Prozess:Geflüchtete soll ihren Helfer getötet haben

Prozess: Der Prozess findet vor dem Münchner Landgericht statt.

Der Prozess findet vor dem Münchner Landgericht statt.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Auf der Flucht vor dem Krieg in der Ukraine kommt eine Frau bei einem Dachauer unter. Doch dann weigert sie sich, wieder auszuziehen. Es kommt zum Streit, am Ende ist der Mann tot. Laut Staatsanwaltschaft soll sie ihn erstochen haben.

Von Andreas Salch

Er wollte, dass sie endlich seine Wohnung verlässt. Am besten sofort. Schließlich hatte Klaus R. (Name geändert) Olena K., die Ende März 2022 vor dem Krieg in ihrer Heimat, der Ukraine, nach Deutschland geflohen war, nur vorübergehend Unterschlupf in seiner Wohnung in Dachau gewähren wollen. Für einige Tage, maximal wenige Wochen, wie es in der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft am Landgericht München II heißt. Doch Olena K. blieb. Fast ein ganzes Jahr verging - dann kam es zur Tragödie.

Bei einem Streit am Abend des 5. Februar des vergangenen Jahres, bei dem es darum gegangen sein soll, dass Olena K. die Wohnung von Klaus R. habe räumen sollen, soll die 52-Jährige ihm ein Küchenmesser mit einer circa 16 Zentimeter langen Klinge mehrmals in den Oberkörper gestoßen haben. Klaus R. sackte in der Küche seiner Wohnung zusammen. Die erlittenen Verletzungen waren so schwer, dass er kurz darauf starb.

Die Staatsanwaltschaft hat gegen Olena K. Anklage wegen Totschlags erhoben. Oder war es doch Mord - Mord aus niedrigen Beweggründen? Dass die 52-Jährige auch deswegen verurteilt werden könnte, darauf verwies der Vorsitzende der Schwurgerichtskammer, Richter Thomas Bott, am Donnerstag zum Auftakt der Verhandlung.

Olena K. ist klein, zierlich, ihr Gesicht ist gerötet, das halblange Haar ungekämmt. Nachdem sie auf der Anklagebank Platz genommen hat, mustert sie die Anwesenden. Als Staatsanwalt Theodor Bezold die Anklage verliest, schüttelt sie immer wieder den Kopf. Mitunter schmunzelt sie leicht und sagt, nachdem die Anklage verlesen ist, dass darin ein "falsches Bild" von ihr gezeichnet werde. Angaben zu ihrer Person macht die 52-Jährige nur ungern. Seit sie in Untersuchungshaft sitzt, bekomme sie Antidepressiva, berichtet Olena K. Zweimal in der Woche gehe sie zu einer Psychiaterin in der Frauenhaftanstalt.

Olena K., die Wirtschaftswissenschaften studiert hat, wirkt unkonzentriert. Sie redet laut und schnell. Ihre Gedanken sind sprunghaft. Sie berichtet von ihrer Angst "vor Russen", die ihr das Handy abgenommen hätten, auf dem sämtliche Privatadressen gespeichert gewesen seien. Und sie spricht von Dingen, nach denen Richter Bott sie nicht gefragt hat. Der Vorsitzende ist genervt. Nach knapp dreistündiger Vernehmung sagt er zu ihr: "Sie erzählen uns ausführlichst Nebensächlichkeiten."

Kennengelernt haben sich Olena K. und Klaus R. bereits lange vor Ausbruch des Krieges in der Ukraine - im Jahr 2008 über ein Online-Dating-Portal. Die beiden gingen eine Beziehung ein, aber 2013 soll sich Klaus R. dann von ihr distanziert haben. Anschließend sollen beide eine Art freundschaftlicher Beziehung unterhalten haben. Bei Besuchen in Deutschland übernachtete sie bei ihm.

Als Olena K. schließlich vor dem Krieg in der Ukraine flüchtete, nahm Klaus R. sie bei sich auf. Laut Anklage der Staatsanwaltschaft soll sich die 52-Jährige schon kurz darauf als "Hausherrin geriert" haben. Sie habe sich "herrisch und aggressiv" verhalten und habe Klaus R. "terrorisiert". Sie soll ihn sogar körperlich angegriffen haben.

Als Klaus R. im August 2022 eine neue Beziehung einging, lag ihm umso mehr daran, dass Olena K. endlich auszieht. Doch sie blieb. Klaus R. soll dies so zugesetzt haben, dass er psychisch angeschlagen gewesen sei. Aus "Angst", wie es in der Anklage heißt, sei er nicht mehr in seine Wohnung gegangen, er schlief entweder bei seinen erwachsenen Kindern oder bei seiner geschiedenen Frau.

Schließlich bat Klaus R. seine Ex-Frau, mit Olena K. ein Gespräch von "Frau zu Frau" zu führen - am Abend des 5. Februar 2023. Sie solle Olena K. dazu bringen, die Wohnung zu verlassen. Doch es kam zum Streit. Klaus R.s Sohn, der ebenfalls gekommen war, schaltete sich ein. Olena K. griff ihn an und drückte mit einer Hand seine Wangen fest zusammen. Anschließend attackierte sie den neuen Mann von Klaus R.s Ex-Frau. Schließlich griff Olena K. nach einem Küchenmesser und stach auf Klaus R. ein.

Sie selbst sagt zum Auftakt der Verhandlung, sie habe damit nur "herumgefuchtelt" und könne sich nicht erinnern, auf jemanden eingestochen zu haben. Der Prozess wird fortgesetzt.

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