Kritik:Frontale Ekstase

Die Münchner Philharmoniker unter Kent Nagano mit der Turangalîla-Symphonie in der Isarphilharmonie

Von Michael Stallknecht, München

Sukzessive beginnen sich die Münchner Philharmoniker in ihrem neuen Konzertsaal einzurichten: Nach der Eröffnungswoche unter Valery Gergiev stand in der Isarphilharmonie mit Kent Nagano nun erstmals ein Gastdirigent am Pult. Mitgebracht hat er die Turangalîla-Symphonie von Olivier Messiaen, eine Pracht für Auge wie Ohr gleichermaßen: Fast einhundert Musiker, die hinteren Reihen besetzt von mächtigem Schlagwerk, der vorderste Bühnenrand mit Glockenspiel, Celesta, Flügel und den elektroakustischen Ondes Martenot, an denen der Spezialist Thomas Bloch verführerisch laszive Klänge beisteuert. Schließlich ist das zehnsätzige Werk eine Feier des Lebens voller rhythmischer Exzesse und klanglicher Ekstasen zu Ehren der kosmischen Macht der Liebe.

Bei der Uraufführung 1949 saß Messiaens spätere Ehefrau Yvonne Loriod am Flügel, nun liefert dort Pierre-Laurent Aimard stoisch exorbitant Virtuoses. Nagano, ebenso wie Aimard noch von Messiaen persönlich inspiriert, wirft sich mit äußerster Verve in das Stück. Unermüdlich peitscht er an, donnert so energetisch schon durch die Mittelachse des fünften Satzes, dass er danach sinnvollerweise erstmal eine Meditationspause einlegt.

Vertrüge das Werk nicht mehr solcher meditativer Momente innerhalb der Musik, fragt sich bloß der erschlagene Hörer am Ende. Hat die Liebe hier nicht auch ihre zärtlichen Seiten, äußert sich nicht auch in raffinierten Klangmischungen, träumt nicht bisweilen poetisch vor sich hin? Dass sie weitgehend fehlen, dürfte auch mit der Direktheit der Akustik zu tun haben. Wo einzelne Instrumente mit wohltuender Klarheit ans Ohr dringen, werden solche Klangballungen schnell zum akustischen Frontalangriff. Zumal die Isarphilharmonie den Orchesterklang kaum tiefenstaffelt, die Bläser also schnell die sanfteren Streicher von hinten überrollen. Die Aufführung wird so auch zur Anfrage, welche Besetzungsgrößen dieser Raum verträgt - oder wie Dirigenten mit ihnen darin umgehen müssten.

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