bedeckt München 11°

Nachhaltig planen in München:Ein Baum leistet mehr als 200 Kühlschränke

In der Rathausgalerie sind Schautafeln und Modelle aufgebaut, doch derzeit darf die Ausstellung nicht besucht werden.

(Foto: Michael Nagy)

Um die Folgen des Klimawandels abzumildern, fordert ein Wissenschaftler eine neue Infrastruktur - aus Pflanzen.

Von Jakob Wetzel

München war schon einmal weiter. Bis in die Fünfzigerjahre, bevor sich die Idee der "autogerechten Stadt" durchsetzte, sei München eine durchgrünte Stadt mit großen Boulevards gewesen, sagt die Landschaftsarchitektin Andrea Gebhard. Schon 1812 habe Friedrich Ludwig von Sckell etwa die Sonnenstraße nicht als breiten Verkehrsweg, sondern als Allee mit sechs Baumreihen geplant - und zwar, um frische Luft in die Stadt zu bringen. Diese Gedanken hätten lange keine Rolle mehr gespielt. Doch heute müsse man wieder an sie anknüpfen.

Andrea Gebhard ist Partnerin im Büro "Mahl Gebhard Konzepte" in München; im Auftrag der Stadt erarbeitet dieses gerade einen Gesamtplan, auf dessen Grundlage die Münchner Innenstadt mehr Grünflächen und mehr Freiräume erhalten soll. Am Donnerstagabend hat sie rund 500 Zuschauern einen Einblick in ihre Arbeit gegeben. Das Planungsreferat hatte zur virtuellen Zusammenkunft eingeladen, um über die Stadt der Zukunft und die Zukunft Münchens zu sprechen. Denn die Stadt hat große Ziele. Und wenn sie diese erreichen will, hat sie viel zu tun.

München will 2035 klimaneutral sein, das ist bereits in 14 Jahren. So hat es der Stadtrat Ende 2019 beschlossen. Der Plan ist ambitioniert, und es ist fraglich, ob die Stadt ihn überhaupt aus eigener Kraft erfüllen kann. Sie muss dafür nicht zuletzt ihre Energieversorgung und den Verkehr umkrempeln. Und das ist nicht alles: München muss sich auch darauf einstellen, mit den Folgen des Klimawandels zu leben, die sich nicht mehr vermeiden lassen. Es werde zunehmend Hitzephasen geben, unangenehm warme Nächte und Starkregen-Ereignisse, die die Kanalisation überfordern könnten, sagt Stephan Pauleit, Professor an der Technischen Universität München, der unter anderem zur Ökologie von Städten forscht. Sein Lösungsvorschlag ähnelt den Plänen von Gebhard: München braucht mehr Grün.

Pauleit ist am Donnerstag ebenfalls in die digitale Gesprächsrunde gekommen. Der Abend war Teil der Veranstaltungsreihe des Münchner Klimaherbstes und außerdem die erste große Abendveranstaltung zur neuen Jahresausstellung des Planungsreferats. Seit 1999 gibt das Referat von Stadtbaurätin Elisabeth Merk immer zu Jahresbeginn einen Einblick in zentrale Themen der Münchner Stadtentwicklung. In normalen Jahren konnten dazu Besucher in die Rathausgalerie am Marienplatz kommen. Dort gab es etwa Ausstellungen zu Plänen für den Wohnungsbau, zum Ausbau des Mittleren Rings oder auch dazu, wie die Flächen genutzt werden können, auf denen bislang Kasernen der Bundeswehr standen. Zuletzt ging es dort unter anderem um Digitalisierung und Mobilität.

Worum es in der neuen Ausstellung geht

Die neue Ausstellung heißt "Die nachhaltige Stadt". Und sie ist tatsächlich eine richtige Ausstellung: In der Rathausgalerie sind auch in diesem Jahr wieder Schautafeln und Modelle aufgebaut. Ab wann Besucher sie tatsächlich ansehen können, ist freilich unklar, das hängt vom Infektionsgeschehen ab. Bis auf Weiteres findet nur das Rahmenprogramm statt, und auch das nur virtuell. So gibt es etwa wöchentlich virtuelle Führungen durch die Ausstellung. Am 12. und 26. Februar sowie am 5. März sind Stadtspaziergänge geplant, auch diese digital. Und am 9. Februar und am 24. Februar lädt die Stadt erneut zu im Internet übertragenen abendlichen Gesprächsrunden. Details stehen unter www.muenchen.de/nachhaltig.

Die neue Ausstellung setzt drei Schwerpunkte: Sie widmet sich zum einen dem urbanen Dasein, dem Leben mit vielen anderen Menschen auf engem Raum, was ja gut sei für die Ökobilanz, heißt es. Denn je kürzer die Wege zum Arbeitsplatz, zum Einkaufen und in der Freizeit, desto weniger weit müssen die Menschen pendeln, desto weniger werden die Landschaft zersiedelt und Flächen versiegelt. Daneben geht es um erneuerbare Energien, ums Energiesparen und um energieeffizientes Bauen. Und drittens geht es um Freiräume: um Parks und Dachgärten, in denen Pflanzen wachsen und Tiere leben, in denen man Lebensmittel anbauen kann und die wichtig sind, damit die Menschen in der Stadt es schaffen können, mit dem Klimawandel zurechtzukommen.

Alte Bäume leisten viel mehr als junge

Es ist das Thema von Stephan Pauleit. Die Stadt müsse grundlegend eine neue Richtung einschlagen, sagt der Wissenschaftler am Donnerstag. Sie müsse ihre grüne Infrastruktur künftig genauso mitplanen und mitdenken wie ihre soziale Infrastruktur oder etwa die Versorgung mit Schulen. Pflanzen würden das Klima regulieren, egal wo sie seien: in Parks, in Hinterhöfen, auf Dächern oder auch an Hausfassaden. Alleine eine 80 Jahre alte Winterlinde kühle die Stadt mit einer Kilowatt-Leistung von mehr als 200 Kühlschränken. Jüngere Bäume leisteten allerdings erheblich weniger, sagt er. Deshalb sei es so wichtig, die alten Bäume zu bewahren. Und es müssten mehr Pflanzen her. In der Maxvorstadt etwa müsse sich der Grünanteil, der derzeit nur bei einem Zehntel liege, mehr als verdoppeln, sagt Pauleit. Raum dafür gebe es etwa in Höfen - oder auf den Straßen.

Ein Vorbild dafür ist am Donnerstagabend einmal mehr die Fahrradstadt Kopenhagen. Caroline Nagel von Cobe-Architekten hat sich zugeschaltet; das dänische Büro arbeitet seit 2008 an einem Masterplan, um einen alten Kopenhagener Industriehafen in einen Stadtteil für 40 000 Bewohner und mit ebensovielen Arbeitsplätzen zu verwandeln. "Nordhavn" heißt der, Nagel spricht vom skandinavischen Venedig. Das Gebiet werde Insel für Insel entwickelt, der öffentliche Raum werde so gestaltet, dass sich Menschen dort aufhalten wollen. Und die Verkehrswege sind für Fußgänger, Radfahrer und den öffentlichen Nahverkehr ausgelegt. Für Autos, sagt Nagel, sei es in Nordhavn schwierig.

© SZ vom 01.02.2021/infu
Zur SZ-Startseite
Aussicht vom Alten Peter in München, 2019

SZ PlusWohnungsnot in München
:Kampf gegen die "Mondpreise"

Wenn die Stadt Mietshäuser erwirbt, muss sie die hohen Marktpreise bezahlen. Eine Gesetzesänderung könnte das ändern, Zehntausenden Münchnern helfen - und einige Eigentümer Millionen kosten.

Von Bernd Kastner

Lesen Sie mehr zum Thema