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SZ-Serie: Nachtgeschichten:Essen gehen, wenn der Koch schon schläft

Drei Jugendliche sitzen auf der Gehsteigstufe vor dem Bergwolf in der Fraunhoferstraße und essen Currywurst mit Pommes.

Nächtlicher Klassiker: Currywurst vor dem Bergwolf in der Fraunhoferstraße.

(Foto: Florian Peljak)

Wer nachts etwas anderes als Fast Food will, hat es nicht leicht. Die meisten Lokale schließen ihre Küche spätestens um 23 Uhr. Aber es gibt Ausnahmen.

Besonders gesund soll es ja nicht sein, sich mitten in der Nacht noch den Magen vollzuschlagen. Der ist nämlich dann ganz schön mit dem Verdauen beschäftigt, und der Nachtruhe ist das nicht zuträglich. Aber was soll man machen, wenn nachts überraschend der kleine oder gar der große Hunger kommt? Nicht selten folgt der bekanntermaßen auf großen Durst und verlangt danach, möglichst schnell gestillt zu werden. Weshalb die Nachtstunden meist eine kulinarische Domäne für Fastfood sind: Pizza, Burger, Döner, Pommes. Je mehr Alkohol zuvor im Spiel war, desto anspruchsloser wird der Gast, normalerweise: Einer der Alltime-Hits auf Facebook ist jener Videoclip, auf dem ein sturzbesoffener Trachtler in einem Bierzelt eine Portion Pommes mitsamt der Pappendeckelschale in sich hineinstopft, als wäre alles eins.

Noch vor 20, 30 Jahren verstanden es die sogenannten Absturzkneipen, nächtliches Trinken mit nächtlichem Essen geschickt zu verbinden. Der Schriftsteller Franz Dobler hat einem dieser Lokale ein literarisches Denkmal gesetzt, nämlich der längst verblichenen Bodega Bar im Glockenbachviertel. Über ihre Zugangsvoraussetzungen schrieb er äußerst zutreffend: "Jeder, der reinkommen konnte, ohne den ersten Tisch mitzunehmen, kam rein." Der Wirt dieses schönen Etablissements hieß Franz, ohne Nachnamen. Er war meistens schlecht gelaunt und hatte für hungrige Zecher ein grandioses, selbst kreiertes Gericht auf der Karte: "Spaghetti diavolo", weithin bekannt und berüchtigt wegen ihrer Schärfe. Die Bodega Bar war immer voll wie ihre Gäste. Die kamen wegen der Drei-Uhr-Konzession, damals noch eine Seltenheit in München, und ein bisschen auch wegen der Spaghetti diavolo.

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Warme Küche war nachts immer schon ein Problem in München - auch für die Nüchternen, die vielleicht nur aus dem Theater oder vom Flughafen kommen. Bis zur Aufhebung der Sperrstunde war meist um 22 Uhr Feierabend für das Küchenteam, jetzt ist es in der Regel 23 Uhr, zumindest im Zentrum. Eine Ausnahme unter den Traditionsgaststätten ist der Spöckmeier, der hat bis Mitternacht warme Küche. So wie das neue Wirtshaus Zum Stiftl, das der Sohn des Spöckmeier-Wirts betreibt. Generell ist aber in der Altstadt wochentags nach halb elf Uhr abends wenig los. "Derzeit haben wir da nur noch wenig Gäste", sagt Gregor Lemke vom Augustiner Klosterwirt an der Frauenkirche, der auch Sprecher der Münchner Innenstadtwirte ist, "meinen Kollegen geht es ähnlich. Die Leute gehen auch anscheinend unter der Woche nicht mehr so viel aus wie früher".

Eine Beobachtung, die auch Axel Seidel vom Alten Simpl bestätigt. Den Alten Simpl gibt es seit 1903, er ist eine Münchner Institution seit den Tagen der Boheme und hat wochentags bis drei Uhr, freitags und samstags gar bis vier Uhr auf. Die Elf Scharfrichter trafen sich hier schon, später machte die Wirtin Toni Netzle ein Zentrum des Münchner Nachtlebens und einen Promitreff aus Politik, Theater, Film und Kunst aus dem Lokal. Von der großen Vergangenheit künden Original-Titelblätter des Simplicissimus an den Wänden und zahlreiche Schwarzweiß-Fotografien.

Bis in den Morgen hinein gab es hier bayerische Küche. Betritt man das Lokal heute aber an einem gewöhnlichen Dienstag um Mitternacht, so wundert man sich fast, dass die Kellner noch nicht mit dem Aufstuhlen beginnen: vorne grade mal zwei Pärchen bei einem Absacker, hinten eine japanische Familie mit Jetlag und eine einsame Esserin vor einem Nizza-Salat. Seidel arbeitet hier seit 26 Jahren als Schichtleiter und meint: "Das eigentliche Geschäft läuft vor Mitternacht. Wer hier in der Gegend wohnt und für ein Ein-Zimmer-Appartement 800 Euro zahlt, der geht abends nicht noch essen, wenn er am nächsten Tag wieder in der Kanzlei oder in der Agentur ranklotzen muss." Unter der Woche bleibe man da lieber zu Hause, "und als Kontaktbörsen werden Gaststätten heute auch nicht mehr gebraucht." Will sagen: Wer jemanden kennenlernen möchte, geht auf Tinder, nicht an den Tresen.

Der Alte Simpl hat inzwischen eine eingeschränkte "Mitternachtskarte" mit wenigen Gerichten: Wiener Schnitzel, Schinkennudeln, diverse Burger und Salate. Gerichte, die auch eine Küchenhilfe ohne großen Aufwand zubereiten kann. "Man findet kaum noch einen Koch, der bis zwei Uhr arbeitet", sagt Seidel. Auch hier spielt wieder die Mietenfrage mit: Köche verdienen nicht gerade üppig, wohnen demzufolge meist in weniger teuren Gegenden und sind darauf angewiesen, "die letzte S-Bahn zu kriegen". Selbst renommierte Hotels der Luxusklasse haben heute Schwierigkeiten, Köche für den nächtlichen Room -Service zu bekommen; so konnte das Vier Jahreszeiten die Position des Nachtkochs kürzlich erst nach mehrmonatiger Personalsuche wieder besetzen.

Wirtshaus am Sendlinger Tor. Da wird gerade Fußball geschaut. Bundesliega Eröffnungsspiel Bayern München gegen Berlin

Ein Vollprogramm gibt es im Wirtshaus am Sendlinger Tor.

(Foto: Florian Peljak)

Deshalb beschränken sich inzwischen viele Lokale, die mehr als das übliche Fastfood und kleine Snacks anbieten wollen, auf eine stark eingeschränkte Nachtkarte, die zur Not auch von einer Küchenhilfe oder der Mikrowelle zubereitet werden kann. Wie sich das beim Wirtshaus am Sendlinger Tor verhält, das "rund um die Uhr" Speisen und Getränke anbietet, lässt sich schwer eruieren: Der Wirt ist telefonisch praktisch nicht erreichbar und ruft auch nicht zurück. Das Lokal selbst ist eine Münchner Gaststätte einfacher Bauart, mit rotem, pflegeleichtem Kunstleder auf Bänken und Stühlen und dunkler Holzvertäfelung an den Wänden. Winzige rot-weiße Deckchen auf den Tischen scheinen aus dem Outfit von Andreas-Gabalier-Konzertbesuchern geschneidert worden zu sein. Am Wochenende brummt der Laden von späten Gästen. Sonst aber kann's schon passieren, dass man kurz nach Mitternacht mit der Bedienung und einem einsamen Zocker bei den Spielautomaten neben dem Tresen alleine ist.

Dafür ist die Nachtkarte erstaunlich umfangreich. Sie ist überhaupt der große Trumpf des Wirtshauses. Vom Schnitzel übers Rumpsteak bis zur Würstlplatte ist alles da, auch vier vegetarische Gerichte gibt es - mehr als in manchen Münchner Gaststätten den ganzen Tag über. Und die Qualität? Nun ja. Ein einzelnes Gericht sagt vielleicht nicht viel aus, aber Kartoffelknödel und Soße zum Schweinsbraten stammten mutmaßlich aus der reichen Angebotspalette internationaler Lebensmittelkonzerne. Und falls es hier am Testtag nach Mitternacht noch einen Koch gab, sollte er sich mal Gedanken machen, ob seine wahren Talente nicht doch woanders liegen.

Aber geht es in der Nacht wirklich noch um richtiges Essen? An Fußballabenden ist auch das Wirtshaus am Sendlinger Tor bumsvoll, denn hier gibt's überall Flachbildschirme an den Wänden, und auch an der anderen Hausecke, im Irish Pub Kennedy's, geht's nachts zu wie tagsüber am Stachus. Im Pub gibt's Burger, wie überall - wie überhaupt rund ums Sendlinger Tor die Versorgung mit Fastfood aller Art auch spätnachts noch 1 a ist.

Auch im Vivo in Haidhausen gibt es nachts noch was zu essen.

(Foto: Robert Haas)

Freilich: Es gibt sie noch, die Klassiker mit Vollprogramm, auch wenn in der Maxvorstadt und Schwabing das Adria und die Wein-Schatulle verschwunden sind und der Atzinger nachts die Karte ebenso abgebaut hat wie das Tresznjewski. Späte Atzung versprechen immer noch das Vivo und das Johanniscafé in Haidhausen mit solider Hausmannskost von Kartoffelsuppe bis Fleischpflanzl, und in Sendling, beim Stemmerhof ums Eck, findet man wie eh und je die Antonius-Tenne, die wochenends bis drei Uhr auf hat. Und wer auch unter der Woche um diese Zeit noch richtig schön gediegen essen gehen will, der ist im Trader Vics des Hotels Bayerischer Hof richtig. Hier gibt es täglich bis drei Uhr eine recht umfangreiche Karte mit asiatischen Gerichten.

Womöglich lebt die späte Küche aber wieder auf in der Stadt. Im neuen Steakhouse Abacco's, das erst vor vier Wochen am Oberanger eröffnete, kann man bis halbzwölf und am Wochenende bis halbeins Steaks ordern. Trotz der Größe des Lokals - 155 Plätze drinnen, 88 draußen - lohnt sich das auch zu später Stunde noch. Restaurantleiter Daniel Ghiglione sagt: "Ich war selber überrascht, wie gut dieses Angebot angenommen wird."

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