Bildung in München:Versetzung der Schule gefährdet

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Bildung in München: "Einigen Eltern fällt die Kinnlade runter, wenn sie hier reinkommen": Schulleiterin Beate Reitlinger (links) und Geschäftsführerin Ursula Berktold.

"Einigen Eltern fällt die Kinnlade runter, wenn sie hier reinkommen": Schulleiterin Beate Reitlinger (links) und Geschäftsführerin Ursula Berktold.

(Foto: Florian Peljak)

Das Privatgymnasium Dr. Überreiter in Haidhausen sollte in einem ehemaligen Sudhaus eine neue Heimat finden. Doch weil der Umbau drastisch teurer wird und die Stadt mehr Miete haben will, droht der Umzug zu scheitern.

Von Patrik Stäbler

An der Wand hängt ein gewaltiges Whiteboard, dessen Modernität im krassen Gegensatz zur übrigen Einrichtung des Klassenzimmers steht. Nicht nur, dass es hier beengt zugeht und der PVC-Boden sichtlich in die Jahre gekommen ist. An den Wänden blättert auch der Putz ab; an einer Stelle hat ein Wasserschaden einen dunklen Fleck hinterlassen. Keine Frage, der Sanierungsbedarf ist groß im städtischen Gebäude des Privatgymnasiums Dr. Florian Überreiter in Haidhausen. "Einigen Eltern, die auf der Suche nach einer Schule für ihr Kind sind, fällt die Kinnlade runter, wenn sie hier reinkommen", sagt Ursula Berktold, die Geschäftsführerin der Münchner Schulstiftung, der Trägerin des Gymnasiums.

Umso größer war dort die Vorfreude, als 2018 eine neue Heimat gefunden zu sein schien. Damals verständigte sich die Schule mit der Stadt auf einen Umzug ins frühere Sudhaus der Unionsbrauerei an der Seeriederstraße, ebenfalls in Haidhausen. Dort war zuvor die Design-Akademie U5 beheimatet. Doch dann verzögerte sich der geplante Umbau des Gebäudes. Und nun droht der Umzug des Privatgymnasiums gänzlich zu platzen.

Denn mit Verweis auf die gestiegenen Baukosten verlange die Stadt von der Münchner Schulstiftung inzwischen nicht nur einen höheren Eigenanteil am Umbau, sagt Ursula Berktold. Sondern anders als zunächst vereinbart, solle man im neuen Gebäude auch nicht länger in den Genuss einer günstigen Sozialmiete kommen. "Damit ist der Umzug für uns keinesfalls mehr finanzierbar", betont Berktold. "Wir sitzen also in der Falle, da eine Sanierung unseres jetzigen Schulhauses im laufenden Betrieb nicht möglich ist."

Bildung in München: Wasserschaden in einem Klassenzimmer.

Wasserschaden in einem Klassenzimmer.

(Foto: Florian Peljak)

Dass das 1955 errichtete Gebäude an der Pariser Straße neben der Postwiese dringend renovierungsbedürftig ist, zeigt sich nicht nur in den zwölf Klassenräumen, sondern auch im Lehrerzimmer im Untergeschoss. Unter Heizungsrohren, die offen an der Decke verlaufen, stehen hier ein Dutzend Einzeltische dicht an dicht. Tageslicht gibt es so gut wie keines; aus den Fenstern blickt man in Kellerschächte. Kaum vorstellbar, dass hier circa 50 Lehrerinnen und pädagogische Mitarbeiter vernünftig arbeiten, geschweige denn in ihren Pausen Erholung finden können.

"Die Situation ist unglaublich beengt", sagt Schulleiterin Beate Reitlinger, die seit 1994 an dem Gymnasium beschäftigt ist. Im neuen Gebäude an der Seeriederstraße hätte man mehr Platz - 2000 statt 1400 Quadratmeter - und größere pädagogische Möglichkeiten, etwa mit Lerninseln und Spielfluren. "Die Pläne für den Umbau waren schon fertig, das war alles in trockenen Tüchern", sagt Reitlinger über die Situation im Jahr 2018. Sogar ein Datum für den Einzug stand fest: In den Osterferien 2021 sollte die Schule umziehen.

Bildung in München: Das Lehrerzimmer befindet sich im Keller. Tageslicht gibt es dort so gut wie keines.

Das Lehrerzimmer befindet sich im Keller. Tageslicht gibt es dort so gut wie keines.

(Foto: Florian Peljak)

Doch dann erwies sich der Sanierungsbedarf im einstigen Sudhaus als größer als gedacht. Überdies verzögerte die Pandemie den Baubeginn. Die Folge war eine drastische Kostensteigerung bei dem anfangs auf zehn Millionen Euro taxierten Umbau. Und dies wiederum habe zu geänderten Forderungen seitens der Stadt geführt, berichtet Berktold von der Münchner Schulstiftung. Ihr zufolge hatte man sich 2018 in einem "Letter of Intent" darauf geeinigt, im neuen Gebäude eine Sozialmiete von 10,50 Euro je Quadratmeter zu zahlen, die danach sukzessive auf 17,50 Euro gestiegen wäre. "Wir hätten das Schulgeld etwas erhöhen müssen, aber das wäre machbar gewesen."

Nun aber wolle die Stadt dem Gymnasium keine Sozialmiete mehr gewähren, wodurch die Kosten auf mehr als das Doppelte steigen würden, sagt Ursula Berktold. Da dies für die Stiftung finanziell nicht zu stemmen sei, drohe der Umzug zu scheitern. Dabei würde die Stadt beim Umbau des Sudhauses sogar von einer Förderung des Freistaats in Höhe der Hälfte der Kosten profitieren, betont die Geschäftsführerin. "Das ist eigentlich ein super Deal für die Stadt."

Aus dem Kommunalreferat heißt es dazu, dass man den Umzug des Privatgymnasiums an die Seeriederstraße weiter befürworte. Zu Mieten und Kostenverteilung könne man "aus datenschutzrechtlichen Gründen" nichts sagen, teilt eine Sprecherin mit. Jedoch befänden sich die zuständige Wohnungsgesellschaft GWG und das Gymnasium "im Hinblick auf die Kostenbeteiligung in konstruktiven Abstimmungen". Laut der Referatssprecherin sollen die Arbeiten im früheren Sudhaus 2024 oder 2025 beginnen - vorbehaltlich der Zustimmung des Stadtrats, dem man die Pläne noch heuer vorlegen wolle. Der Umzug sei für den Jahreswechsel 2025/26 vorgesehen, "in Abstimmung mit dem Privatgymnasium".

Wir sind "keineswegs eine Reichen-Schule"

Allein, dort hält man das für unrealistisch - sollte das Rathaus mit seinen Mietforderungen nicht nach unten gehen. Dies sei angebracht, findet Ursula Berktold, da das Privatgymnasium nicht nur eine öffentliche Aufgabe erfülle, sondern auch die Ausgaben der Stadt senke. Denn das Überreiter-Gymnasium sei "keineswegs eine Reichen-Schule". Vielmehr seien unter den 300 Schülerinnen und Schülern etliche, "die ein bisschen mehr Zuwendung brauchen", sagt Schulleiterin Beate Reitlinger. "Wir haben viele Kinder mit Teilleistungsstörungen oder gesundheitlichen Einschränkungen, aber auch Hochbegabte und Leistungssportler." Sogar die städtische Schulberatung empfehle Kindern mit besonderem Bedarf das Überreiter-Gymnasium, dessen Besuch im Regelfall 621 Euro monatlich kostet.

Dieses Schulgeld müsste nun - wollte man den Forderungen der Stadt nachkommen - infolge des Umzugs mehr als verdoppelt werden, sagt Ursula Berktold. Dies sei jedoch schlicht unmöglich. Und so folgert die Geschäftsführerin der Münchner Schulstiftung: "Ohne Sozialmiete im neuen Gebäude sind wir draußen."

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