Münchner Kammerspiele:Pussy Riot pöbelt gegen Putin

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Münchner Kammerspiele: Marija Aljochinas (links) und Olga Borisova bei ihrem Konzert in St. Johann, Österreich.

Marija Aljochinas (links) und Olga Borisova bei ihrem Konzert in St. Johann, Österreich.

(Foto: Expa; Johann Groder/dpa)

Nach der spektakulären Flucht ihrer Anführerin Marija Aljochina treten die russischen Punk-Aktivistinnen in den Münchner Kammerspielen auf. Birgt das eine Gefahr für die Zuschauer?

Von Michael Zirnstein

Auch jenseits ihrer Bühnen wirkt Marija "Mascha" Wladmirowna Aljochinas Leben wie eine Inszenierung. Jede Bewegung ist Aktion, instagrambar. Aus dem Hausarrest in der Moskauer Wohnung ihrer Freundin schlich sie sich im Kostüm einer Essenskurierin, das hätte sich kein Theaterregisseur symbolträchtiger ausdenken können: In der grellgrünen Uniform westlicher Trash-Konsum-Kultur überlistete sie die Apparatschik.

Natürlich sind Zweifel erlaubt an der spektakulären Flucht, die vorige Woche bekannt wurde. Wie soll das überhaupt gehen, dass Aljochina, seit dem "Punk-Gebet" auf dem Altar der Christ-Erlöser-Kirche 2012 als weltweit bekanntestes Gesicht hinter den Sturmhauben der feministischen Putin-ins-Gemächt-Treterinnen Pussy Riot eine der Staatsfeindinnen Nummer Eins in Russland, durch einen derart plumpen Trick ihre Beschatter narrte? Sie konnte es selbst kaum fassen, sprach von "Magie", als sie, über Weißrussland in Litauen in Sicherheit gelandet, der New York Times ein Interview gab. Das verblüffende Versagen des Sicherheitsapparats versuchte sie so zu erklären: "Von hier aus wirkt er wie ein großer Dämon, aber die rechte Hand weiß nicht, was die linke tut."

Den Eindruck hat man vom dezentral organisierten, auch über Chat-Gruppen gesteuerten Kollektiv Pussy Riot eben nicht. "Das ist alles verdammt gut vorbereitet", sagt Sebastian Reier-Roelly, für Pop zuständiger Dramaturg der Kammerspiele.

Der Auftritt der Moskauer Punk-Aktivistinnen in dem Münchner Theater ist seit langem ausgemacht und hätte auch schon früher stattfinden sollen als am Dienstag, 17. Mai. Er musste wegen Corona mehrmals verschoben werden, nicht aber, weil Aljochina seit vergangenem Sommer sechs Mal festgenommen wurde. Es sei immer der Wunsch gewesen, dass die prominenteste Streiterin des "Pussyversums" die Westeuropa-Tournee anführt, sagt Reier-Roelly, "aber sie hätten es auch ohne sie durchgezogen". Also fiebert er bei allem mit. Er hat als Journalist 2014 beim Roskilde-Festival gerade "Mascha" als locker, offen und neugierig kennen gelernt, "immer auf Sendung, aber auch Empfang", darauf bedacht, im Westen Allianzen zu schmieden.

"Ein Abend mit ungewissem Ausgang"

So freute er sich Ende März, als sie ein Foto ihrer durchtrennten Funk-Handfesseln und die Botschaft "Fuck den Knast, kein Krieg!" twitterte. Sie war wohl mal wieder frei, so weit das eben geht in einem Unrechtssystem. Aber im Angriffskrieg gegen die Ukraine verschärfte der Kreml abermals sein Vorgehen gegen lautstarke Kritiker. So verließen die meisten Mitstreiterinnen von Pussy Riot auf geheimen Wegen das Land, und als Aljochina angedroht wurde, in ein Straflager zurückgeschickt zu werden, flüchtete auch sie. Die Umstände erinnerten sie selbst an einen Spionage-Film. Steckt gar, wie manche munkeln, der CIA hinter Pussy Riot?

Solche Verschwörungsfantasien gehen Sebastian Reier-Roelly zu weit, er hält Pussy Riot "für komplett real. Das sind extrem findige Leute, die sollte man nicht unterschätzen, eine solide Bewegung mit beachtlichen finanziellen Möglichkeiten". Sie haben viele Helfer im Westen, von der FDP-nahen Friedrich-Naumann Stiftung für die Freiheit, die die Tournee (zugunsten ukrainischer Flüchtlingskinder) organisiert hat, bis zum isländischen Performance-Künstler Ragnar Kjartansson, der Aljochina die Einreise-Reisedokumente verschafft hat.

Rechtzeitig zum Start der 19 Konzerte - und so wirkt die Flucht wie ein Vorspiel zu Tour. Es ist aber kein Spiel, sagt der Dramaturg. "Für uns ist nicht vorstellbar, unter welchen Repressionen die Künstlerinnen arbeiten, welches Risiko sie einzugehen." Natürlich, jede härtere Strafe steigert die Aufmerksamkeit, aber wer pöbelt schon nur der Publicity wegen mit Anti-Putin-Parolen, um wieder und wieder im Knast zu landen? Der Ehemann eines Pussy-Riot-Mitglieds überlebte wohl nur knapp einen Vergiftungsanschlag; auch Mitbegründerin Nadeschda Tolokonnikowa soll wegen Mord-Gerüchten an unbekanntem Ort in den USA leben.

Wer weiß schon, wer da im Publikum noch herumtrollt

Ist das nicht zu real für ein Theater, zu gefährlich für die Zuschauer? Die sollen nach einem 180-minütigen "Crossover aus Konzert, Theater und Kundgebung" (erfahrungsgemäß wie 2018 beim "Riot Days Theatre" in der Münchner Muffathalle eine beabsichtigte Zumutung) noch mit der Band im Saal diskutieren, und wer weiß schon, wer da im Publikum noch herumtrollt. Es wird nicht mehr Security geben als sonst, sagt Reier-Roelly, das habe die Band ausdrücklich gewünscht. "Ich halte sehr viel von der Organisation um Pussy Riot, und wenn die keine Gefahr sehen, gehen wir da mit."

Aber übernehmen die Kammerspiele mit dem Engagement auch die politische Botschaft von Pussy Riot? 2014 stellte Aljochina in München ihren Dokumentarfilm "Pussy vs Putin" auf dem Dok-Fest vor. Sie beklagte die Bösartigkeit Putins (und die Freundschaft des Dirigenten Valery Gergiev zu dem Machthaber), das Patriarchat und die Haftbedingungen in Russland, die kriegerische Besetzung der Krim, die schlappen Sanktionen des Westens sowie den Verkauf von Münchner Wohnungen an reiche Russen - die Themen sind nach wie vor aktuell, gleichwohl noch brisanter.

"Natürlich treibt uns die Frage um, wie wir als Theater den zivilgesellschaftlichen Ungehorsam in Russland unterstützen können", sagte Intendantin Barbara Mundel bei der Ankündigung des Auftritts. Und Reier-Roelly erklärt, man habe "eine Sisterhood mit Kiew" und man sei "bei denen, die angegriffen werden": "Und wenn wir das ins Programm nehmen, ist klar, dass wir diese Kraft unterstützen wollen. Was wir können, ist eine Plattform zum Austausch zu geben und menschliche Zusammenkünfte zu ermöglichen." Was dann im Saal passiert, legt man in die Hände der Künstlerinnen. "Ein Abend mit ungewissem Ausgang", findet der Dramaturg, "das ist ja auch einmal wichtig."

Pussy Riot, Di., 17. Mai, 19.30 Uhr, Kammerspiele

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