Design:"Unser Locher ist für die Ewigkeit gedacht"

Design: Während der Corona-Zeit tüftelten sie an einem neuartigen Locher, der schon bald auf den Markt kommen soll - (von links) Yunus Emir, Maximilian Kreuz, Onurcan Cinar und Shayan Torabi.

Während der Corona-Zeit tüftelten sie an einem neuartigen Locher, der schon bald auf den Markt kommen soll - (von links) Yunus Emir, Maximilian Kreuz, Onurcan Cinar und Shayan Torabi.

(Foto: Paul Thouet/oh)

Mit einem besonders kleinen, dennoch leistungsstarken Bürogerät gewinnen Münchner Studenten einen internationalen Design-Preis. Ihre Innovation soll die Schreibtische der Zukunft schmücken.

Interview von Sabine Buchwald, München

Vier Studierende der Hochschule München haben einen Papierlocher entwickelt, der sich in seiner Form, Größe und Leistung von herkömmlichen Lochern abhebt. Er ist schmal wie ein Taschenmesser und kaum länger als eine Packung Kaugummi. Die Bachelor-Studenten der Fakultät für Maschinenbau und Fahrzeugtechnik haben ihren Locher "Punchline" genannt, was so viel wie Pointe oder Knalleffekt heißt. In wenigen Monaten soll der Locher den Büroartikel-Markt aufmischen. Die Voraussetzungen sind nicht schlecht: Soeben haben Maximilian Kreuz, Shayan Torabi, Yunus Emir und Onurcan Cinar den European Product Design Award 2021 für ihre Entwicklung bekommen. Wie sie auf die Idee kamen, das Prinzip eines mehr als 130 Jahre alten Produktes zu hinterfragen, erklärt Initator Maximilian Kreuz, 22.

SZ: Wir haben es gerade ausprobiert: Bei mehr als sieben Blättern bleibt bei dem kleinen Redaktions-Locher eine Stanze hängen. Wie viele Blätter schafft Ihrer?

Maximilian Kreuz: Zehn, problemlos. Unser neues Modell wird sogar bis zu 15 Blätter perfekt lochen. Mit diesem wollen wir in ein paar Monaten auf den Markt kommen.

Was macht Ihren Locher so viel besser?

Ein Locher funktioniert nach dem Hebelprinzip. Doch normalerweise geht der Hebel nach hinten weg, wenn man draufdrückt. Wir haben ihn räumlich neu angeordnet und ein Scharniersystem entwickelt. Um Platz zu sparen liegt das Scharnier direkt über den Löchern, und trotzdem kommen wir auf die gleiche Kraft wie ein größerer Bürolocher. Uns war wichtig, dass das Ding in jede Tasche passt. Deshalb wiegt der Locher auch nur 70 Gramm, ist 2,4 Zentimeter breit und elf Zentimeter lang.

Design: Zusammendrücken, zwei Löcher stanzen, so funktioniert die Erfindung der Hochschul-Studenten. In Ruheposition ist der Locher so kompakt wie ein Taschenmesser.

Zusammendrücken, zwei Löcher stanzen, so funktioniert die Erfindung der Hochschul-Studenten. In Ruheposition ist der Locher so kompakt wie ein Taschenmesser.

(Foto: Paul Thouet/oh)

Ist es die Hebelwirkung oder liegt es am Material der Stanze, wenn es saubere Löcher gibt?

Vor allem an der Hebelwirkung. Aber das Material unterstützt die Stanzkraft. Wir setzten primär auf Edelstahl und Holz. Nachhaltigkeit ist uns wichtig. Unser Locher ist für die Ewigkeit gedacht.

Wie sind Sie auf die Form gekommen?

Durch Ausprobieren. Das Ziel war, den Locher kleiner und ansprechender zu machen. Wir haben das Prinzip neu durchdacht. Man braucht immer einen Hebel, das war schnell klar. Aber dann haben wir herumexperimentiert und die Form minimiert. Beim Lochen drückt man ihn zusammen und zum Transport auch. Unser Locher fühlt sich in der Hand an wie ein geschmeidiges Taschenmesser.

Schreibtischarbeit wird immer digitaler. Warum wollen Sie ausgerechnet einen Locher produzieren?

Während Corona habe ich mich viel in meinem Zimmer aufgehalten und mich dort umgesehen und überlegt, was man verbessern könnte. Ganz ehrlich: Ich fand meinen Locher nie besonders schön und platzsparend ist er auch nicht gerade. Ja, die Welt wird digitaler, aber die Arbeitswelt, genauso wie die Uni und die Schule, funktioniert immer noch hybrid, mal mit Papier und mal digital.

Kommt Ihre Innovation dennoch nicht etwas zu spät?

Das denke ich nicht. Wir sehen, gerade weil man weniger Papier braucht eine gute Chance für das Produkt. Büroutensilien sollten für die mobilen Arbeitsplätze der Zukunft oder den Schreibtisch im Home-Office kleiner und platzsparender werden. Die Tendenz geht klar zum cleanen, minimalistischen Arbeitsplatz.

Was braucht es jetzt, damit Ihr Locher bald in Serie gehen kann?

Wir haben die Entwicklung abgeschlossen, nun ist das Feintuning dran. Wir experimentieren gerade mit verschiedenen Beschichtungen, Farbkombinationen und der Holzart. Unser Favorit ist derzeit Nussbaum. Das dunkle Braun und die Maserung gefallen uns.

Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie den Locher tatsächlich auf den Markt bringen?

Ziemlich hoch. Die Patente sind angemeldet und wir machen demnächst eine Testproduktion. Der Locher soll Anfang nächsten Jahres in den ersten Läden stehen. Wir tüfteln auch gerade am Preis: Als Designerprodukt soll der im mittleren zweistelligen Bereich liegen.

Apropos, Geld. Sie haben für die Entwicklung mehrmals vierstellige Beträge bekommen. Und im Dezember soll es eine Crowdfunding-Aktion geben. Die Grundidee stammt von Ihnen, nun arbeiten Sie als Gruppe daran. Gibt es da nicht Konflikte?

Es war schon eine Herausforderung, mit Freunden in das unternehmerische Denken zu gehen. Ich denke aber, wir haben die unterschiedlichen Positionen ganz gut geklärt. Man muss ehrlich miteinander sprechen und alle Überlegungen transparent machen. Wir haben nicht nur finanzielle Unterstützung bekommen, sondern bei dem Projekt auch viel über Betriebswirtschaft und Wettbewerb gelernt.

© SZ/bub
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