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Tourismus:"Ich verabscheue Billigflieger"

Er weiß, wo es hingeht: Gerhard Lind vor seinem Reisebüro in Sendling. Nächstes Jahr will er in den Ruhestand gehen.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Erst wurde das Ende des Reisebüros prophezeit, dann sein großes Comeback. Und jetzt? Besuch bei Gerhard Lind, der seit Jahrzehnten Reisen verkauft - und sich eine Kerosinsteuer wünscht.

Er kennt die Nummern noch alle, aber bald wird er sie nicht mehr brauchen. Er drückt schon heute nur noch selten den Hörer gegen sein Ohr, um von den Wünschen seiner Kunden zu erzählen. Der Reise nach Kreta, dem Marathon in New York.

500 600 01 zum Beispiel. Die Zentrale von Studiosus. Das hat man im Kopf nach all den Jahren, sagt Gerhard Lind und lehnt sich auf seinem Stuhl zurück, verschränkt die Arme hinter seinem Kopf. Die Ärmel seines Polohemds spannen sich. Wenn Lind aus seinem Büro im ersten Stock schaut, sieht er einen blauen Anhänger im Garten. Seinen Anhänger, mit dem er neulich erst die Akten aus dem Keller weggebracht hat. Lohnzettel, Reisekataloge. Abrechnungen. Zwei Tonnen Papier waren das.

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Zwei Tonnen Papier, das sind drei Jahrzehnte, in denen Gerhard Lind Menschen auf Reisen geschickt hat.

Bei manchen Nummern, die er auswendig runter rattert, hebt heute niemand mehr ab. 2101 500 zum Beispiel. Die frühere Zentrale von Tui in München. Hat sich eingebrannt, sagt Lind und tippt mit dem Finger an seine Schläfe. Wenn er nicht schon erzählt hätte, dass er lieber angelt als Golf spielt, könnte man ihn sich mit der hellen Stoffhose gut auf dem Golfplatz vorstellen. Die Schläger aber bleiben meistens in der Ecke seines Büros.

Er hat sein Leben lang Reisen verkauft, den Traum von der Auszeit, auf die manche Monate sparen, manche Jahre. Eine Auszeit, die alles wettmachen soll, was man Zuhause ertragen muss. Er hat Reisen an junge Paare verkauft und an ältere Witwen, an Familien mit Kindern, an Familien ohne Kinder, an Alleinstehende, an Marathonläufer, an Radfahrer. An Einsame. Einmal verstarb ein Kunde im Hotelbett in Thailand. Lind sagt: "Im Laufe der Jahre muss man in meinem Job auf viele Beerdigungen gehen."

Wenn sich Gerhard Lind an seinem Schreibtisch aus dunklem Holz umdreht, sieht er ein Bild von einem Segelboot, ein Bild vom Meer. Vielleicht die Ostsee, sicher ist er sich nicht. Ein Erbstück der Tante. Wenn er sich nach links dreht, sieht er ein Bild von New York, die Brücke in Manhattan, ein altes Werbeplakat. Kein anderer Geruch hat sich ihm so eingebrannt, auch wenn er München liebt, überhaupt Oberbayern, die ganze Gegend. Danach kommt New York. Die heiße Luft aus den Schächten im Boden. Die Imbisse mit den Brezen. Er war schon Dutzende Male in der Stadt, in der sich Sehnsüchte über die Straßen legen wie feiner Staub. "Aber jetzt ist das mit den großen Reisen vorbei", sagt Lind. "Das sollen andere machen."

Das hat vielleicht damit zu tun, dass Gerhard Lind 73 Jahre alt ist. Vor allem aber damit, dass der Leiter des Reisebüros Galaxis im Süden von München, Haltestelle Holzapfelkreuth, daran zweifelt, ob die vielen Reisen, an denen er Jahrzehnte verdient hat und noch immer verdient, wirklich sinnvoll sind. "Das Reisen erweitert den Horizont, das schon." Er glaubt nicht, dass Reisen immer schaden. "Aber die unglaubliche Masse tut es." Ob er wieder ein Reisebüro übernehmen würde, wenn er noch einmal anfangen könnte? "Vielleicht wäre ich auch Ökoberater oder so."

Gerhard Lind drückt sich aus seinem Stuhl, läuft über den Teppich aus der Türkei, über den Teppich aus Teheran. Die Stufen in den Flur hinunter, durch die Kellertür. Vor ihm einfache Holzregale, nur in manchen liegen Kataloge. Die Stapel sind fast nie höher als ein dicker Aktenordner. Spanien und Portugal. Karibik und Mexiko. Im Raum nebenan die gleichen Regale mit ein paar Katalogen für den Winter. "Früher brauchte ich so einen Winterkeller für das viele Papier", sagt Lind. Früher schleppten die Kunden Dutzende Kataloge mit nach Hause, auch wenn sie keinen Urlaub planten, blätterten sie durch Bilder von Pools und Palmen. Früher kamen Kunden durch die Tür, die keine Ahnung hatten, wo sie hinfahren wollten. "Da hatte einer eine Vorstellung von Italien und ist dann doch nach Griechenland gefahren." Heute kommen die Menschen mit festen Bildern im Kopf. Aber sie kommen noch.

So sieht die analoge Welt des Reisebüros aus. Viele Kunden schätzen persönliche Beratung wieder, weil sie im Durcheinander des Internets zu viel Zeit verplempern.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Ein Reisebüro wie das von Lind mit zwei bis drei Mitarbeitern macht in Deutschland im Schnitt etwa 1,6 Millionen Euro Umsatz im Jahr. Das Reisebüro Galaxis an der Haltestelle Holzapfelkreuth macht mehr als 2,5 Millionen Euro Umsatz.

In den Telefonbüchern stehen viele Nummern älterer Stammkunden, mit abbezahlten Häusern und geerbten Grundstücken, und auch deren Enkel buchen wieder im Reisebüro. Blättert man sich durch die Schlagzeilen der vergangenen Jahre, dann liest man: "Reisebüros dürfen wieder hoffen" - "Die Renaissance des Reisebüros" - oder "Reisebüros sterben nicht aus". Das trifft zumindest auf die zu, die übrig geblieben sind. Wenn Gerhard Lind früher vor seinem Geschäft stand, sah er auf der anderen Straßenseite ein zweites Reisebüro. Das hat mittlerweile geschlossen. Ein Drittel der Reisebüros in München hat in den vergangenen zehn Jahren zugemacht, acht Büros verkaufen ausschließlich im Internet.