bedeckt München 15°
vgwortpixel

Prozess in München:"Wer in die Wohnung kommt, den bring ich um"

Der 45-jährige Anton H. ist unter Drogeneinfluss mit einem Messer auf Polizisten losgegangen. Einer hat ihn angeschossen. Nun muss sich der Mann aus Pullach wegen versuchten Totschlags verantworten.

An jenem Abend in Pullach, als Polizisten wegen seiner Randale seine Wohnung umstellt hatten, hatte Anton H. mit dem Leben abgeschlossen. "Scheiß drauf, des ziagst jetzt durch", habe er in dem Augenblick gedacht, als abends im Garten zwei Polizisten standen, bewaffnet, mit Taschenlampen in der Hand. Dann öffnete Anton H. die Balkontüre, ein Messer in der Hand, und ging damit auf die Lichter zu. "Ich wollte sterben", sagt der heute 45-Jährige. Tatsächlich fiel ein Schuss. Seitdem fehlt Anton H. sein rechter Hoden - und er ist wegen versuchten Totschlags angeklagt.

Anton H. stammt aus dem niederbayerischen Hutthurm, er sitzt aufrecht auf der Anklagebank, redet mit klarer Stimme und alles klein: "Passt scho', geht scho', macht nix." Mit den lapidaren Antworten versucht er vor dem Schwurgericht unter dem Vorsitz von Norbert Riedmann die kleinen und großen Katastrophen seines Lebens herunterzudimmen. Etwa, dass ihn die Mutter zu einer Tante weggab, "da war ich eh schon öfter zur Aufbewahrung", oder: "Watschn hob i scho' kriegt, aber des war ja koa Gewalt". Anton H. ist gelernter Maschinenbautechniker und hat "immer gearbeitet, wenn's mi ned grad ei'gsperrt ham".

Im Januar 2019 wohnte er mit seiner Freundin Marion (Name geändert) in einer Erdgeschosswohnung in Pullach. Drogen gehörten seit seiner Kindheit zu seinem Leben, und zu dieser Zeit wurde er substituiert, nahm zusätzlich beruhigende und angstlösende Medikamente und spritzte sich Kokain. "Ich war nervlich am Ende", sagt er heute. Er hatte gerade seinen Job verloren und war der festen Überzeugung, dass seine Freundin ihn - wie schon ein Jahr zuvor - betrügen würde. Daheim stritt er heftig mit ihr, und während er sich im Bad Kokain spritzte, verständigte sie die Polizei. "Ich hatte Angst und Panik", sagt er, als er Rumoren im Treppenhaus hörte, deshalb habe er ein Messer geholt.

Als die Polizei schon im Hausflur stand, konnte Marion ihrem Freund das Messer entwinden und wurde von der Polizei in die Nachbarwohnung dirigiert. "Wer in die Wohnung kommt, den bring ich um", drohte Anton H. und griff sich ein anderes Küchenmesser. Währenddessen lief Marion über die Nachbarterrasse zu ihrer Wohnung und versuchte, H. durch die gekippte Balkontüre zu beruhigen. "Ich bin immer verarscht und beschissen worden", sagt H. vor Gericht und heult. Es sei die "ultima ratio" gewesen, mit einem Messer auf die Polizisten zuzugehen.

Ein 26 Jahre alter Beamter der Inspektion Grünwald sagt aus, er habe geschossen. An seiner Seite befand sich eine damals 20-jährige Praktikantin. Die Aussagen der Polizisten widersprechen sich, was Entfernung, Messergriff und das Laufen von Anton H. angeht. Auch der Schuss, den der Beamte im Stehen abgab, mag nicht zu dem Einschusskanal bei Anton H. passen: Von schräg unten durch den Hoden und links am Gesäß hinaus. "Der Kollege hat mir das Leben gerettet", meint die junge Frau. Die Verhandlung wird am Donnerstag fortgesetzt.

© SZ vom 18.02.2020/vewo
Zur SZ-Startseite