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Obergiesing:Zum Frieden mahnend

Plexiglasscheiben mit eindringlichen Texten und Bildern sollen der Skulptur vorgelagert werden. Fotomontagen: Wolfram Kastner/Verein Freunde Giesings/oh

Auf dem Kriegerdenkmal vor der Kirche Heilig Kreuz sind kriegsverherrlichende Phrasen zu lesen. Eine Initiative möchte die Skulptur aus dem Jahr 1929 so umgestalten, dass die Opfer von Konflikten im Mittelpunkt stehen

Von Hubert Grundner, Obergiesing

Auf grenzenlose Verehrung folgen oft tiefe Enttäuschung und schmerzhafte Ernüchterung. Was dann passiert, konnte man gerade im Zuge der "Black Lives Matter"-Bewegung in Amerika erleben: Vermeintliche Helden von einst, respektive ihre Statuen, werden vom Sockel gestoßen, weil die Männer, die dort dargestellt sind, Rassisten und Menschenschinder waren. Doch was jenseits des Atlantiks geschieht, lässt sich in vergleichbarer Form auch hier beobachten: Die "Initiative Giesing Denk(t)mal" hat sich vorgenommen, das Kriegerdenkmal vor der Heilig-Kreuz-Kirche in Giesing, auf dem in Großbuchstaben Kriegsverherrlichendes verewigt ist, in ein Friedensdenkmal umzuwandeln.

Die Initiative rekrutiert sich bislang im Wesentlichen aus dem Arbeitskreis Geschichte des Vereins Freunde Giesings. Deren Mitglieder, so wie ihr Sprecher Herbert Dandl, dürften jenseits von Giesing eher weniger bekannt sein. Einer davon aber genießt über die Grenzen Münchens hinaus den Ruf eines unbequemen Querdenkers, der immer wieder die Verantwortung der Deutschen für ihr nationalsozialistisches Erbe eingeklagt hat: der Aktionskünstler Wolfram Kastner. Er war es auch, so erzählt Herbert Dandl, der die Idee für das jetzige Projekt hatte.

Kennengelernt haben sich die beiden Männer im November 2018 bei einer Veranstaltung zum Gedenken an Bayerns ersten Ministerpräsidenten, Kurt Eisner, im Kulturzentrum Giesinger Bahnhof. Anlass dafür war das Ende des Ersten Weltkriegs 100 Jahre zuvor, im November 1918. Aus einem spontanen Einfall, etwas über die Räterepublik zu machen, wurde zwar nichts. Aber dann geriet das Kriegerdenkmal vor Heilig Kreuz in den Blick der beiden.

Errichtet wurde es im Oktober 1929 im Gedenken an die Giesinger Gefallenen des Ersten Weltkriegs, und seitdem zogen Heerscharen von Kirchgängern daran vorbei.

In Großbuchstaben lasen sie: "Für ihr Vaterland ließen sie ihr Leben. Sie starben für Dich." Dabei hätte es spätestens nach dem Ende des Hitlerregimes mehr als einen guten Grund gegeben, die plumpe Skulptur zu entfernen. Das beginnt bereits mit dem Anlass für deren Bau, vermutlich gibt es einen direkten Zusammenhang: Am 20./21. Juli 1929 fand in München der "Reichskriegertag" statt, organisiert vom Deutschen Reichskriegerbund "Kyffhäuser". Etwa 40 000 Veteranen aus allen Teilen Deutschlands sollen sich an der Veranstaltung, die vor allem der verklärenden Verherrlichung der militärischen Vergangenheit Deutschlands diente, beteiligt haben. Im Übrigen erinnert an dieses Ereignis auch eine der ältesten Gedenktafeln im Rathaus-Durchgang. Wozu sich heute aber glücklicherweise zumindest eine geschichtliche Einordnung auf der München-Homepage findet.

Demnach war der Deutsche Reichskriegerbund "Kyffhäuser" der mitgliederstärkste Wehr- und Veteranenverband der Weimarer Republik. Derartige Verbände waren Teil der politischen Kultur der 1920er und frühen 1930er Jahre. Diese revanchistisch ausgerichteten Verbände hatten einen nicht unerheblichen Anteil an der Erosion und am Scheitern der Weimarer Republik. Dazu heißt es in dem städtischen Internet-Eintrag: "Zum Kernbestand der Wehr- und Veteranenverbände gehörten ,vaterländische Gesinnung' und die aggressive Ablehnung pazifistischer Überzeugungen. Politische Ziele waren die Überwindung des ,Schandfriedens von Versailles' sowie die Stärkung des deutschen ,Wehrwillens' und der ,Selbstbehauptung Deutschlands'". Nicht von ungefähr trägt denn auch die Gedenktafel im Rathaus-Durchgang die Überschrift: "Über alles das Deutsche Vaterland".

Aus der Vergangenheit lernen

"Jede Glorifizierung eines Menschen, der im Krieg getötet worden ist, bedeutet drei Tote im nächsten Krieg." Mit diesem Zitat Kurt Tucholskys haben Grüne und SPD in einem Antrag im Bezirksausschuss (BA) Pasing-Obermenzing ihr Ansinnen unterstrichen, dass die drei Kriegerdenkmäler im Stadtbezirk zu Orten werden sollen, "die das Lernen über die Schrecken des Krieges ermöglichen und aufzeigen, wie Friede bewahrt werden kann". In der aktuellen Form werde dieses Ziel nicht erreicht, urteilen die beiden Fraktionen.

Das Denkmal etwa an der Bäckerstraße wurden 1934 errichtet, nach einem Entwurf des Pasinger Künstlers Hans Osel. Die Plastik ist ganz in der Bildsprache der Zeit gestaltet: Zu sehen ist ein Soldat mit kantigem Gesicht, im Feldmantel, Stahlhelm auf dem Kopf, Gewehr geschultert, und so etwas wie Handgranaten sitzen an seinem Gürtel. In der Inschrift, die aus dem Jahr 1953 stammt, wird an die mehr als tausend Pasinger Opfer der beiden Weltkriege erinnert. "Gedenkt der Toten und bewahrt den Frieden", ist zu lesen.

Der Antrag von Grünen und SPD, die auch einen neuen Umgang mit der Bismarck-Statue auf dem Wensauerplatz in Pasing-Nord gefordert hatten, wurde im Gremium leidenschaftlich diskutiert. Während er von AfD-Mann Thomas Rittermann abgelehnt wurde, zeigte sich die CSU-Fraktion kompromissbereit, auch wenn ihr die Forderung zu "eindimensional" erschien, so CSU-Stadtrat Winfried Kaum. Die drei Denkmäler im Stadtbezirk seien keinesfalls kriegsverherrlichend zu verstehen.

Winfried Kaum machte den Vorschlag, beispielsweise für den Standort Bäckerstraße einen Wettbewerb auszuloben, an dem sich Schulen und Vereine mit Ideen beteiligen könnten. Zudem sollte auch an die Deserteure erinnert werden. Auch Führungen zu den Kriegergedenkstätten könnte man veranstalten, kam eine weitere Anregung von der SPD.

Um all diese Gedanken noch zu bündeln, kam man überein, das Thema noch einmal zu vertagen. Die Mitglieder des BA-Kulturausschusses sollen nun ein Konzept erarbeiten. Jutta Czeguhn

Insofern sollte es der Initiative Giesing Denk(t)mal nicht allzu schwerfallen, den Mann im Chefsessel des Rathauses von ihrem Vorhaben zu überzeugen. Jedenfalls hat der studierte Historiker und Germanist Dandl in einem Brief an Oberbürgermeister Dieter Reiter um die Unterstützung des Sozialdemokraten geworben. Reiter habe auch bereits geantwortet, berichtet Dandl, und mitgeteilt, das Schreiben an das zuständige Fachreferat weitergeleitet zu haben.

Und was genau planen nun Aktionskünstler Kastner und seine Mitstreiter von der Initiative? Sie wollen dem Kriegerdenkmal vor der Heilig-Kreuz-Kirche an vier Seiten opake Plexiglasscheiben vorlagern, mit Zitaten, in denen es um Trauer um die Opfer und die Mahnung zum Frieden geht, etwa von Widerstandskämpferin Sophie Scholl. Ein anderer Textvorschlag lautet: "Wir trauern um 9,4 Millionen getötete Soldaten und 7,9 Millionen getötete Zivilisten, die weder als Helden noch für ein Vaterland starben, sondern im Weltkrieg 1914/18, der von deutschen Nationalisten und Militaristen menschenverachtend durchgeführt wurde."

Der 73-jährige Dandl erklärt, dass über das künftige Aussehen des Kriegerdenkmals vielleicht noch diskutiert werden müsse. "Wir wollen das Denkmal nicht schleifen", beteuert er. Es gehe auch nicht um nachträgliche Schuldzuweisungen. Nur: Wenn man heute anders denke über diese Zeit und die Ereignisse, die sich in dem grauen Steinklotz manifestiert haben, dann müsse man heute auch anders handeln.

© SZ vom 20.10.2020
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