Kino:Der nächste Durchbruch für Ulrike Willenbacher

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Kino: Helga steckt fest: Ulrike Willenbacher im Kinofilm "Da kommt noch was".

Helga steckt fest: Ulrike Willenbacher im Kinofilm "Da kommt noch was".

(Foto: Berghaus Wöbke Filmproduktion/Vega Film)

Die Münchner Schauspielerin stand jahrzehntelang auf der Theaterbühne. Mit Mitte 60 wurde sie für die Leinwand entdeckt - nach dem Motto: "Da kommt noch was", wie ihr neuer Film heißt.

Von Josef Grübl, München

Es passiert wohl eher selten, dass eine berufstätige Mittsechzigerin über ihre Arbeit sagt: "Ich bin ja noch recht neu in diesem Metier." Genau das macht Ulrike Willenbacher aber - und kokettiert dabei nicht einmal. Das Münchner Theaterpublikum kennt die Schauspielerin seit Jahrzehnten, 1983 kam sie an die Kammerspiele, seit 2001 steht sie auf der Bühne des Residenztheaters. Jetzt aber wechselt sie die Seiten: In "Da kommt noch was" spielt sie ihre erste Hauptrolle in einem Kinofilm.

Die von ihr verkörperte Helga ist eine ältere Dame aus dem Münchner Speckgürtel, äußerlich scheint es ihr an nichts zu fehlen. Sie hat ein schönes Haus, eine Tochter und Freundinnen - sowie einen Ehemann, der sie für eine andere verlassen hat. Nach einem Haushaltsunfall braucht sie Hilfe und bekommt diese von einem polnischen Putzmann (Zbigniew Zamachowski). Es ist schön anzusehen und ganz fein erzählt, wie sich die beiden annähern, wie sie gemeinsam ins Konzert gehen oder Kuchen essen, wie er zu Neunzigerjahre-Hits tanzt und sie ihn küsst. Der Film der HFF-Absolventin Mareille Klein lief vergangenes Jahr beim Filmfest München (damals noch unter dem Titel "Monday um zehn"), diese Woche startet er bundesweit in den Kinos.

An einem Montag um zehn hat Ulrike Willenbacher Theaterprobe, um halb zwei steht sie aber wie verabredet vor dem Residenztheater. Der Himmel ist dunkelgrau, deshalb geht man in ein nahe gelegenes Café. Die Schauspielerin trägt ihre blonden Haare kurz wie im Film, sie ist elegant gekleidet, über ihrem Arm hängen mehrere Taschen und ein Trenchcoat. Über die Aufmerksamkeit, die so eine Filmhauptrolle mit sich bringt, freut sie sich. Und während es draußen zu regnen beginnt, sagt sie: "Mir ist das alles selbst ein Rätsel." Auch dieses Mal kokettiert sie nicht, ganz von ungefähr kommt ihre späte Kinokarriere aber nicht: Sie spielte bereits in Mareille Kleins HFF-Abschlussfilm "Dinky Sinky" aus dem Jahr 2016 mit, da war sie die Mutter einer nicht mehr ganz jungen Frau, die unbedingt schwanger werden wollte. "Dinky Sinky" lief ebenfalls auf dem Filmfest München und gewann dort einen Preis fürs beste Drehbuch. Hat die erfahrene Bühnenschauspielerin also der jungen Filmregisseurin ihre Kinokarriere zu verdanken? Willenbacher nickt, verweist aber auf die Münchner Casterin Franziska Aigner, die ihre Theaterarbeit schätzt und sie wohl schon seit Langem davon überzeugen wollte, auch einmal vor die Kamera zu treten.

Willenbacher gehörte zum legendären Ensemble rund um Dieter Dorn

"Film und Theater haben sich lange Zeit nicht vertragen", sagt die Schauspielerin; in ihren ersten Berufsjahren habe sie Dreharbeiten überhaupt nicht in Erwägung gezogen. Das seien zwei völlig unterschiedliche Welten gewesen, das habe sich erst nach und nach geändert. Plötzlich standen Münchner Bühnenstars wie Juliane Köhler, Axel Milberg oder Edgar Selge auch vor der Kamera - und die Theater freuten sich über neue Publikumsschichten, die ihre Film- und Fernsehlieblinge einmal live sehen wollten. Ulrike Willenbacher gehörte zum legendären Ensemble rund um Dieter Dorn, wegen ihm wechselte sie auch ans Residenztheater. "Er ist mit Sicherheit die wichtigste Person in meinem Künstlerleben", sagt sie. Die Theaterensemble-Arbeit habe sie immer geliebt, fährt sie fort. Das sei wie bei Zirkusartisten, die sich blind aufeinander verlassen könnten. Der Grund dafür, warum sie über diese Zeit in der Vergangenheitsform spricht, liegt darin, dass die 66-Jährige kein Ensemblemitglied mehr ist. Letztes Jahr sei sie ausgeschieden, sagt sie, als Gast bleibe sie dem Residenztheater aber erhalten. Derzeit ist sie in "Der eingebildete Kranke" und "Der Kreis um die Sonne" zu sehen".

Kino: Herzliche Annäherung, fein erzählt: Ulrike Willenbacher und Zbigniew Zamachowski in "Da kommt noch was".

Herzliche Annäherung, fein erzählt: Ulrike Willenbacher und Zbigniew Zamachowski in "Da kommt noch was".

(Foto: Berghaus Wöbke Filmproduktion/Vega Film)

Sie genieße ihre neue Freiheit, behauptet sie, sie schaut aber auch wehmütig zurück auf knapp 40 Theaterjahre in München. Dass man in ihrem Beruf so lange an einem Ort bleibe, sei ungewöhnlich, sagt sie. Geboren wurde Ulrike Willenbacher in Kaiserslautern, die Schauspielschule besuchte sie in Frankfurt. In Zürich lernte sie ihren Mann, den Schweizer Künstler Urs Lüthi, kennen, die beiden sind seit 1986 verheiratet und haben eine Tochter. Wegen ihres Berufs blieb die Familie über all die Jahre in München. An den Theatern kamen die Intendanten und gingen auch wieder, sie spielte weiter, wurde irgendwann unkündbar. Sie weiß aber auch: "Wenn man immer bleibt, steht man nicht mehr an vorderster Front." Das ist eine elegante Umschreibung dafür, dass ihr vielleicht nicht mehr die attraktivsten Rollen angeboten wurden, dass sie sich mitunter übersehen fühlte. In einer solchen Situation ist man vielleicht auch offener für Anfragen von hartnäckigen Casterinnen.

Ulrike Willenbacher hat zwar auch vorher gedreht, es waren aber sehr kleine Rollen mit sehr großen Zeitabständen dazwischen, man kann sie fast an einer Hand abzählen. Für die Filmbranche war sie also eine Unbekannte. Mareille Klein gesteht, dass Willenbacher damals bei "Dinky Sinky" nicht ihre erste Wahl war, dass sie lange nach der passenden Schauspielerin gesucht habe: "Dann kam Ulrike zum Casting und sofort war klar, sie ist es. Denn sie hat so eine besondere Komik und Natürlichkeit im Spiel." Auf diese Qualitäten wollte sie auch bei "Da kommt noch was" nicht verzichten, das Drehbuch schrieb sie mit Willenbacher im Hinterkopf.

Herausgekommen ist ein kleiner Film mit großer Wirkung: Die Filmbranche wurde auf die Münchner Theaterschauspielerin aufmerksam. Sie hat im vergangenen Jahr so viel gedreht wie nie zuvor, unter anderem eine große Serie für einen Streaming-Dienst, einen "Tatort" und einen weiteren Kinofilm. Mag sein, dass die Rollenangebote für Schauspielerinnen ab einem bestimmten Alter abnehmen, in diesem Fall ist es aber genau anders herum: Diese Frau ist schwer im Kommen.

Da kommt noch was, D 2021, Filmgespräche mit Ulrike Willenbacher: Do., 29. Sep., 20 Uhr, City-Kino, Sonnenstr. 12a; Fr., 30. Sep., 18.30 Uhr, Maxim Kino, Landshuter Allee 33

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