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Kreativ in der Krise:"Wir haben einen Nerv getroffen"

Aus Eierkartons lassen sich bunte Tierköpfe basteln.

(Foto: Kinderkunsthaus)

Das Kinderkunsthaus stellt täglich Basteltipps ins Internet - und vorgelesen wird auch

Manchmal kommt der Erfolg ganz überraschend, beinahe über Nacht. Beim Kinderkunsthaus München war das so: In wenigen Tagen gewann das Team Tausende Fans in Deutschland und einige sogar in Finnland, Dänemark, Japan und Australien. So viele, dass die Texte nun auf Deutsch und Englisch geschrieben sind. Geschafft haben sie das mit ihrem Instagram-Kanal, auf dem sie jeden Tag einen Basteltipp teilen, seitdem die beiden Gründer Alexandra Helmig und Sebastian Zembol das Kinderkunsthaus am 13. März wegen des Coronavirus geschlossen haben.

Ein Vogelhäuschen aus einem leeren Milch-Tetrapack, Tierköpfe aus Eierkartons, ein Goldfisch aus einer Klopapierrolle, Semmeln und Brezn aus Salzteig - ein Foto, ein paar Zeilen Anleitung, fertig. Kein langes Video, keine komplizierten Erklärungen. Und Bastelmaterial, das jeder zu Hause hat - das ist das Prinzip. Und das ist wohl auch das Geheimnis des Erfolgs.

"Unsere Mitarbeiter arbeiten seit neun Jahren täglich mit Kindern zusammen. Die wissen, was einen künstlerischen Anspruch hat und für Kinder trotzdem umsetzbar ist", sagt Alexandra Helmig, Gründerin des Kinderkunsthauses und Sängerin, Schauspielerin und Autorin. "Ich bin begeistert und sehr berührt davon, wie schnell alle dabei waren. Für das Team ist es toll zu sehen, dass sie andere auch auf diesem Weg inspirieren können."

Und für die Eltern ist es toll, von Menschen, die sich auskennen, Basteltipps für lange Tage zu Hause zu bekommen. Eine Mutter schreibt: "Ihr erleichtert uns den Alltag", eine andere unter das Foto mit der flüssigen Straßenkreide: "Super cool! Machen wir heut gleich mal. Danke." Wer Kinder im Moment zu Hause betreut, aber wegen des Coronavirus nicht auf den Spielplatz darf, nicht ins Schwimmbad und auch nicht die Freunde aus der Kita oder dem Kindergarten zum Spielen einladen kann, ist dankbar für solche Ideen.

An dem Tag, an dem entschieden wurde, dass das Kinderkunsthaus wegen des Coronavirus zunächst einmal bis nach den Osterferien schließen wird, habe es einen Moment der Trauer gegeben, erzählt Alexandra Helmig. Doch dann überlegten Kunstpädagoginnen, Kostümbildnerinnen und zwei FSJ-lerinnen, wie sie während dieser Wochen in Kontakt mit Eltern und Kindern bleiben können. Wie sie ihnen etwas für die Zeit zu Hause mitgeben können. Jeden Tag ein Kreativ-Tipp, das war ihre Idee, die sie auch gleich begannen umzusetzen.

Das Kinderkunsthaus macht das nicht zum ersten Mal, auch früher schon posteten die Mitarbeiter auf Facebook und Instagram solche Tipps. Zum Beispiel in den Sommerferien, wenn das Kinderkunsthaus drei Wochen geschlossen ist. "Das wurde bisher gar nicht so wahrgenommen", sagt Alexandra Helmig. "Aber jetzt sitzen so viele zu Hause, da haben wir einen Nerv getroffen." Sie bekommen Fotos aus ihrer Community, von Kindern mit selbstgemachten Webrahmen und Mini-Schals, von bunt bemalten Tierköpfen und von Kindern, die sich über ihre Wasserfarbkästen beugen und leere Klorollen in kleine Mäuse verwandeln.

Natürlich vermissen die Mitarbeiter die direkte Arbeit mit den Kindern, sagt Alexandra Helmig. Und klar, sie hätten die mehr als 15 000 Follower auf ihrem Instagram-Kanal lieber auf eine andere Art gewonnen, als mit der Hilfe einer Pandemie. "Aber dass wir weiter zusammen an etwas arbeiten und auch im Kontakt bleiben mit den Eltern und ihren Kindern, das schweißt uns zusammen. Und das ist etwas Positives in diesen Zeiten."

Seit ein paar Tagen liest Helmig außerdem jeden Morgen um 9.30 Uhr live auf ihrem Instagram-Kanal alexandra_helmig Geschichten für Kinder ab drei Jahren vor. Das habe sich so ergeben, erzählt sie. Und so sitzt sie nun jeden Morgen im Kinderzimmer ihrer Tochter und liest anderen Kindern aus den Geschichten von Kosmo und Klax vor, während ihre Tochter in ihrem Arbeitszimmer sitzt und für die Schule lernt.

Aus einem Milchkarton kann spielend leicht ein Vogelhäuschen entstehen.

(Foto: Kinderkunsthaus)

"Verrückte Zeiten", sagt Helmig. Aber mit dem täglichen Vorlesen könne sie anderen etwas geben. Und wenn es nur ein bisschen Zeit ist, in Ruhe mal einen Kaffee zu trinken, während das Kind ihren Geschichten lauscht. Und ihr selbst gebe es Struktur im neuen Alltag. Sie habe 106 Geschichten über die beiden Freunde Kosmo und Klax geschrieben - sie kann also noch eine ganze Weile vorlesen.

Und auch die Basteltipps werden dem Team des Kinderkunsthauses so schnell nicht ausgehen. In neun Jahren sammelt ein erfahrenes Team viele Ideen. Immerhin bieten sie im Kinderkunsthaus in Schwabing normalerweise jeden Tag vier verschiedene Kreativaktionen an. Sie haben also einen großen Fundus. Und ihre vielen Ideen warten sozusagen nur darauf, an Eltern und ihre Kinder weitergegeben zu werden.

Kreativ in der Krise - die SZ stellt jeden Tag eine neue Idee vor, die das Leben in Corona-Zeiten erleichtern soll.

© SZ vom 01.04.2020
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