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Prozess:"Ich bin kein psychisch kranker Idiot"

Prozessauftakt  gegen Hilfspfleger wegen Mordes

Vor Gericht schweigt Grzegorz W., mit Kriminalhauptkommissar Pletl sprach er über seine Taten.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)
  • Wegen sechs Morden hat die Staatsanwaltschaft München I Anklage gegen den Hilfspfleger Grzegorz W. erhoben.
  • Auch drei versuchte Morde werden dem Mann angelastet, ebenso Diebstahl, Betrug, Raub mit Todesfolge sowie gefährliche Körperverletzung.
  • Bei einer Vernehmung räumte er ein, binnen eines guten Jahres bis zu 20 Senioren, die er zu betreuen hatte, eine lebensgefährliche Insulindosis gespritzt zu haben.

Es gibt Fälle im Leben eines Kriminalbeamten, die einzigartig sind, Vernehmungen, die man nie vergisst. Es ist davon auszugehen, dass Kriminalhauptkommissar Johannes Pletl von der Münchner Mordkommission sich noch lange an den Mann erinnern wird, der zurzeit als "Todespfleger" wegen sechsfachen Mordes vor der ersten Schwurgerichtskammer am Landgericht München I steht, es könnte sogar noch ein siebter hinzukommen. Fünfmal vernahm Pletl den 38 Jahre alten Grzegorz W., ihm gestand der Hilfspfleger alle Morde, die drei Versuche und die drei gefährlichen Körperverletzungen mittels seines Insulin-Pens. Und es hätten noch mehr Menschen durch die Hand von Grzegorz W. sterben können: Wie er bei Pletl einräumte, spritzte er binnen eines guten Jahres bis zu 20 Senioren, die er zu betreuen hatte, eine lebensgefährliche Insulindosis.

Es ist schwierig, aus dem Mann zu lesen, der in Ringel-T-Shirts auf der Anklagebank sitzt, an jedem Verhandlungstag teilnahmslos wirkt und der im Vorfeld widersprüchliche Angaben gemacht oder gar gelogen hatte. Jetzt schweigt er. Dem psychiatrischen Gutachter Matthias Hollweg hatte Grzegorz W. vorab von einer sehr fordernden und prügelnden Mutter, vor der selbst der Vater Angst gehabt hätte. Freunde habe er nie gehabt, auch noch nie eine Freundin, noch nie Sex. Bis zu seinem 18. Lebensjahr hatte er sieben "Besserungsanstalten" und Heime in Polen durchlaufen, warum genau, das wisse er nicht. Und generell seien ihm Fragen zu ihm oder seiner Familie "zu intim".

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Kriminalhauptkommissar Johannes Pletl gelang es, dass W. zu ihm Vertrauen aufbaute. Vielleicht, weil die beiden Männer nach der Festnahme von W. am 12. Februar 2018 gemeinsam im Hof eine Zigarette qualmten. Vielleicht auch deshalb, weil er zu diesem Zeitpunkt den Kollegen von Pletl nach allen Regeln der Kunst angelogen hatte, und es aufgrund der Beweislage langsam eng für ihn wurde. W. war an jenem Tag zunächst als Zeuge von der Mordkommission vernommen worden. Er hatte in Ottobrunn den 83 Jahre alten Franz Xaver W. betreut, der plötzlich gestorben war. Als man bei ihm unter anderem die goldene Uhr des Toten fand und einen Insulin-Pen, erklärten ihm die Kriminalbeamten die Festnahme.

Pletl verbrachte etliche Stunden mit Grzegorz W., der nur noch von ihm vernommen werden wollte. Jetzt sitzt Pletl vor der ersten Strafkammer und die Vorsitzende Richterin Elisabeth Ehrl gesteht dem Polizisten zu, dass er sich nach über einem Jahr und fünf Vernehmungen vielleicht nicht mehr an alle Details erinnern können. "Ich habe die Vernehmungen noch gut im Kopf", antwortet Pletl aber. Monatelang hatte die Mordkommission ermittelt und deutschlandweit mit Namen und Foto von Grzegorz W. nach seinen Einsatzorten geforscht. W. war über polnische Agenturen an deutsche Pflegeagenturen vermittelt worden und seit Mai 2015 in 69 deutschen Haushalten tätig gewesen. Sieben Personen, so sagt Pletl, seien in der Anwesenheit von W. gestorben, acht in eine Klinik verbracht worden. Lediglich bei zwei Patienten sei keine Unterzuckerung nachzuweisen gewesen. Und von 19 Einsatzorten soll W. urplötzlich verschwunden sein - und mit ihm diverse Gegenstände.

Pletl erzählt, wie Grzegorz W. sich seine Fragen ganz genau anhörte, wie er Zeit verstreichen ließ und sich Wort für Wort zurechtlegte. Er habe dann "sehr strukturiert und fast druckreif geantwortet". In all den Stunden habe es nur wenige Momente gegeben, wo W. "aus sich rauskam". Pletl erinnert sich, wie Grzegorz W. vor ihm saß, in Schlabberhosen und träge wirkend, wie er nach und nach die Morde gestand und jedes Mal getroffen zusammensackte, "wie wenn man ein Kind beim Ladendiebstahl erwischt", formuliert es Pletl. Ganze Ordner voller Fotos von Opfern und Wohnungen hatte die Mordkommission angesammelt und Pletl ging mit W. einen Fall nach dem anderen durch. In aller Ruhe. "Ich wollte nicht, dass er alles nur so abnickt", sagt Pletl.

Sogar bei Gericht sorgt sich Grzegorz W., ob er auch in der Verhandlungspause genug zu essen bekommt. Mit seinen Opfern soll er nicht so nachsichtig gewesen sein. Es waren alte, teils demente oder bettlägerige Senioren, die W. rund um die Uhr zu betreuen hatte. Einer musste sterben, weil er nachts nicht durchschlief, eine 79-Jährige deshalb, damit er in Ruhe ihr Haus durchsuchen und klauen konnte, einem anderen spritze er Insulin, weil er in seiner Demenzerkrankung aggressive Züge zeigte. Befragt nach seiner Hilfspflegerausbildung in Polen erklärte W., dieser Kurs diene nur dem Zweck, "von der EU Geld zu kassieren". Die Pflegetätigkeit sei für ihn nur ein Türöffner gewesen, um in deutschen Haushalten zu stehlen, warf ihm Pletl vor. "Alles, was Sie gesagt haben, stimmt", antwortete W. "Warum mussten Leute sterben", fragte Pletl. "Weil sie mir gegenüber aggressiv waren. Ich wollte aber nicht, dass jemand stirbt. Ich bin kein psychisch kranker Idiot. Ich wollte ganz normal arbeiten, aber sie waren aggressiv." Aber er habe doch mitbekommen, dass Menschen nach der Insulingabe starben, hielt ihm Pletl vor. "Von Insulin kann man nicht sterben, das muss aber nicht sein", antwortete W. "In der EU ist noch nie jemand an einer Insulingabe gestorben."

Insulin als Mordwaffe

Immer wieder werden Fälle bekannt, in denen Menschen mit Insulin getötet werden. Mit diesem Hormon regelt der Körper die Aufnahme von Zucker in seinen Zellen. Kann es der Körper nicht herstellen oder reagieren die Zellen nicht mehr ausreichend darauf, so spricht man von Diabetes. Der Erkrankte muss sich dann Insulin spritzen. Hat man zu viel Insulin im Körper, sinkt der Blutzuckerspiegel rapide, was tödlich enden kann.

Für die Ermittler im Fall des unter Mordverdacht stehenden Hilfspflegers stellt sich die Frage, wie leicht und wie lange sich nichtkörpereigenes Insulin bei Toten noch nachweisen lässt. "Je fauliger die Leiche ist, desto schwieriger wird es", sagt Herbert Bratzke vom Berufsverband Deutscher Rechtsmediziner. Brauche man einen eindeutigen Beweis, "sprechen wir hier von Tagen". Am besten müsse der Körper direkt nach dem Tod untersucht werden. Auch die Toxikologin Cora Wunder vom Institut für Rechtsmedizin in Frankfurt am Main verweist auf die schwierige Nachweisbarkeit des Hormons - und das manchmal schon Tage nach dem Tod.

Prinzipiell hänge es vom Zustand des Leichnams ab, wenn er exhumiert werde. "Wenn er verbrannt wird, gibt es sowieso keine Chance mehr - auch wenn der Körper schon vergraben ist, ist es schwierig", sagt Wunder. Denn mit dem Tod platzten die Zellen, zersetze sich das Blut und die roten Blutkörperchen träten aus. "Sobald das Hämoglobin mit dem Insulin zusammenkommt, erfolgt eine Zersetzungsreaktion und man kann es derzeit nicht mehr nachweisen." dpa, SZ

Die erste Strafkammer mit Elisabeth Ehrl, Martina Bogner und Matthias Gröschel wird voraussichtlich bis Ende Mai alle zwölf angeklagten Taten verhandeln. Ihnen sitzen drei Schöffen bei, was bei großen Prozessen üblich ist. Gutachter werden die geistige und seelische Gesundheit des Angeklagten untersuchen und Rechtsmediziner die Taten bewerten.

W. selbst sagte zu Pletl als Antwort auf die Vorhalte: "Ich habe ihre Worte analysiert. Was würde ich an Stelle eines Richters tun? Ich würde das Urteil lebenslänglich sprechen. Die Taten sind unentschuldbar und tragisch in der Konsequenz." Als am Ende die Frage an Pletl auftaucht, ob er glaubt, dass Grzegorz W. weitergemacht hätte, wäre er nicht in Ottobrunn erwischt worden, antwortet der Polizeibeamte: "Ja, davon bin ich überzeugt."