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Katastrophenschutzübung in München:Fritteuse in Flammen, Bengalos am Bahnsteig

2000 Polizisten, Feuerwehrleute, Rettungskräfte und Statisten üben den Einsatz bei Katastrophenalarm  in der Fröttmaninger Arena und am Arabellapark.

Gemeinsam haben Polizisten, Feuerwehrleute und Rettungskräfte trainiert.

(Foto: Catherina Hess)

2000 Polizisten, Feuerwehrleute, Rettungskräfte und Statisten üben den Einsatz bei Katastrophenalarm in der Fröttmaninger Arena und am Arabellapark. Die Szenarien sind aufwändig und vor allem realistisch konstruiert.

Die Katastrophe im Stadion beginnt mit einer förmlichen Durchsage um 8.15 Uhr. "Das Ereignis einer Fettexplosion ist jetzt eingetreten", ruft ein Feuerwehrmann in seinen Handlautsprecher. Und die Vorfreude auf das Fußballspiel weicht einem Albtraum. Im Kiosk gegenüber vom Aufgang zu Block 214 verbreitet eine Nebelmaschine Qualm, Menschen schreien, einige laufen davon, andere irren herum, eine Frau ruft nach einer Freundin, geschminkte Statisten legen sich auf Isomatten auf den Boden und stöhnen. Und bei der Polizei geht ein Notruf ein: Explosion im Stadion, Rauch, Verletzte, Panik.

Dass in der Arena in Fröttmaning nur eine Fritteuse falsch bedient worden ist, wissen die Beamten zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Sie müssen mit einer "lebensbedrohlichen Einsatzlage" rechnen, das ist Polizei-Deutsch für einen Amoklauf oder zum Beispiel einen Terroranschlag. Und das nicht nur hier: Eine Viertelstunde zuvor hat es einen Alarm im U-Bahnhof Arabellapark in Bogenhausen gegeben, auch hier war die Rede von Rauch und von Verletzten. Später wird sich herausstellen, dass auch hier keine Terroristen am Werk sind, sondern Fußballfans am Bahnsteig Pyrotechnik gezündet haben. Der Rauch hat Menschen in Panik versetzt, sie flohen, Dutzende wurden dabei verletzt. Doch die Polizisten müssen von einem bewaffneten Angriff ausgehen, Spezialkräfte sind unterwegs. Und jetzt auch noch das Stadion.

Katastrophenschutzübung in München

Ein Manöver mit 2000 Einsatzkräften, Beobachtern und Komparsen

Polizei, Feuerwehr, Rettungskräfte und der Deutsche Fußballbund haben am Sonntagmorgen mit großem Aufwand den Ernstfall geprobt: mehrere parallele Einsätze an verschiedenen Orten während eines Spiels der Fußball-Europameisterschaft 2020. An der Übung mit dem Titel "EMÜ 19" haben sich etwa 2000 Einsatzkräfte beteiligt, darunter 400 Statisten. Im Ernstfall wären noch mehr Leute angerückt, sagt Polizeisprecher Damian Kania. Für die Übung aber muss das reichen. Konkret nehme man an, es sei der Tag des dritten Vorrundenspiels, so Kania zu Beginn der Übung. Die Arena in Fröttmaning füllt sich, die ersten Fans sind da, andere reisen noch an, als das Unglück geschieht.

Die Sicherheitslage habe sich verändert, sagt Münchens Polizeipräsident Andrä

"Üben ist wichtig", betont später Bayerns Innenminister Joachim Herrmann. "Wir brauchen eine solche gute Vorbereitung für den Fall, dass das stattfindet, von dem wir alle hoffen, dass es nicht passiert." Die Einsatzkräfte seien besser ausgestattet und vorbereitet als in der Vergangenheit. Doch auch die Bedingungen haben sich seit der Weltmeisterschaft 2006 verändert. Nicht zuletzt sei die Sicherheitslage eine andere, sagt Münchens Polizeipräsident Hubertus Andrä. 2015 gab es in Paris einen Terroranschlag direkt gegen Fußballfans und zugleich an anderen Orten. Es wäre "fatal und unprofessionell, einfach die Einsatzunterlagen von 2006 zu kopieren".

Auch in München üben Polizei, Feuerwehr und Rettungskräfte bewusst an mehreren Orten, nämlich neben Stadion und U-Bahn auch auf dem Gelände der Kfz-Verwahrstelle in Berg am Laim, dort haben sie einen Verkehrsunfall mit fünf Verletzten simuliert. Um die Leitstellen zusätzlich zu fordern, mussten diese weitere, rein fiktive Ereignisse im Blick behalten, darunter zwei Konzerte und einen Gottesdienst in einer Synagoge.

Im Stadion dauert es sechs Minuten, bis die ersten Polizisten im Laufschritt den Kiosk erreichen. Das seien Kollegen, die ohnehin wegen des Fußballspiels vor Ort gewesen wären, sagt Kania; das sei realistisch. Bald haben die Polizisten den Bereich vor dem Kiosk geräumt, sie haben auch zusätzliche Fans, die ins Stadion drängen, nach draußen bugsiert. Und es beginnt, worüber Feuerwehrsprecher Klaus Heimlich sagt, es klinge etwas taktlos, aber so sei es nun einmal: das Sortieren der Verletzten.

Die Rettungskräfte nutzen dazu verschiedenfarbige Bänder. Wem sie ein grünes Band umhängen, der kann selbst ins Freie gehen, um sich dort behandeln zu lassen. Schwer Verletzte erhalten gelbe und rote Bänder, sie werden von Sanitätern weggebracht; wer ein rotes Band trägt, braucht schneller Hilfe als einer mit gelbem Band. Im Ernstfall gäbe es zudem schwarze Bänder. "Lohnt nicht mehr", würde das heißen, erklärt Heimlich. "Das sind die bitteren Entscheidungen, die man treffen muss." Bei der Übung aber sind keine tödlichen Verletzungen vorgesehen, aus Pragmatismus, erklärt ein Feuerwehrsprecher: Für Rettungskräfte bedeuteten die schwarzen Bänder ja am wenigsten Arbeit.

2000 Einsatzkräfte übten für den Ernstfall.

(Foto: Catherina Hess)

Dass es am Ende keine Terroranschläge sind, sondern Unfälle, ist Kern des Konzepts. Die Ausgangslage sei dieselbe, sagt später Polizeipräsident Andrä. Am Anfang gehe die Polizei immer von der schwierigsten Lage aus. Nun aber könne geprobt werden, mit den Rettungskräften zusammenzuarbeiten. Es gebe viel zu koordinieren, ergänzt Wolfgang Schäuble, der Chef der Münchner Feuerwehr. Es sei wichtig, dass die Polizei den Unglücksort früh freigibt. Denn die große Herausforderung sei es, alle Schwerverletzten binnen einer Stunde in ein Krankenhaus zu bringen.

Im Stadion geht es schnell, der Bereich um den Kiosk ist rasch geräumt. Die Feuerwehr löscht das Feuer in der Küche, am Boden liegen Fahnen und zerknüllte Decken. Einzelne Verletzte werden noch vor Ort versorgt, die übrigen wurden ins Freie getragen, dort liegen sie nun an einer Mauer, geschützt vor dem Wind. Vom "Ablageplatz" geht es mit Rettungswagen weiter in verschiedene Kliniken.

Für die realistische Atmosphäre wird ein Mitschnitt der Partie Bayern gegen Bremen abgespielt

Drinnen aber wird es plötzlich noch einmal laut: Der FC Bayern München habe gerade das 3:1 gegen Werder Bremen geschossen, ist der Stadionsprecher zu vernehmen. Um eine realistische Atmosphäre zu erzeugen, wird hier ein Mitschnitt der Bundesliga-Partie vom Vortag abgespielt. Kurz darauf fällt das 4:1, aus den Boxen tönt "Le-wan-dow-ski!". Eine Statistin neben dem Kiosk schreit markerschütternd.

Würde in der Realität ein Fußballspiel nach einem solchen Unglück abgesagt? Wohl nicht, vermutet Schäuble. Ein ganzes Stadion sei schwer zu räumen, "die 70 000 Menschen müssen ja auch irgendwohin". Die Arena lasse sich aber auch teilweise räumen. Die einzelnen Abschnitte lassen sich mit Vorhängen abtrennen. Wenn der Rauch nicht zu stark in den Innenraum dringe, bekämen die anderen Besucher des Stadions von dem Unglück wenig mit.

Auch an diesem Sonntag sitzen im Stadionrund wie immer geführte Gruppen. Am Kiosk packen Polizisten und Feuerwehrleute schließlich ihr Mittagessen aus. Die Übung sei noch nicht beendet, sagt Heimlich. In den Kliniken gehe es weiter. "Es endet erst, wenn das Szenario für alle Beteiligten durchgespielt ist." Auch am Arabellapark ist es mit dem Abtransport der Verletzten nicht getan, dort rücke die Spurensicherung an, und man müsse den oder die Täter ermitteln, sagt Kania.

Ein erstes Fazit der Übung fällt am frühen Nachmittag gut aus. Das Niveau sei sehr hoch gewesen, heißt es. Es gebe "nur noch wenige Feinheiten zu optimieren".

© SZ vom 16.12.2019/mmo
Verkehr in München Verkehrsbehinderungen wegen Katastrophenübung

Rettungskräfte in München

Verkehrsbehinderungen wegen Katastrophenübung

Bei einer groß angelegten Übung trainieren Einsatzkräfte den Ernstfall. Hintergrund ist die Fußball-Europameisterschaft 2020, die auch in München ausgetragen wird. Vor allem im Münchner Norden kommt es zu Sperrungen.   Von Jakob Wetzel

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