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SZ-Serie: Nachtgeschichten:Wenn Münchens Tiere die Nacht zum Tag machen

Dachse nimmt man erst abends wahr.

(Foto: Marcus Bosch)

Füchse, Falter, Fledermäuse: Sobald der Mensch im Bett liegt, kommen die Tiere: Wer sich auskennt, kann eine erstaunliche Artenvielfalt entdecken. Manchmal gibt es dabei auch unheimliche Begegnungen.

Den ganzen Tag sind sie nur rumgehangen, wenn aber die Sonne untergeht und die Dämmerung der Dunkelheit weicht, stürzen sie sich ins Münchner Nachtleben. Flatterhafte Wesen, die kurz vorbeihuschen. Zu sehen sind sie kaum und zu hören auch nur, wenn die entsprechende Apparatur zur Verfügung steht. Ohne Hilfsmittel kann das menschliche Ohr die hohen Töne nicht wahrnehmen, mit denen Fledermäuse kommunizieren. Wobei das Gerät, das die Rufe der Tiere hörbar und auch sichtbar macht, kaum größer ist als eine Briefmarke.

Lorena Heilmaier hat einen solchen Detektor dabei, er steckt an ihrem Handy. Die Biologin arbeitet für den Landesbund für Vogelschutz (LBV) in München. Dem hat ein Anwohner gemeldet, dass er an der Herzogstraße mitten in Schwabing mehrmals bei Einbruch der Dunkelheit Fledermäuse gesehen hat, und das soll jetzt an Ort und Stelle nachgeprüft werden. Die laue Sommernacht sei dafür ideal, sagt Lorena Heilmaier, doch noch ist es zu hell. Und während ein einsamer Mauersegler am Abendhimmel über Schwabing auf Insektenjagd ist, erzählt sie erst einmal, was los ist, wenn in einer Großstadt wie München Tiere die Nacht zum Tag machen.

Tagsüber versteckt sich der Igel sehr gut.

(Foto: Oliver Wittig)

So ist wissenschaftlich erwiesen, dass Vögel in der Stadt viel früher zu singen beginnen als in der freien Natur. Lorena Heilmaier hat in München eine Amsel schon die ganze Nacht durchsingen hören. Das liege an den vielen Lichtquellen. Für Vögel seien die nur ein Stimulator, für viele Insekten aber eine tödliche Gefahr. Denn die würden durch das Licht angezogen, verlören die Orientierung, verendeten dann zu Tausenden an manchen Leuchtkörpern. Der Laie bekommt das oft gar nicht mit, Spezialisten aber können ein Lied davon singen.

Die Schmetterlingsarbeitsgruppe des Münchner LBV hat allein eine Liste von mehr als 600 Nachtfaltern erstellt, die schon im Stadtbereich nachgewiesen wurden. Doch viele Arten verschwinden, auch wenn in Sachen Beleuchtung und Bepflanzung inzwischen einiges getan werde, um die Tiere zu schützen. Die Biologin sieht das Problem bei der Mahd. Schmetterlinge und auch andere Insekten überwinterten in Ei- oder Puppenform, dazu bräuchten sie aber "wilde Ecken" mit Brennnesseln, Stauden und hohen Gräsern, die das ganze Jahr stehen bleiben.

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Und was ist nun mit den Fledermäusen? Die suchen nach ähnlichen Unterschlupfmöglichkeiten wie Gebäudebrüter, weiß die Spezialistin. Sie hat bei Kartierungen beobachtet, dass die fliegenden Säugetiere abends oft dort herauskommen, wo sich die Mauersegler zur Ruhe begeben. Die moderne Architektur aber lasse kaum noch Ecken, Kanten und Spalten zu, dazu komme die Dämmung der Gebäude, sodass immer weniger Platz sei für die Tiere. Dabei genügt einer kleinen Fledermaus schon ein Spalt von wenigen Zentimetern, um darin den Tag zu verbringen. Wenn sie dann zur nächtlichen Insektenjagd aufbricht, wird sie nur selten gesehen. Wenn aber doch, dann sei das für manche Menschen seltsam oder sogar unheimlich, hat Lorena Heilmaier erfahren.

Mit dem nachtaktiven Getier hat der Münchner so seine Probleme. Der Steinmarder etwa, der die Stadt für sich erobert hat, bezieht gerne nicht ausgebaute Dachböden oder auch Garagen. Dann kann es ganz schön laut werden in der Nacht, dazu kommt der Gestank durch Exkremente und tote Beutetiere. Der Marder ist geschützt, er darf nur vergrämt werden: durch Lärm, durch stark riechende Mittel oder dadurch, dass man ihm alle Einschlupfmöglichkeiten verschließt. Dass er sich dafür durch zerbissene Ölschläuche im Auto des Hausbesitzers rächt, ist nur ein unbewiesenes Gerücht.

Falter kommen erst nachts raus.

(Foto: Marcus Bosch)

Auch den Fuchs zieht es in die Stadt: nicht nur in Parkanlagen wie im Englischen Garten oder in Nymphenburg, wo auch der Waldkauz daheim ist. Nachts kann man ihm auch auf Münchens Straßen begegnen, wenn er auf der Suche nach Fressbarem ist. Hier findet er mehr als in der oft ausgeräumten Natur, hier ist er auch sicher vor Jägern. Wie der Igel bedient er sich aus den Futternäpfen für Hunde und Katzen, wenn diese im Freien aufgestellt sind. Allein in Grünwalder Gärten wurden an die 30 Fuchsreviere gezählt. Und es soll sogar schon vorgekommen sein, dass Villenbesitzer des Nachts besorgt die Polizei anriefen, weil zwei glühende Augen aus dem Garten in ihr Wohnzimmer starrten. Auch Igel haben die Münchner schon zu Notrufen veranlasst, wie Lorena Heilmaier weiß. Denn die benehmen sich alles andere als geräuschlos und machen in der Nacht ungewöhnlich viel Lärm. Oft enttarnt die Polizei dann den vermuteten Einbrecher als harmloses Stacheltier.

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Stadtrand-Münchner beobachten zuweilen auch Rehe, die, wenn es dunkel wird, in den Gärten dort zu äsen versuchen. Im Englischen Garten hat sich sogar ein Dachs eingerichtet. Dass München eine Wanderrattenplage hat, will Lorena Heilmaier nicht bestätigen. Sie, die oft in der Dämmerung und in der Nacht für Gutachten unterwegs ist, findet das Rattenaufkommen in anderen Städten "viel krasser". Erst jüngst hatte sie eine ganz andere Begegnung: Bei einer nächtlichen Kartierung in der Region sei es hinter ihr laut geworden, in der Meinung, dass ein Mensch der Verursacher sein müsse, habe sie zu sprechen begonnen. Dann habe sich herausgestellt, dass sie sich mit einem Biber unterhalten habe. Auch der zieht nachts durch München. Das beweist er nicht nur mit einer Burg an der Isar nahe dem Deutschen Museum, sondern auch mit seinem Appetit, der an Fraßspuren entlang der Kanäle und Bäche abzulesen ist. Und dann noch die Amphibien: Nächtliche Froschkonzerte in Münchner Gartenteichen sollen so ungewöhnlich nicht sein.

Hier in der anbrechenden Schwabinger Nacht ist es aber ruhig, und der Himmel ist leer. Auf den Straßen sind nur Hunde jeder Größe und Rasse unterwegs. Die richtige Zeit für eine Fledermausbeobachtung, findet Lorena Heilmaier. An die zehn Arten dieses fliegenden Säugetiers sind in München schon festgesellt worden, ob auch hier in Schwabing welche unterwegs sind, soll sich jetzt zeigen. Die LBV-Mitarbeiterin ist zuversichtlich, Fledermäuse seien eigentlich überall anzutreffen, man nehme sie nur nicht wahr.

Kröten quaken erst in der Dunkelheit.

(Foto: Herbert Henderkes)

Für den Rundgang durch den kleinen Innenhof einer Wohnanlage hat sie den Detektor eingeschaltet. Schon nach drei Minuten ertönen die ersten Piepser, und das Handy zeigt das entsprechende Sonogramm. Die Piepser werden lauter, die Ausschläge auf dem Display höher. "Jetzt muss sie gleich da sein", sagt die Biologin und tatsächlich: Wenige Meter über ihrem Kopf flattert kurz eine kleine Fledermaus. "Sie wird wohl erst einen Snack zu sich nehmen, bevor sie zu ihrer nächtlichen Jagd startet", sagt Heilmaier. Für die genauere Bestimmung hilft der Detektor: Er kann am Ruf sogar die Art erkennen. "Pipistrella" zeigt er diesmal an. Wohl entweder eine Weißrand- oder aber eine Rauhautfledermaus, vermutet die Expertin. Beide Arten gehören zu den Zwergfledermäusen, die als Kulturfolger des Menschen gelten und, im Gegensatz zu anderen Fledermäusen, auch gerne im beleuchteten Siedlungsbereich jagen.

Bei der Heimfahrt im Bus ist die Aufmerksamkeit geschärft für die nächtliche Umgebung. Und dann in Höhe des Ackermannbogens: Hüpft da nicht ein Steinmarder über die Straße? Wahrscheinlich war es nur eine Katze, aber wer weiß?

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