Neuer Pfarrer im Münchner Westen:2000-jährige Kompetenz bei Festen und Feiern

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Neuer Pfarrer im Münchner Westen: "Zeit für was Neues": Stefan Maria Huppertz lebte 20 Jahre im Kapuzinerorden, nun bezieht er seine erste eigene Wohnung - als Pfarrer von Aubing und dem neuen Stadtviertel in Freiham.

"Zeit für was Neues": Stefan Maria Huppertz lebte 20 Jahre im Kapuzinerorden, nun bezieht er seine erste eigene Wohnung - als Pfarrer von Aubing und dem neuen Stadtviertel in Freiham.

(Foto: Robert Haas)

Stefan Huppertz will Gläubige in Aubing und Zuzügler in Freiham zusammenbringen und beim lockeren Kennenlernen Vorurteile abbauen. Dass er sein Amt dort antritt, hat aber auch mit dem Scheitern eines Zukunftsprojekts im Pfarrverband zu tun.

Von Ellen Draxel

Stefan Maria Huppertz wohnt erst seit ein paar Tagen im Neuaubing. Anfang Dezember hat der 44-Jährige seine neue Stelle als Leiter des Pfarrverbands München-West angetreten, zu dem die Gemeinden St. Konrad, St. Markus und St. Lukas in Neuaubing und am Westkreuz gehören. Und natürlich der neue Standort Freiham. "Als ich vor vier Wochen zum ersten Mal im Viertel aus dem Bus gestiegen bin, war ich aufgeregt wie ein kleines Kind zu Weihnachten", erzählt der gebürtige Rheinländer und lacht. Denn für ihn beginnt mit der Aufgabe im Münchner Westen ein ganz neuer Lebensabschnitt. "Ich wohne zum ersten Mal in einer eigenen Wohnung", sagt er. Nicht wie bisher, als Mann des Kapuzinerordens, in einem Kloster. Er genießt es, sagt er, "nicht länger gemeinsam Probleme lösen zu müssen, die man alleine nicht hätte".

Huppertz ist gerne Priester und liebt es, Menschen zuzuhören, wie er betont. Aber nach 20 Jahren in Gemeinschaft sei es nun "einfach noch mal an der Zeit für was Neues". An beruflicher Erfahrung mangelt es dem kommunikativen Seelsorger nicht. Er, der schon ein Jahr vor dem Abitur wusste, dass er Pfarrer werden möchte, absolvierte zunächst in seiner Heimatstadt Oberhausen im Ruhrgebiet seinen Zivildienst in sozialen Brennpunkten. Er kümmerte sich unter anderem um Obdachlose, "etwas, was ich sehr gerne gemacht habe", wie er sagt. Danach studierte Huppertz in Bochum katholische Theologie und trat in den Kapuzinerorden ein.

Er lebte in verschiedenen Klöstern, in Salzburg, Münster und Assisi, bevor er als Diakon nach Hamburg ging und dort 2009 zum Priester geweiht wurde. Es folgte die Arbeit in einem Berliner Hospiz, ein Job als Kaplan im Schwarzwald und dann die erste Anstellung in München. Von 2011 bis 2019 leitete der Geistliche den Pfarrverband Isarvorstadt.

"Damals", schmunzelt er, "habe ich mich schon schwer in München verliebt". In den vergangenen zwei Jahren engagierte sich Huppertz in Frankfurt, dort war es laut, überfüllt, stressig. Umso mehr schätzt der Pfarrer nun das "Stadtrandfeeling" im Münchner Westen. Und die Zusammenarbeit mit den Kollegen, denn "Pfarrer-Sein ist ja keine One-Man-Show".

Das Erzbistum hat im Pfarrverband ein "kollegiales Leitungsmodell" ausprobiert - vergeblich

Apropos Teamwork. In den vergangenen drei Jahren gab es in dem Pfarrverband keinen leitenden Pfarrer, es war einer von drei Verbänden im Erzbistum München und Freising, in denen die Kirche ein "kollegiales Leitungsmodell" erprobte. Die Zügel hatte in dieser Zeit ein Team aus Haupt- und Ehrenamtlichen in der Hand. Ziel des Pilotprojektes war, nach neuen Wegen in der Kirche zu suchen - einerseits, weil hauptamtliche Seelsorger zunehmend rarer werden.

Grund für die Neuerung war aber auch der Gedanke, Kirche wieder von der Basis her zu strukturieren. Dieser für die katholische Kirche fast schon revolutionäre Versuch führte im Pfarrverband München-West aber nicht zum gewünschten Erfolg - im Gegensatz zu den anderen beiden Pilotstandorten Feldkirchen-Höhenrain-Laus bei Rosenheim sowie Geisenhausen bei Landshut.

Im Laufe der Erprobung habe "sich herausgestellt, dass die inhaltlichen Grundlagen für eine Verstetigung des Leitungsteams wie ein einheitliches Verständnis von Leitung, ein gemeinsames Zielbild für die Pastoral und abgestimmte Schwerpunkte kirchlichen Wirkens nicht hergestellt werden konnten", erklärt Hendrik Steffens vom Erzbischöflichen Ordinariat. Weshalb man in München wieder auf das altbekannte Modell der Leitung durch einen Pfarrer zurückgegriffen habe.

Stefan Huppertz freut sich auf seine neue Aufgabe: Darauf, den Menschen Orientierung zu geben, ihnen zu helfen, zu einer Gemeinschaft zu verschmelzen. Er will dazu beitragen, "das Leben in Fülle zu generieren, so wie es im Johannes-Evangelium steht". Besonders spannend ist aus seiner Sicht dabei die Entwicklung des Kirchenlebens in Freiham und die Vernetzung mit den benachbarten Stadtteilen Neuaubing und Aubing. Die Kirche, findet er, müsse sich für dieses Projekt Zeit lassen, müsse wie alle Nachbarn und Player "Augen, Ohren und Herzen offen haben", um ein Ankommen, ein Zusammenwachsen zu ermöglichen.

Noch ist man in der "Dating-Phase"

Noch, meint Huppertz, sei man bei der Begegnung "in der Dating-Phase". Wie ein Paar sich vielleicht zum Essen gehen trifft, bevor man zum einen oder anderen Partner nach Haus geht, sollte das Aufeinandertreffen der Kirche mit den Nachbarn im Idealfall zuerst auf neutralem Boden stattfinden, findet er - etwa in der Heilig-Kreuz-Kirche beim Gut Freiham, neben dem Biergarten, der nächstes Jahr eröffnen soll. "Bei Festen und Feiern", sagt der Pfarrer augenzwinkernd, "haben wir eine 2000-jährige Kompetenz." Sich kennenzulernen helfe, Vorurteile abzubauen.

Der erste Martinsumzug in Freiham vor wenigen Tagen, organisiert von der Ökumene, sei bereits ein wichtiger Schritt in diese Richtung gewesen. Fast 400 Leute waren zu der Veranstaltung gekommen. Auch der Seelsorgebus, der immer wieder andere Treffpunkte anfährt, passt in dieses Verständnis. "Ein wenig", meint der Pfarrer, "sei das wie bei der Anfangszeit der Kirche in Israel." Mit einem Zelt als erstem Begegnungsort.

Die Zelt-Idee selbst gefällt ihm gut. Später könnten dann Fakten in Stein und Holz geschaffen werden. Denn die katholische Kirche hat bereits ein Grundstück in Freiham. Ein Gotteshaus soll dort nicht entstehen, aber vielleicht ein Café und ein Kindergarten. "Als erstes Standbein." Das wesentlich größere, kreative Spielbein soll "prozessorientiert" in einem zweiten Schritt folgen. Überhaupt ist diese Fläche in erster Linie als ein "Ort des kirchlichen Handelns" gedacht.

Auch als ökumenischer Ort. "Wir sind in Freiham nur einer von vielen Kooperationspartnern", betont Huppertz. Das sonst oft Missionarische der katholischen Kirche, das "Klotzen" mit Bauten und der Anspruch, eine zentrale moralische Instanz zu sein, will er hier bewusst nicht ausgeprägt wissen. "Wir agieren in dem Stadtteil gemeinsam mit der Kommune, zahlreichen Institutionen und Glaubensrichtungen. Das ist für uns radikal neu." Es gebe eben "keine Wunderkiste mit vielen Ideen, aus der man Neues zaubert". Keinen Masterplan. Sondern kleine Schritte, ein Ertasten. Ähnlich der Lebenswirklichkeit der Menschen.

"Für die Kirche ist das ein großes, bisher unbekanntes, aber spannendes Lernfeld." Weil ein solches auch andere Blickwinkel und Fragen erfordert als rein theologische, hat sein Team bereits die Bitte an das Erzbistum gerichtet, zusätzlich eine halbe Stelle für einen Sozialarbeiter oder eine Sozialarbeiterin einzurichten. Offiziell eingeführt in sein neues Amt wird Pfarrer Stefan Maria im Rahmen eines Gottesdienstes mit Weihbischof Rupert Graf zu Stolberg am Sonntag, 5. Dezember, um 10 Uhr in der Kirche St. Konrad an der Freienfelsstraße 5.

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