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Antisemitismus:Wie Münchner Juden mit dem zunehmenden Hass umgehen

Das Jüdisches Museum und die Synagoge in München,.

Die Hauptsynagoge am St.-Jakobsplatz ist ein Ort, an dem sich Juden sicher fühlen.

(Foto: Catherina Hess)

Anfang August werden ein Rabbiner und seine Söhne bespuckt und mit antisemitischen Sprüchen angepöbelt. Solche Vorfälle häufen sich. Was macht das mit der jüdischen Gemeinde der Stadt?

Vor ein paar Tagen hatte Oren Osterer ein paar Freunde bei sich zu Hause bewirtet, und weil eine Menge vom Essen übrig geblieben war, gab Osterers Frau den Gästen noch ein paar Köstlichkeiten, verpackt in einer Tüte, mit auf den Weg. Auf der Tüte waren hebräische Buchstaben abgedruckt, was nichts Besonderes ist im Hause Osterer, denn der Münchner Historiker, Medienwissenschaftler und Politologe ist Jude; er ist oft in Israel und an diversen Projekten beteiligt, die mit dem Judentum, mit Israel oder dem Kampf gegen Antisemitismus zu tun haben.

Als Osterer die hebräische Schrift auf der Tüte registrierte, durchfuhr ihn ein seltsamer Gedanke, den er auch äußerte: Sollte man die Tüte nicht austauschen gegen eine ohne Aufschrift? Wie, sagte einer der Freunde, muss man jetzt wirklich wieder so vorsichtig sein? Osterers Frau, so erzählt er, habe abgewunken, "ach Quatsch", und so unterblieb der Tausch. Den Freunden ist dann auch nichts passiert. Aber Osterer sagt: "Diese Überlegung wäre mir früher wahrscheinlich nie durch den Kopf gegangen."

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Die Kopfbedeckung des jüdischen Aktivisten Terry Swartzberg soll Symbol für ein "angstfreies, fröhliches Judentum" sein.

Was ist da geschehen? Nun, einige Tage zuvor waren ein Rabbiner und seine Söhne in der Hohenzollernstraße mit antisemitischen Sprüchen von einem Obdachlosen angepöbelt worden, eine Frau hatte sich eingemischt und einem der jungen Männer ins Gesicht gespuckt, was diese aber bestreitet. Ein Einzelfall? Wenn es nur so wäre. Es ist aber nicht so. Dem bayerischen Innenministerium zufolge wurden im vergangenen Jahr 86 antisemitische Straftaten in der Stadt oder im Landkreis München registriert, es mehren sich judenfeindliche Beiträge im Internet, Hass- und Drohmails werden verschickt, Wände mit antisemitischen Parolen beschmiert.

"Es kommt immer mal vor, dass ich denke, ich gehe nach Israel", sagt Stadtrat Marian Offman, der auch im Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern ist. Gewiss, das ist ein spontaner Gedanke, meist ausgelöst durch einen antisemitischen Vorfall. Den Gedanken verwirft Offman dann auch rasch wieder. Und doch sagt er: "Es ist auf alle Fälle nicht mehr dieses leichte, glückliche Gefühl, das ich mal hatte in Anbetracht der Entwicklung des jüdischen Lebens hier."

Terry Swartzberg, der gerne mit einer Kippa durch die Stadt geht, ist weniger besorgt: "Juden sind unspektakulär geworden für die meisten Deutschen, sie sind ihnen relativ gleichgültig. Die Deutschen sind nicht antisemitisch, und die Münchner erst recht nicht, die haben gar keine Zeit dafür, die schauen lieber in ihre Telefone."

Als im November 2006 die neue Hauptsynagoge Ohel Jakob am Sankt-Jakobs-Platz eröffnet wurde, sagte Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde, nunmehr seien die Juden in der Mitte der Stadt und in den Herzen der Menschen angekommen. "Wir Juden sind wieder ein Teil dieses Landes, unseres Landes, wir haben gebaut, wir bleiben, und wir gehören hierher." Knapp 13 Jahre später konstatiert Knobloch, die Attacke in der Hohenzollernstraße "ist leider symptomatisch für die schwierige Situation vieler jüdischer Menschen in der heutigen Zeit". Und sie fügt hinzu: "Sicherheit im öffentlichen Raum, die für alle Bürger selbstverständlich sein sollte, rückt gerade für Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft in immer weitere Ferne."

Diese Verunsicherung spürt man auch als Reporter, denn es erweist sich als ungewöhnlich schwierig, jüdische Münchner zu finden, die bereit sind, ihre Befindlichkeit publik zu machen. Sorgen, Unbehagen, mitunter Ängste sind allenthalben zu spüren.

Marian Offman ist es gewohnt, in der Öffentlichkeit zu stehen. Rund 17 Jahre war er in den Reihen der CSU im Stadtrat gesessen, kürzlich ist er, nachdem sein CSU-Kreisverband ihn nicht mehr für die nächste Wahl nominiert hatte, der SPD beigetreten. In der CSU, das sagt er selbst, war er ein "Exot". Mehr als in der Partei üblich setzt er sich für Flüchtlinge, für Muslime und gegen den Rechtspopulismus ein.

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Für Rechtsextremisten ist er gleich in mehrfacher Hinsicht ein Feind: Jude, Muslimversteher, Antifaschist. Und so steht er als "anti-weißer Verräter", markiert mit einem Judenstern, auf der antisemitischen Internetseite "Judas-Watch". Auch auf einem "Steckbrief" der Hetzseite "Nürnberg 2.0" ist Offmans Name zu lesen. Als er erfuhr, dass er am digitalen Pranger der Neonazis steht, kam wieder der altbekannte Gedanke auf: Auswandern. Nach Israel. Es ist Zeit. Aber es gibt ja noch eine andere Erfahrung, eine, die Offman in München hält: "Wenn ich eine Führung durch die Synagoge mache, und ich habe schon Tausende von Menschen durch die Synagoge geführt, dann erfahre ich nur Zustimmung."

Und wenn er einerseits spürt, dass mit dem Aufstieg der AfD, einer "völkisch orientierten Partei mit Antisemiten und Rassisten", ein "völlig neues Klima" entstanden ist, so registriert er andererseits, dass die "überwältigende Mehrheit" der Münchner das Miteinander will. "Ich bin nicht alleine. Nur die Luft ist schon etwas dünner geworden."