Kliniken schlagen Alarm:Die Münchner Krankenhäuser sind überlastet

Kliniken schlagen Alarm: Corona macht vor den Mitarbeitern nicht halt - auch wenn die sich meistens im Privatleben anstecken.

Corona macht vor den Mitarbeitern nicht halt - auch wenn die sich meistens im Privatleben anstecken.

(Foto: Robert Haas)

Und das liegt nicht nur an Corona. Es kommen auch viele Patienten, die eigentlich zum Hausarzt gehören oder beim Facharzt keinen Termin bekommen.

Von Stephan Handel

Die Covid-Inzidenz in München sinkt, dennoch klagen die Kliniken der Stadt über zunehmende Belastung, vor allem in den Notaufnahmen. Die Gründe dafür sind vielseitig - Corona ist nur einer davon.

Die Bayerische Krankenhausgesellschaft (BKG) schlug Anfang dieser Woche Alarm: "Notaufnahmen wegen Personalmangel derzeit oft überlastet", war die Mitteilung überschrieben. Zwei Fakten führen laut BKG zu dieser Überlastung: Zum einen sei die Personaldecke dünn, weil sich auch unter den Mitarbeitern viele mit Covid infiziert haben, und weil die Pflege von Covid-Patienten Pflegekräfte bindet.

Daneben macht BKG-Geschäftsführer Roland Engehausen aber auch eine Gruppe von Patienten für die Engpässe verantwortlich: "Die Situation, dass bei eher Bagatellbehandlungen auch die Notaufnahme der Klinik in der Nähe aufgesucht wird, ist nicht neu. Aber leider binden gerade solche Fälle, die eigentlich nicht zwingend eine stationäre Versorgung benötigen, zu viele Kräfte in unseren überlasteten Notaufnahmen."

Das habe außerdem dazu geführt, dass Notaufnahmen für den Rettungsdienst nur eingeschränkt verfügbar sind, sodass in vielen Fällen längere Fahrten zu aufnahmebereiten Kliniken nötig sind. Auch werden schon wieder planbare, nicht lebensnotwendige Operationen verschoben, ohne dass der Rückstau, der durch die Winter-Welle verursacht wurde, abgearbeitet worden wäre.

Die Telefonnummer des Bereitschaftsdiensts ist kaum bekannt

Das Klinikum rechts der Isar fährt eine rigorose Politik, was Patienten betrifft, die nicht wegen eines Notfalls ins Krankenhaus kommen: "In all diesen Fällen können wir letztlich nur an die ambulanten Strukturen verweisen. Dies ist mühsam, zeit- und personalintensiv - und für die Betroffenen oft nicht befriedigend", sagt Michael Dommasch, Ärztlicher Leiter der Zentralen Notaufnahme. "Die meisten kennen leider auch nicht die Telefonnummer des Bereitschaftsdienstes der Kassenärztlichen Bundesvereinigung; wir verweisen Betroffene an diesen Dienst, insbesondere auch auf den Service zur zeitnahen Organisation eines Facharzttermins."

Denn das ist eine Erfahrung, die Dommasch gemacht hat: "Ein besonders häufiger Grund solcher notfallmäßigen Vorstellungen scheint der Mangel an Facharztterminen zu sein - viele Betroffene werden über ihre Hausärztin oder ihren Hausarzt zu uns geschickt." Insgesamt bezeichnet der Ärztliche Leiter die personelle Situation in seiner Notaufnahme als "sehr angespannt, allerdings werde trotzdem "auf Volllast" gefahren, was Dommasch auf die Einsatzbereitschaft der Mitarbeitenden zurückführt. Der Ärztliche Bereitschaftsdienst ist unter der bundesweit einheitlichen Telefonnummer 116117 erreichbar.

Auch das Klinikum Großhadern stößt an die Grenzen der Kapazität in der Notaufnahme: Gefragt, ob aufgrund der Hitzewelle und zu erwartender Notfälle deswegen spezielle Vorbereitungen getätigt würden, antwortete deren Leiter Matthias Klein lapidar: "Die Versorgung der jetzigen Patienten ist schon limitiert aufgrund verminderter Ressourcen, unter anderem wegen Covid. Eine weitere Vorhaltung ist nicht möglich."

"Ältere Menschen brauchen viele Wochen stationären Aufenthalt, um sich zu erholen"

Die städtische München-Klinik mit ihren vier Häusern sieht "das Gesundheitssystem in München massiv unter Druck". Geschäftsführer Axel Fischer vergleicht die derzeitige Situation mit der vor einem Jahr: Damals, am 4. August 2021, versorgte die München Klinik vier Covid-Patienten. Derzeit sind es 161, davon 23 auf der Intensivstation. "Die Patienten sind nicht mehr so schwer krank wie in der ersten Welle, aber gerade auch ältere Menschen brauchen viele Wochen stationären Aufenthalt, um sich wieder zu erholen", sagt Fischer. "Hinzu kommen mehr Notfälle und andere Erkrankungen, weil die Menschen insgesamt wieder mehr unterwegs und mobil sind."

Corona macht natürlich auch vor den Mitarbeitern nicht halt - auch wenn die sich meistens im Privatleben anstecken. Dann, so der Geschäftsführer, bleiben sie oft zehn Tage infektiös und und fallen auch danach noch aus, bis ihnen der Infektionsschutz wieder das Arbeiten erlaubt. Fischer: "Zusätzlich fehlen Kolleginnen und Kollegen in der Krankenhausversorgung, die ihre positiv getesteten Kinder zu Hause betreuen. In Summe führt das regelhaft neben normalen Krankheitsausfällen zu coronabedingten zusätzlichen deutlichen Personalausfällen."

Erleichterung verspricht sich Fischer von den kürzlich wieder eingesetzten ärztlichen Bezirkskoordinatoren - sie sollen die Patientenströme überregional steuern. Außerdem fordert er finanziellen Ausgleich für die Kliniken, die neben der Pandemie auch die normale Gesundheitsversorgung in der Stadt schultern: "Sonst ist das nicht zu schaffen, und das System geht insgesamt in die Knie."

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