Isarvorstadt:Mode-Recycling im Bahnwärter Thiel

Isarvorstadt: Aus Italien kommen die Hemden und Kleider, Taschen und Accessoires, die Francesca Pellegrini anbietet.

Aus Italien kommen die Hemden und Kleider, Taschen und Accessoires, die Francesca Pellegrini anbietet.

(Foto: Stephan Rumpf)

Francesca und Silvia Pellegrini haben den italienischen Vintage-Laden "seconda Pelle" eröffnet. Ihnen geht es um die Nachhaltigkeit von gebrauchter Kleidung im Vergleich zu den gängigen Billig-Marken.

Von Sandra Langmann, Isarvorstadt

Eigentlich hatte Francesca Pellegrini den Laden heute pünktlich absperren wollen. Bis 20 Uhr sind die Türen geöffnet, aber im Atelierpark vom Bahnwärter Thiel ist ja gerade abends am meisten los. Eine junge Frau kommt also die Holzstufen zum Container hoch, wie schade, sie ist in München nur auf der Durchreise. "Allora, komm rein!", winkt Francesca.

Cosi cosa. Strikte Regelungen sind nicht so ihr Ding, und wenn Francesca Pellegrini, 27, den Leuten eine Freude machen kann, umso besser. Von der gebürtigen Italienerin geht eine angenehme Ruhe aus, ihre raue Stimme mit italienischem Akzent lässt sie etwas älter wirken. Sie gibt dem Vintage-Store "seconda Pelle" (zu Deutsch "zweite Haut") am Anfang der Tumblingerstraße Persönlichkeit.

Diesen Juli hat Francesca gemeinsam mit ihrer Schwester Silvia Pellegrini, 25, die gerade für ein Projekt in Griechenland unterwegs ist, den kleinen Secondhand-Laden eröffnet. Nur ein Holzschild mit der Aufschrift "Vintage Clothing" ist am Treppenaufgang angebracht und verweist auf den bunten Container, der einen Wohnwagen auf dem Dach trägt und mit einer großen Terrasse einen Platz zum Zusammenkommen schafft. Neben den Kleiderstangen finden sich auch Palettenmöbel und eine Hängematte. Graffiti im italienischen Stil, inklusive Espressokanne, sind auf die Fassade gesprüht. Eis gibt es zu kaufen, sanfte Indie-Musik läuft im Hintergrund, das Italo-Ambiente ist tutto completto.

Francesca Pellegrini und ihre Schwester haben vor zehn Jahren beschlossen, nur noch Secondhand-Mode zu kaufen, mit einer Ausnahme: Unterwäsche. Die beiden Schwestern haben ihr Faible für Vintage in Reggio Emilia entdeckt, der kleinen Provinzstadt in Norditalien, wo sie aufgewachsen sind. Angefangen hat alles damit, dass sie alte Fotoalben durchblätterten und Spaß an der Mode fanden, die sie da sahen. Den Eltern passten die Kleider im Style der Siebziger und Achtziger nicht mehr, also zogen sie die Stücke an und verkauften sie weiter. 2013 entstand daraus der Online-Shop "REused". "RE" für Reggio Emilia.

Aus ihrem Hobby wurde ein Nebenjob: Unter der Woche gingen die Schwestern zu Schule und Uni, am Wochenende waren sie auf Floh- und Vintage-Märkten in Mailand und Bologna unterwegs. Immer auf der Suche nach qualitativ hochwertiger Mode. Die ausgewählten Einzelstücke hängen heute im Münchner Baucontainer. Bunt zusammengewürfelt haben Hemden und Kleider, aber auch Taschen und Accessoires hier ihren Platz. Dass italienische Vintage-Mode in München so gut ankommt, damit hatte Francesca Pellegrini nicht gerechnet. Seit der Eröffnung musste sie in Italien schon wieder Nachschub holen. "Der Zeitpunkt hat anscheinend genau gepasst. Eine glückliche Fügung."

Isarvorstadt: Wider die Wegwerf-Mentalität: Secondhand-Kleidung ist nachhaltig, weil bei Material und Herstellung durch die Wiederverwendung Ressourcen gespart werden.

Wider die Wegwerf-Mentalität: Secondhand-Kleidung ist nachhaltig, weil bei Material und Herstellung durch die Wiederverwendung Ressourcen gespart werden.

(Foto: Stephan Rumpf)

Denn eigentlich kam sie vor eineinhalb Jahren der Liebe wegen nach München. Auf einem Festival in Italien hatte sie einen Bayern kennengelernt und sich verliebt. Etwas geblendet davon - und weil es jobmäßig nach ihrem Kommunikationsstudium in ihrer Heimatstadt eher schlecht aussah - beschloss sie, für ein Jahr nach München zu gehen. Aus der Romanze wurde nichts, Corona kam und trotzdem blieb Francesca Pellegrini länger als gedacht. Sie begann, für das Modekollektiv "Khala" im Bahnwärter Thiel zu arbeiten. Dann hörte sie im Juni von Plänen für einen Vintage-Store in einem der Container. Anfang Juli wurde die Eröffnung gefeiert.

Endlich wieder persönlicher Kontakt, denn der reine Online-Verkauf während der Pandemie war nicht das Richtige. Zu technisch, zu viel Arbeit vor dem PC. "Für uns muss Mode Spaß machen. Dazu gehört auch, mit den Leuten zu sprechen und anzuprobieren." Daher arbeitet Francesca Pellegrini nicht nur gerne im Laden, sondern liebt die italienischen Flohmärkte. "Alte Damen erzählen dir dort die ganze Geschichte zu den Stücken, und die gebe ich auch an meine Kunden weiter." Außerdem bekomme man dort gute Qualität zu einem günstigen Preis. Fast-Fashion-Stücke, für den Kurzgebrauch produzierte Billigmode, wie man sie überwiegend auf Münchner Flohmärkten finde, seien in Italien eher selten. Francesca Pellegrini legt wenig Wert auf Markenkleidung, auf die Qualität komme es an. Sie hat viele Stücke aus Seide, Baumwolle und Leder.

Isarvorstadt: Für ihren Container-Laden im Schlachthofviertel musste Francesca Pellegrini seit der Eröffnung Anfang Juli bereits Nachschub holen.

Für ihren Container-Laden im Schlachthofviertel musste Francesca Pellegrini seit der Eröffnung Anfang Juli bereits Nachschub holen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Nachhaltiger als Secondhand einzukaufen, geht kaum. Um den Leuten das ins Gedächtnis zu rufen, veranstaltete Francesca vor fünf Jahren ihr erstes Vintage-Festival in Reggio Emilia. Damals kamen gerade mal 50 Leute. Heute sind es 2000. Aber findet in den Köpfen tatsächlich ein Umdenken statt, oder liegt Vintage nur im Trend? Pellegrini kann sich nicht vorstellen, dass die Zeit von nachhaltiger Mode bald wieder vorbei sein könnte. "Vintage-Stücke sind zeitlos, wahre Evergreens, die man zu allem kombinieren kann. Man kann sie wiederverkaufen und gut recyceln. Anders als den Polyestermix der Fast-Fashion-Industrie, den man nur mehr wegwerfen kann." Außerdem: "Mit Fast-Fashion schauen ja alle gleich aus." Nachhaltigkeit kann also ganz schön modisch sein.

© SZ vom 26.08.2021
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