Münchner Momente:Rettet das Bierfuizl!

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Münchner Momente: Abrechnungssystem via Bierfuizl.

Abrechnungssystem via Bierfuizl.

(Foto: Robert Haas)

Die Bierdeckel-Buchführung ist praktisch und bewährt. Doch die "Kassensicherungsverordnung" droht, einen Strich durch die Rechnung zu machen.

Glosse von Stephan Handel

Das Bierfuizl ist eine ausgesprochen praktische Erfindung - es verhindert, dass das Kondenswasser außen am Bierglas auf die Tischplatte oder die Tischdecke tropft, dass beim Trinken das Hemd das Gastes benässt wird, außerdem kann es auch oben auf das Glas gelegt werden, um zum Beispiel im Biergarten zu verhindern, dass Kastanien oder Insekten ins Bier fallen - daher übrigens auch der Name Bierdeckel. Außerdem dient es immer noch in vielen Gaststätten als Erinnerungssystem für die Abrechnung: ein Strich für ein Helles, ein Kreuz für ein Weißbier, andere Viktualien werden mit ihrem Realpreis an den Rand des Bierfuizls geschrieben - so kann die Bedienung einfach zusammenzählen, was der Gast konsumiert hat und ihm die Rechnung präsentieren, wenn er zahlen will.

Dieses System hat viele Jahrzehnte wunderbar funktioniert - bis im Jahr 2020 die "Kassensicherungsverordnung" in Kraft trat. In ihr werden die Gastronomen verpflichtet, jeden Verkauf in einer manipulationssicheren Registrierkasse zu bonieren und dem Finanzamt mitzuteilen, welche und wie viele Geräte sie verwenden. Dennoch sind gerade viele kleinere Etablissements bei der gewohnten Bierdeckel-Buchführung geblieben: Sie stellen sich auf den Standpunkt, dass die Deckel billiger sind als das Thermopapier für die Kassen und tippen die Umsätze nach Schankschluss insgesamt ins System.

Allerdings kommt ihnen jetzt eine neue Entwicklung ins Gehege: Die Bierdeckel-Designer haben entdeckt, dass ihre Produkte zur Rechnungslegung nicht mehr vonnöten sind - und verzichten mehr und mehr darauf, den Rand des Deckels für Striche, Kreuze und Zahlen freizulassen. Vielmehr erstrecken sich die Motive jetzt über die ganze Fläche des Deckels - "randabfallend" nennen Drucker das. Wirte und Bedienungen stehen vor dem Problem, dass sie keine Striche mehr auf den Bierdeckel schreiben können, oder dass sie sie später nicht mehr lesen können.

Die Brauereien sollten ihre Grafiker an die Kandare nehmen - ein weißer Rand von einem halben Zentimeter rund um den Bierdeckel wird doch wohl der künstlerischen Verwirklichung nicht im Weg stehen. Ein im Strichsystem beschrifteter Bierdeckel ist übrigens sehr viel mehr als ein Fetzen Pappe: Im juristischen Sinn ist er eine Urkunde, wer etwa ein paar Striche wegkratzt, macht sich der Urkundenfälschung schuldig. Und vor Urkunden sollten doch auch Werbegrafiker Respekt haben.

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