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MVG-Streik:Dann eben mit dem Rad

An diesem Streikdienstag die Alternative: das Rad.

(Foto: Stephan Rumpf)
  • Seit 3.30 Uhr am Dienstagfrüh bestreikt die Gewerkschaft Verdi die MVG.
  • Nichts gehe mehr, das waren die Warnungen am Tag zuvor. Aber es geht doch ein bisschen mehr als nichts (Was fährt und was nicht - die aktuelle Lage).
  • Viele Pendler weichen auf Autos und Fahrräder aus. Vor allem auf dem Mittleren Ring und auf seinen Zu- und Abfahrten geht es nur langsam voran. Die Lindwurmstraße wird zeitweilig zur Radl-Autobahn.
  • Die MVG informiert laufend im Internet sowie in der App MVG Fahrinfo München, Facebook und Twitter.

Zum Nordfriedhof muss sie. Die junge Frau beugt sich ans Fenster eines Taxis vor dem Hauptbahnhof. Was das denn koste, fragt sie den Fahrer. 25 Euro vielleicht, antwortet der. Das ist ihr offenkundig zu teuer. "Hmm, ich schau' jetzt mal, was fährt, und dann komm' ich vielleicht wieder", sagt sie. Nichts fahre, entgegnet der Fahrer. Nichts? Das schreckt die Frau nicht ab, sie verschwindet im Gewühl des Berufsverkehrs.

Viertel vor sieben am Dienstag. Die Fahrer der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) sind zum Streik aufgerufen. Nichts gehe mehr, das waren die Warnungen am Tag zuvor. Aber dann geht doch ein bisschen mehr als nichts. Viele Busse fahren am Morgen trotzdem, einige Trambahnen auch, nur die U-Bahnen bleiben erst einmal im Depot. Alle.

Verkehr in München MVG-Streik beendet: Was fährt und was nicht
Nahverkehr

MVG-Streik beendet: Was fährt und was nicht

Bis zum Feierabendverkehr wolle man den Verkehr wieder "einigermaßen eintakten", teilte die MVG mit. Die aktuelle Lage im Überblick.

Doch die Münchner scheinen sich darauf eingestellt zu haben. Auf die U-Bahnsteige an den zentralen Umsteigknoten wie Hauptbahnhof oder Odeonsplatz verirren sich nur wenige - und ziehen schnell wieder von dannen. Und sie haben Alternativen: "Du fährst dann zum Marienplatz und dann bist du ja schon fast beim Odeonsplatz", sagt ein Mann zu einer Frau im Regionalzug kurz vor dem Hauptbahnhof. Die S-Bahnen fahren ja schließlich. "Das wär's jetzt, wenn auch noch die Stammstrecke gesperrt wäre", sagt der Mann. Die S-Bahn wird nicht bestreikt, und wird dementsprechend immer voller, vor allem von etwa acht Uhr an, auf der Stammstrecke stauen sich die Züge - zu viele Umsteiger am Hauptbahnhof. Ein Berliner mit Münchner Grant schimpft, wie infantil die Münchner doch seien, dass sie sich das gefallen ließen. Außerdem sei die Stadt so klein, da könnte man ja auch zu Fuß gehen.

Anscheinend viele wählen aber eine andere Alternative: das Rad. Auf vielen Straßen sind noch mehr Radler unterwegs als sonst, das Wetter ist ja gut an diesem Dienstag, trocken und nicht zu warm. Die Lindwurmstraße Richtung Sendlinger Tor zum Beispiel wird zeitweilig zur Radl-Autobahn, vor den Ampeln der größeren Kreuzungen warten lange Schlangen auf den Radwegen, am Odeonsplatz ist das Fahrrad-Chaos noch größer als sonst.

Einen Kilometer weiter, am Stachus, schauen sich viele Menschen, die von der S-Bahn nach oben kommen, ratlos um. Die Anzeigen der Busse und Trams sind blau, unten läuft immer wieder die Schrift "Heute Warnstreiks bis voraussichtlich 14.30 Uhr" durch. Auch von ihren Handys bekommen die Fahrgäste nicht immer die gewünschten Informationen: Die MVG-App ist teilweise schlicht überlastet. Bei den Tramgleisen warten einige Menschen, manche ärgerlich, manche verständnisvoll, hier sind nur die Linien 19, 20 und 25 im Einsatz. Auch Franziska Beyer wartet, an ihr ist der Streik bis eben völlig vorbeigegangen. Sie kann ihn aber nachvollziehen. "Die brauchen eben eine Plattform und die erreicht man im Berufsverkehr", sagt sie über die streikenden Fahrer. Sie hoffe einfach, dass noch eine Tram kommt. "Und zur Not laufe ich halt eine halbe Stunde." Auch Anja Rosner ist zuversichtlich - und versteht den Streik: "Man kann sich ja darauf einstellen. Und wenn man mehr Geld will, muss man eben streiken."

MVG-Streik

Nichts geht mehr bei der U-Bahn in München

Die Gewerkschaft Verdi hat die Fahrer zum Ausstand aufgerufen wegen eines internen Tarifkonflikts bei der MVG, nach ihren Angaben beteiligen sich etwa 80 bis 90 Prozent. Sie treffen sich am Tramdepot an der Einsteinstraße. Auf ihren gelben Warnwesten steht "Ohne uns kein Verkehr". Die Stimmung ist gut, teilweise ausgelassen, es gibt Akkordeon-Livemusik und Streiklieder werden gesungen. "Heit fahr ma nimmer raus und der Boss flippt aus", ist eine der beliebtesten Zeilen. Nur immer dann, wenn eine Tram vorbeikommt, am Steuer offenkundig ein Streikbrecher, lassen die Streikenden ihn ihre Wut spüren.

200 Euro mehr im Monat fordern sie, auch wenn das nur ein "Tropfen auf den heißen Stein" sei, aber eben ein nötiger. Franz Schütz von Verdi, der die Verhandlungen führt, begründet dies damit, dass das Grundgehalt zu niedrig sei. 2408 Euro brutto seien "zu wenig für jemand, der Tag und Nacht die Leute befördert". So berichtet ein 46-jähriger Bus- und Tramfahrer, dass er mit 16 Euro in der Stunde nur schwer seine fünfköpfige Familie ernähren könne.

Aber den Fahrern geht es nicht nur um Geld. "Es gehört sich nicht, dass es zwei unterschiedliche Tarifverträge gibt", findet die Verkehrsmeisterin Barbara Seefeld. Gerade die Jüngeren verdienten viel weniger als die Älteren. Verdi wirft der MVG vor, ihre Mitarbeiter schlechter zu bezahlen als die kommunalen Verkehrsbetriebe in Bayern, die sich an den Tarifvertrag Nahverkehr halten. Bei der MVG betrifft das 1300 Mitarbeiter, die weniger verdienen als die etwa 500 Fahrer, die noch alte Verträge der MVG-Mutter Stadtwerke haben.

"Leicht über dem Durchschnitt", sagt gegen Viertel nach acht ein Polizeisprecher über die Verkehrslage.

(Foto: Stephan Rumpf)

Das heißt aber auch, dass diese 500 Menschen am Dienstag nicht streiken - ebenso wie jene Busfahrer, die bei privaten Unternehmen beschäftigt sind. Deshalb meldet die MVG am Morgen, dass auf vielen Linien die Hälfte der Busse unterwegs sind, auf manchen sogar drei Viertel. Und tatsächlich: An den Bussteigen vor dem Ostbahnhof ist fast so viel los wie sonst auch im Berufsverkehr. Manche Busse sind voller als sonst, in anderen findet sich gut ein Platz - manchmal kommen auf einer Linie binnen drei Minuten zwei Fahrzeuge.

Auch Straßenbahnen fahren, die 25 etwa. Am Rosenheimer Platz fährt Punkt sieben Uhr eine in Richtung Süden vor, geschmückt mit zwei Regenbogenflaggen. Die freilich sind weniger als biblisches Zeichen der Hoffnung zu verstehen, dass doch nicht alles so schlimm wird an diesem Streiktag, Anlass dafür ist der bevorstehende Christopher Street Day. Hoffnung wäre trotzdem angebracht, exakt sechs Minuten später kommt schon die nächste Bahn. Fünf Menschen sitzen darin, nur ein Dutzend steigt zu. Viel Platz in der Tram.

Eher weniger dagegen auf den Straßen, offenbar sind viele Münchner am Dienstagmorgen aufs Auto umgestiegen. "Leicht über dem Durchschnitt", sagt gegen Viertel nach acht ein Polizeisprecher über die Verkehrslage. Vor allem auf dem Mittleren Ring und auf seinen Zu- und Abfahrten geht es da überall nur langsam voran, dort hat die übliche Welle etwas früher eingesetzt als an anderen Tagen. Auch Taxen sind offenkundig gut gebucht: Schon am Montagabend nahm die Zentrale keine Reservierungen mehr an, am Dienstag ist das Telefon zeitweilig dauernd besetzt.

Nicht nur Fahrgäste trifft der Streik. Am U-Bahnhof Odeonsplatz leitet Franzi Huber die Filiale der "Frischen Backstube". Am Montagmorgen, als sie die Bestellung für den Dienstag aufgegeben hat, wusste sie noch nichts von dem Streik. "Ich konnte die Bestellung auch nicht mehr zurücknehmen", sagt Huber. Sie könne die Streiks zwar teilweise nachvollziehen, für ihr Geschäft sei das aber trotzdem nicht gut. Bis acht Uhr morgens seien vielleicht 20 Kunden gekommen.

Am Ostbahnhof steigt derweil ein Fahrer aus seinem Bus, um eine Zigarette zu rauchen. Er wirkt genervt, weil ihn ständig Menschen fragen, wo und wann jetzt was fahre. Er gibt knapp Auskunft, bereitwillig wäre zu viel gesagt. Am liebsten und immer wieder sagt er einfach nur: "Heute ist Streik." Das klingt wie: Leute, fügt euch in euer Schicksal, fährt halt kaum was, und lasst mich in Ruhe rauchen. Der Mann zieht weiter an seiner Zigarette, auch wenn sein 62er-Bus seit einer Minute schon abgefahren sein müsste. Aber wen kümmert schon der Fahrplan? Heute ist ja Streik.