Clou aber sind in die Wände eingelassene LED-Leisten und mit Rauchglas verspiegelte Decken, die den niedrigen Raum effektiv strecken. An alle Makler dieser Stadt, die so gern überschätzte Schuhschachteln anpreisen: So geht Loft-Illusion!

Lokal Ti Vu, Rumfordstraße 14

Edel und modern schaut es aus im Tivu, das Auge speist schließlich mit.

(Foto: Florian Peljak)

Der Service im Tivu ist freundlich, wo etwas nicht erklärt werden kann, wird das durch Charme wettgemacht. Als Start in den Abend empfehlen sich die asiatischen Cocktails, etwa der belebende Yuzu Spritz oder der ernstere Asia Negroni auf Sake-Wermut-Basis (beide 11 Euro). Wir wählen das vielversprechende "Chef's Choice Menu" - neun Gerichte von der Karte gemischt mit "Tages-Specials" (48 Euro pro Person, die Weinbegleitung zu 35 Euro).

Hier kündigt sich ein Problem des Lokals an, das dazu neigt, manche Idee zu vollmundig anzukündigen. So kommt die Kellnerin an den Tisch und druckst herum, dass man die Weine zur Begleitung leider nicht da habe - und bringt dann Weine "als Ersatz", die zwar keine klassische Begleitung für das Servierte sind, aber trotzdem wunderbar. Auch nach dem zweiten Besuch, bei dem wir acht Gerichte von der Karte bestellen, bleibt unklar, wozu es die "Chef's Choice" überhaupt gibt, ein Unterschied zum ersten Abend erschloss sich kaum. Kurzum: Wer unnötig mit Gourmet-Codes rumballert, riskiert, bei den Gästen falsche Erwartungen zu wecken, an denen er dann zu recht gemessen wird.

Das betrifft auch die interessanten, aber mitunter noch leicht verstolperten Gerichte. Manche der schön angerichteten Teller machten großen Spaß, andere waren banal. Doch dass dem Tivu gute Zutaten wichtig sind, merkte man schon an den Salaten, etwa dem aromatischen Tomatensalat mit Yuzu-Dressing, Kräutern und gehobelter Ringelbeete (8 Euro) oder dem toll gewürzten, zart scharfen Papaya-Mango-Salat (9) mit perfekt reifen Mangos, deren Aroma durch Limette noch betont wurde. Die für den nächsten Gang in Ingwer zart ausgebratenen Garnelen (16) stammten aus bester Erdinger Biozucht und waren begleitet von knackigem Karotten-Zwiebel-Ingwer-Gemüse, das in Sojasoße, Zitronengras und Röstaromen gebadet hatte, sehr fein.

Ähnlich gut abgeschmeckt: die in Betelblättern gegarten, fein gewürzten Rinderhack-Röllchen mit Erdnusssoße ("La Lot", 9 Euro). Echtes Soulfood waren auch die Garnelen und Sepia-Ringe in knuspriger Panade mit Chili-Mayo, wobei offen bleibt, ob das Popcorn dazu eher dem Trend geschuldet ist ("Seafood Popcorn", 12). Schlichte Snacks wie Wan Tan (8 Euro), Chicken Dumplings (8) oder der knackige Wasserspinat in Sojasoße erstrahlen ja gerade dann, wenn man ihnen Perfektion angedeihen lässt. Und so hätte mancher Teller noch Schliff verdient: Die zu zahme konfierte Entenkeule etwa hatte geschmacklich keine Chance unter Reispfannkuchen und der dominanten Hoisinsoße, die später leider auch noch das Lamm (serviert mit zu salzigem Zwiebelpüree) erdrückte.

Die SZ-Kostprobe

Die Restaurant-Kritik "Kostprobe" der Süddeutschen Zeitung hat eine lange Tradition: Seit 1975 erscheint sie wöchentlich im Lokalteil, seit einigen Jahren auch Online und mit einer Bewertungsskala. Etwa ein Dutzend kulinarisch bewanderter Redakteurinnen und Redakteure aus sämtlichen Ressorts - von München, Wissen bis zur Politik - schreiben im Wechsel über die Gastronomie in der Stadt. Die Auswahl ist unendlich, die bayerische Wirtschaft kommt genauso dran wie das griechische Fischlokal, die amerikanische Fastfood-Kette, der besondere Bratwurststand oder das mit Sternen dekorierte Gourmetlokal. Das Besondere an der SZ-Kostprobe: Die Autorinnen und Autoren schreiben unter Pseudonym, oft ist dies kulinarisch angehaucht. Sie gehen unerkannt etwa zwei- bis dreimal in das zu testende Lokal, je nachdem wie lange das von der Redaktion vorgegebene Budget reicht. Eiserne Grundregeln: hundert Tage Schonfrist, bis sich die Küche eines neuen Lokals eingearbeitet hat. Und: Nie bei der Arbeit als Restaurantkritiker erwischen lassen - um unbefangen Speis und Trank, Service und Atmosphäre beschreiben zu können. SZ

Manche Nachlässigkeit im Tivu war auch deshalb schade, weil sie gute Ideen torpedierte. Die übergarte Forelle in Sake-Soja-Soße etwa oder das zu sparsam portionierte "hausmarinierte" Roastbeef im "Spicy Beef Salad" (Tagesempfehlung, 10), der leider vor allem aus Sojasprossen in wässriger Soße bestand. Über die trockene Waffel zur Nachspeise schweigen wir lieber - auch weil es immer wieder Lichtblicke gab, wie der gedämpfte, knackige Blumenkohl mit Minzöl, Sesam und Kräutern - eine so einfache wie großartige Kombination.

Das Tivu ist ein schönes Lokal mit Potenzial. Wenn wir uns hier etwas wünschen dürfen, dann vielleicht, dass die Küche manche Teller sorgfältiger zu Ende denkt - und die Gerichte einfach für sich sprechen lässt. Dann gehen auch die Preise in Ordnung, und das (gar nicht so wichtige) Gourmet-Image stellt sich von selbst ein.

Adresse: Rumfordstraße 14, 80469 München, Telefon: 089/37919576, www.tivu-restaurant.de, Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 11.30 bis 14.30 Uhr, Montag bis Samstag 18 bis 22 Uhr

© SZ vom 16.09.2021/vewo
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