München:Mögliche Raubkunst im Museum Fünf Kontinente

Lesezeit: 3 min

München: Der Blaue-Reiter-Pfosten, eine geschnitzte hölzerne Stele aus Kamerun, ist im Münchner Museum Fünf Kontinente ausgestellt. Er erhielt seinen Namen von Franz Marc und Wassily Kandinsky, die ihn 1912 in ihrem Almanach abbildeten.

Der Blaue-Reiter-Pfosten, eine geschnitzte hölzerne Stele aus Kamerun, ist im Münchner Museum Fünf Kontinente ausgestellt. Er erhielt seinen Namen von Franz Marc und Wassily Kandinsky, die ihn 1912 in ihrem Almanach abbildeten.

(Foto: Lino Mirgeler/dpa)

Ein Forscherteam hat 50 Objekte aus der Sammlung Max von Stettens identifiziert, deren Herkunft als problematisch gilt. Bedeutung und Zukunft des Blaue-Reiter-Pfostens bleibt weiter ungewiss.

Von Evelyn Vogel

Seine Zukunft ist so ungewiss wie seine Vergangenheit. Auch nach zweijähriger Forschungsarbeit bleiben genaue Herkunft und Bedeutung der als Blaue-Reiter-Pfosten bekannten Stele im Museum Fünf Kontinente in München unbekannt. Ebenso unklar bleibt: Wird Kamerun dieses und weitere Stücke als Raubkunst von Deutschland zurückfordern - und wenn ja, auch zurückerhalten?

Etwa 50 Objekte aus der Sammlung Max von Stettens hat das deutsch-kamerunische Forscherteam um Karin Guggeis vom Museum Fünf Kontinente in München und den Kulturwissenschaftler Albert Gouaffo von der Universität Dschang als mögliche koloniale Raubkunst identifiziert. Darunter befinden sich sakrale oder kultisch verwendete Figuren, Blashörner, Rindenbastklopfer sowie Waffen. Es ist das vorläufige Ergebnis eines im November 2019 begonnenen, auf zwei Jahre angelegten post-kolonialen Provenienzforschungsprojekts, bei dem die etwa 200 Objekte der Sammlung Max von Stettens im Museum Fünf Kontinente untersucht wurden. Vorläufig deshalb, weil man erst am Anfang eines "langen Weges" stehe, wie bei der Online-Präsentation am Freitagabend betont wurde. Doch die Projektförderung läuft nun aus, und dieses Projekt ist damit erst einmal beendet.

Max von Stetten (geboren 1860 in Nürnberg, gestorben 1925 in München) war von 1894 an als Kolonialoffizier des Deutschen Kaiserreichs in Kamerun stationiert, das von 1884 bis 1919 eine deutsche Kolonie war. Dort war er an mehreren sogenannten Strafexpeditionen in leitender Funktion beteiligt, zuletzt als Kommandeur der "Schutztruppe". In dieser Zeit trug er eine Sammlung von mehr als 200 Gegenständen zusammen, unter denen sich Masken und Statuen, aber auch allerlei Waffen und Alltagsgegenstände befinden. Diese schenkte er in den Jahren zwischen 1893 und 1896 der Königlich-Ethnographischen Sammlung, einem Vorläufer des heutigen Museums Fünf Kontinente.

München: Noch ganz am Anfang des Prozesses: Welche der untersuchten Objekte in den Vitrinen des Museum Fünf Kontinente verbleiben, kann erst später entschieden werden.

Noch ganz am Anfang des Prozesses: Welche der untersuchten Objekte in den Vitrinen des Museum Fünf Kontinente verbleiben, kann erst später entschieden werden.

(Foto: Robert Haas)

Der Blaue-Reiter-Pfosten erhielt seinen Namen, nachdem ihn Franz Marc und Wassily Kandinsky - fasziniert von dem 1,75 Meter hohen, beidseitig mit geschnitzten Gesichtern und Tieren verzierten Pfosten - 1912 in ihrem Almanach abgebildet hatten. Im Inventarverzeichnis des Museums wird er auch als "Kulthauspfosten?" - mit Fragezeichen - geführt. Albert Gouaffo betonte, erstmals gäbe es überhaupt Informationen über die untersuchten Objekte. "Wir stehen ganz am Anfang des Prozesses." Es könne zu Restitutionsforderungen kommen, müsse es aber nicht. "Wir werden erst später entscheiden, welche Objekte in den Vitrinen verbleiben als Botschafter der Kultur." Die Objekte sollten dorthin, wo sie hingehörten. Dafür müsse aber ihre genaue Herkunft und ihre ursprüngliche Bedeutung geklärt werden, damit sie "die Geschichte der Urheber" erzählen könnten.

Die Präsentation machte am Rande einmal mehr deutlich, wie schwierig die Einordnung sein kann, ob es sich bei Stücken aus kolonialer Zeit um Raubkunst handelt. Denn müssen Begriffe wie "Erwerb", "Tausch" oder "Schenkung" unter kolonialen Bedingungen - noch dazu auf "Strafexpeditionen" - nicht wie pure Euphemismen klingen?

Die Provenienz des Blaue-Reiter-Pfostens konnte bislang auch deshalb nicht geklärt werden, weil in der vermuteten Herkunftsregion bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen. Auch in andere Landesteile zu gelangen, zu den Menschen dort Vertrauen aufzubauen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen, um mehr über die Herkunft und Bedeutung der Objekte herauszufinden, sei schwierig gewesen, berichteten die Forscherinnen und Forscher am Freitagabend. Von fehlenden oder zerstörten Straßen, kaum vorhandenen Unterkünften bis hin zu mangelnder Versorgung mit Nahrung und Trinkwasser erzählten Teilnehmer des Projekts, dem auf kamerunischer Seite außer Albert Gouaffo auch Yrine Matchinda und Lucie Mbogni Nankeng von der Université de Dschang für die frankophonen Regionen sowie für die anglophonen Regionen Joseph Ebune und Ngome Elvis Nkome von der University of Buea angehörten.

Visa-Politik als Forschungshindernis

Zur Projektpräsentation hätten mehrere Teilnehmer aus Kamerun nach München anreisen sollen. Doch die deutsche Botschaft in Jaunde hatte zwei Forschern die Einreise verweigert. Begründung: Es würden notwendige Unterlagen wie Geburtsurkunden fehlen. In einem Fall waren wohl auch Zweifel geäußert worden, dass die Forscherin wieder aus dem Schengenraum ausreisen würde. Die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy hatte daraufhin die restriktive Visa-Politik Deutschlands kritisiert, die "einmal mehr die Forschung aus Objekten zu kolonialen Kontexten" konterkariere. Man brauche eine Visa-Politik, die transnationale Kooperationen ermögliche, hatten Savoy und andere Wissenschaftler angemahnt.

Auch Projektleiter Albert Gouaffo hatte die Visaverweigerung kritisiert und gegenüber Deutschlandfunk Kultur von "institutionellem Rassismus" gesprochen. Für das Museum war die Einreiseverweigerung völlig überraschend gekommen, zumal einige Teilnehmer im Rahmen des Forschungsprojekts schon früher zu Besuch gewesen waren. Gerade bei einem so sensiblen Thema wie der Aufarbeitung von kolonialem Unrecht sei ein persönlicher Austausch von größter Bedeutung, auch über das aktuelle Forschungsprojekt hinaus, hatte eine Sprecherin gegenüber dpa betont. Die intensive Zusammenarbeit sei "das Herzstück der postkolonialen Provenienzforschung".

Zur SZ-Startseite

SZ PlusNS-Raubkunst
:Eine Sammlung verschwindet

Der Raubkunst-Fall Richard Stein zeigt, wie sich fast acht Jahrzehnte nach Kriegsende Behörden, Kunsthandel und Privatsammler hinter Paragrafen verschanzen.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB