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Pädiatrie an Münchner Kliniken:Knappe Dienstpläne, viel Aufwand

"Legen Sie mal einem dreijährigen Kind eine Nadel", sagt eine Ärztin aus einer Münchner Kinderklinik. Das ist viel aufwendiger, dauert länger und braucht mehr Personal als bei einem Erwachsenen. "Der Dienstplan ist sowieso schon wahnsinnig knapp kalkuliert. Im Nachtdienst kümmern sich bei uns zwei Schwestern um mehr als 20 Kinder." Sobald dann noch jemand krank oder schwanger werde, würde alles zusammenbrechen. "Wir haben nie genug Zeit für die Patienten und fühlen uns ständig überfordert", sagt die Ärztin. "Hinzu kommt, dass immer mehr Eltern mit ihren Kindern wegen Bagatellen die Notaufnahme blockieren." Weil sie unsicher sind oder ihr Kinderarzt auch völlig überlaufen ist.

In München gibt es zahlreiche Privatkliniken. Keine einzige davon ist eine Kinderklinik. Kinder zu behandeln, ist im deutschen Gesundheitssystem nicht lukrativ. Und Abteilungen, die kaum Gewinne erzielen oder sogar defizitär arbeiten, zählen zum lästigen Anhängsel im Klinikverbund. Ihnen werden als erstes Personal und Ressourcen gekürzt. Schließlich stehen die Kliniken unter einem enormen wirtschaftlichen Druck.

Der ökonomische Wettbewerb in der Kindermedizin sei absurd, kritisiert Chefarzt Burdach. Die Kindermedizin hat neben dem extrem breiten Diagnosespektrum einen hohen Anteil an Notfällen und ist starken saisonalen Schwankungen unterworfen. "Sie kämen doch auch nicht auf die Idee, die Feuerwehr nur nach ihren Einsätzen abzurechnen. Sie muss einfach da sein. Ebenso wie die Kinderkliniken. Wir leisten Daseinsfürsorge."

Auch Philipp Schoof erlebt in seiner Münchner Kinderarztpraxis täglich, dass es immer schwieriger wird, kranke Kinder stationär unterzubringen. "Das meiste fangen wir ja sowieso bei uns in den Praxen ab." Und das, obwohl die niedergelassenen Kinderärzte auch völlig überlaufen sind, die Zahl ihrer Patienten und Aufgaben stetig wächst und sie auch kein Personal mehr finden. "Wenn wir schließlich ein Kind in die Klinik einweisen, dann ist es wirklich dringend", sagt Schoof, der auch Obmann des Berufsverbands für Kinder- und Jugendärzte ist. Früher hat er seine Patienten jeweils in der Klinik angemeldet. Heute muss er in schweren Fällen gleich den Rettungswagen rufen. "So viel Zeit haben wir dann nicht, dass wir alle Kliniken durchtelefonieren könnten, um sowieso überall nur Absagen zu erhalten."

Dass der Druck in München wächst, bekommt auch Clemens Stockklausner, Chefarzt der Kinderklinik in Garmisch-Partenkirchen zu spüren. In den vergangenen Jahren sei die Zahl der Patienten aus München ständig gestiegen. "Im letzten Winter kam jeden Tag ein Rettungswagen aus München zu uns", so Stockklausner. Er helfe gerne im Rahmen seiner Möglichkeiten. Für ihn sei es auch noch einfacher, Pflegepersonal zu finden, da die Lebenshaltungskosten geringer sind als in München. Aber Stockklausner erlebt auch, dass es immer schwieriger wird, einen Platz für schwerkranke Kinder zu finden, die eine spezielle Behandlung wie beispielsweise eine Dialyse benötigen.

Gerade in München gibt es exzellente Spezialisten für Kinder. Doch auch viele dieser medizinischen Spezialangebote werden abgebaut. Mit der Konsequenz, dass Kinder überall immer länger auf Termine warten müssen. Das Klinikum der Technischen Universität hat vor zwei Monaten angekündigt, die Kinder- und Jugendpsychosomatik zu schließen. Und das, obwohl die Wartelisten lang sind und der Bedarf wächst. Aber die Abteilung habe eine "ungünstige Kosten-Erlös-Struktur", so die Begründung.

"Wenn ich als gesunder Erwachsener Knieschmerzen habe, habe ich in München innerhalb von eineinhalb Stunden eine Kernspintomografie meines Knies", sagt Tobias Feuchtinger. Der Professor leitet die onkologische Abteilung an der Haunerschen Kinderklinik. "Für ein schwer krebskrankes Kind, das eine Kernspintomografie braucht, muss ich Wochen bis Monate vorher um einen Termin auch noch kämpfen, weil keine schnellen Termine verfügbar sind." Spezialisierte kindermedizinische Expertise sei rar, weil sie sich finanziell nicht rentiere. "Das ist ein symptomatisches Beispiel dafür, wie die Kinderbedürfnisse im Medizinsystem zu kurz kommen", so Feuchtinger.

Und die Situation wäre wohl noch viel dramatischer, wenn nicht Ärzte und Pfleger tagtäglich einen enormen persönlichen Einsatz aufbringen würden. "In den Kliniken arbeiten ohnehin viele Menschen mit viel Idealismus. Mittlerweile allerdings unter so großen wirtschaftlichen Zwängen, dass es gerade für die jüngsten Patienten lebensgefährlich werden könnte", sagt Florian Hoffmann. Der Oberarzt am Haunerschen Kinderspital fordert, stellvertretend für viele: "Es muss jetzt sofort etwas passieren."

© SZ vom 18.01.2020/vewo
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