Umweltschutz:"Vielleicht bin ich einfach wütender als andere"

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Umweltschutz: Manche ihrer Freunde "finden mein Engagement cool, aber die meisten interessiert es nicht so", sagt Marlene. Nach ihrer Verfassungsbeschwerde hofft sie auf ein Umdenken der Politik.

Manche ihrer Freunde "finden mein Engagement cool, aber die meisten interessiert es nicht so", sagt Marlene. Nach ihrer Verfassungsbeschwerde hofft sie auf ein Umdenken der Politik.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Marlene ist erst 13 Jahre alt und engagiert sich für die Umwelt. Sie hat gemeinsam mit acht anderen jungen Menschen eine Verfassungsbeschwerde zur Klimaschutzpolitik eingereicht. Was treibt sie an?

Von Elisabeth Fleschutz

Die Bundesregierung verklagen. Wegen der Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen. Das schlägt Marlene in blauen Tintenbuchstaben auf liniertem Papier vor. Adressiert ist der Brief an Jürgen Resch, den Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe (DUH). Geschrieben hat Marlene ihn im November 2019, sie war damals elf Jahre alt. "Ich möchte, dass die Menschen in 100 bis 150 Jahren noch wissen, was Schnee ist", erklärte sie in ihrem Schreiben.

Zwei Klimaklagen später blickt die inzwischen 13-jährige Schülerin aus München beim Zoom-Interview selbstbewusst in die Kamera und erklärt, dass sie wenig Hoffnung hatte mit ihrem Vorhaben erfolgreich zu sein. "Ich dachte mir aber, es zu probieren kann nicht schaden", sagt sie. Ihren Nachnamen möchten ihre Eltern aus Sicherheitsgründen nicht veröffentlicht sehen.

Den Brief schrieb sie abends nach der Schule, aus Wut und Unverständnis dafür, wie wenig die Politik gegen den Klimawandel unternimmt. Als Marlene immer mehr bewusst wurde, was der Klimawandel für ihre Generation bedeutet, konnte sie nicht glauben, wie unzureichend das Thema behandelt wird. Ihre Eltern bestärkten sie darin, sich an die Deutsche Umwelthilfe zu wenden, die ihnen bereits von anderen Klagen bekannt war.

Als 2019 das Bundes-Klimaschutzgesetz verabschiedet wurde und damit die gesetzlichen Grundlagen für eine Klage klarer abgesteckt waren, entstand bei der DUH der Plan, neben Klagen von Menschen in Ländern wie Bangladesch oder Nepal, die die Auswirkungen des Klimawandels bereits eindeutig zu spüren bekommen, auch eine Klage der künftigen Generation zu organisieren. "Genau in diese Überlegung hinein kam der Brief von Marlene", erklärt Matthias Walter von der DUH.

"Das hat uns sehr aufgerüttelt und klar vor Augen geführt: Das müssen wir definitiv unterstützen." Der Schreiben diente als eine Art Katalysator. Nach einem Aufruf der Deutschen Umwelthilfe meldeten sich neun weitere junge Menschen, die als Beschwerdeführer vor das Bundesverfassungsgericht zogen. Im Frühjahr 2021 wurde das Klimagesetz dann tatsächlich in Teilen für verfassungswidrig erklärt und eine Frist zur Verbesserung gesetzt. Die Novellierung enttäuschte jedoch viele Umweltschützer. "Es wurde nur minimal, nicht ausreichend nachgebessert, dabei geht es um die Menschheitsaufgabe Klimaschutz", sagt Walter.

Am 24. Januar reichte Marlene gemeinsam mit acht anderen jungen Menschen nun erneut eine Verfassungsbeschwerde ein. Diesmal hoffen sie auf konkretere Vorgaben und Maßstäbe im Urteil des Verfassungsgerichts, um eine erneute zu geringfügige Anpassung zu vermeiden. Bei der Einreichung der zweiten Klage wurde Marlene online aus der Schule zugeschaltet.

In ihrem Alltag spiele das Thema Klimawandel über die Klage hinaus keine große Rolle, sagt sie. Sie geht in eine Ganztagsschule, macht Sport, liest in ihrer Freizeit gerne. Einmal war sie mit ihren Eltern bei einer Fridays-for-Future-Demo. Mit ihren Freunden spricht sie zwar über die Klage, aber "die meisten beschäftigen sich nicht so mit dem Thema und verhalten sich dann manchmal eher so, als wäre das mein persönliches Hobby", erzählt Marlene. "Manche finden mein Engagement cool, aber die meisten interessiert es nicht so."

Das sei manchmal frustrierend, aber sie verstehe es. Es sei leicht, den Klimawandel zu verdrängen, gerade in Deutschland. Gerade mit 13. Unter den Beschwerdeführern ist Marlene die Jüngste. "Ich sehe keinen Sinn darin, das Thema zu verdrängen", sagt sie. "Vielleicht bin ich einfach wütender als andere darüber, wie wenig die Politik unternimmt."

Wie es mit der Beschwerde weitergeht, bleibt offen, zumal der erste Prozess sehr langwierig war. Von den anderen Beschwerdeführern kennt Marlene nur einen persönlich, das liege auch an der Pandemie-Situation. Außerdem wurde der Prozess vor allem über Schriftsätze geführt, Anhörungen gab es keine.

Marlene ist es wichtig, mit der zweiten Klage ein Signal gegen die unzureichenden Nachbesserungen zu setzen. "Es würde mich überraschen, wenn das Gericht sich dieses Mal dagegen entscheiden würde", sagt sie. In die neue Bundesregierung hatte Marlene große Hoffnungen, die bisher jedoch enttäuscht wurden. Ob sie sich vorstellen kann, selbst einmal in die Politik zu gehen? Eher nicht. "Klar ist es cool, wenn man sich für andere einsetzen kann. Aber die reden immer aneinander vorbei, habe ich das Gefühl."

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