Großhesselohe:Warum eine Modernisierung des Isarwehrs kompliziert ist

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Großhesselohe: Das mehr als hundert Jahre alte Großhesseloher Isarwehr muss saniert werden.

Das mehr als hundert Jahre alte Großhesseloher Isarwehr muss saniert werden.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Im Herbst beginnen die Stadtwerke mit der Sanierung der Großhesseloher Anlage. Die Planungen waren nicht einfach, denn die neue Lösung muss Fische, Kanuten, Natur- und Denkmalschutz gleichermaßen berücksichtigen.

Von Julian Raff

Das Großhesseloher Wehr an der südlichen Stadtgrenze regelt die Wasserverteilung zwischen Isar und Werkkanal und damit den Wasserstand der Floßlände und der Stadtbäche sowie die Kühlwasserversorgung des Sendlinger Heizkraftwerks - all das weitgehend im Originalzustand von 1908. Eine Modernisierung steht schon lange an, gestaltet sich aber kompliziert, weil die Stadtwerke München (SWM) eine "optimale ökologische, betriebliche und dem Hochwasserschutz dienende Lösung für die nächsten 100 Jahre" anstreben. Unter dem 160 Meter breiten Querbau zu Füßen der Großhesseloher Brücke verläuft außerdem eine wichtige Trinkwasserleitung. Und der "Ersatzneubau" muss der Sicherheit professioneller Wassersportler und unbedarfter Schlauchbootkapitäne gleichermaßen Rechnung tragen. Zu guter Letzt ist das Wehr seit Ende März nun auch offiziell als Industriedenkmal ausgewiesen, was abermals eine Überprüfung der Pläne erforderte.

Ursprünglich sollte die Anlage bereits 2015 ertüchtigt werden. Ein genehmigtes Konzept lag vor, wurde aber nicht umgesetzt, aus naturschutzfachlichen Gründen, aber auch, weil sich ein mobiles "Schlauchwehr" als Ersatz für die alten Wehrtafeln im mittleren Sektor ("Kiesschleuse") als schwer steuerbar erwiesen hatte und zudem als unästhetischer Eingriff ins Erscheinungsbild der Anlage kritisiert wurde. Stattdessen planten die SWM zunächst überströmte, von unten in den Strom einfahrbare Klappen, die allerdings von Süden flussaufwärts kommend für Wassersportler schwer zu sehen gewesen wären, wie der Bayerische Kanuverband bemängelte.

Die Kanuten regten stattdessen eine "raue Rampe" an, die versierten Sportlern eine sichere Abfahrt ermöglicht hätte und Fischen den Aufstieg. Die alte, östlich zwischen beweglichem und festem Wehr gelegene Fischtreppe wurde vor 112 Jahren nach heutiger Erkenntnis viel zu steil angelegt. Für die Rampe hätten allerdings ökologisch wertvolle Auswaschungen im Flussboden ("Kolk") überbaut werden müssen. Die bessere Lösung haben die SWM nun nach eigenen Angaben in einer flach geneigten Fischtreppe mit Schlitzpässen gefunden, die gegenüber der alten Treppe am Isar-Westufer gebaut wird.

Die alten Tafeln werden durch eine per Luftdruck regulierte Wehrklappe ersetzt, die keine großen Aufbauten mehr braucht. Das Wehr wird künftig in drei statt der bisherigen fünf Felder aufgeteilt, wobei eine Schranke Kanuten vom westlichen, dauerhaft durchströmten Wehrfeld fernhalten soll. Weiter östlich werden Teile der Klappen auch bei Hochwasser über den Wasserspiegel ragen und so die gefährliche Stufe von oben markieren. Anders als gewünscht werden nicht nur Schlauchbootfahrer, sondern auch geübte Wildwasserpiloten das Wehr künftig umtragen müssen, worauf neue Schilder aufmerksam machen.

Hatten die Einwände der Kanusportler im vergangenen Spätsommer und Herbst noch einmal zu Umplanungen geführt, so mussten die SWM-Planer das Projekt in den vergangenen Monaten im Licht des Denkmalschutzes erneut unter die Lupe nehmen. Wie sich herausstellte, keine allzu hohe Hürde, da der Denkmalcharakter nicht durch die funktionalen Elemente der Anlage bestimmt wird, sondern vor allem durch das mittige Schleusenwärterhaus und die alte, längst nicht mehr benutzte Floßgasse zwischen Isar und Kanal.

Es bleibt also beim bereits vor einem Jahr angepeilten Start im Herbst 2022 und der anvisierten Bauzeit von 15 Monaten, mit Schwerpunkt in den Wintermonaten. Als deutlichster Eingriff ins Isartal wird dafür eine gekieste Baustraße in der Talsohle zwischen Hinterbrühl/Conwentzbrücke und der Baustelle angelegt. Fußgänger und Radler müssen mit Einschränkungen rechnen, können aber weiterhin den Weg auf dem Mitteldamm nutzen. Nach den ersten Rückbauarbeiten werden im Winter Dämme im Fluss aufgeschüttet, um die Baugruben trocken zu legen. Anschließend wird das neue Wehr betoniert und mit den beweglichen Anlagenteilen ausgerüstet. Nach rund einem Jahr sollen diese Arbeiten abgeschlossen sein, die letzten drei Monate sind für den Rückbau der Baustelle vorgesehen.

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