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Neue Hochhaus-Studie:Mehr als 100 Meter hohe Gebäude sind kein Tabu mehr

Wie weit und vor allem auch wo kann München nach oben wachsen?

(Foto: Imago (Bearbeitung: SZ))
  • Dürfen in München bald Gebäude entstehen, die höher als 100 Meter sind? Dies sieht der Entwurf einer Studie für die Stadtgestaltungskommission vor.
  • Hochhäuser sollen Altstadt, Dorfkerne und schützenswerte Freiflächen aber nicht beeinträchtigen.
  • Lange hatte sich der Stadtrat an die 2004 durch einen Bürgerentscheid festgelegte 100-Meter-Grenze gebunden gefühlt.

Die Altstadt mit ihren Türmen und Kuppeln, traditionelle Dorfkerne sowie gewachsene Stadtteile und schützenswerte Freiflächen sollen auch künftig nicht durch Hochhäuser beeinträchtigt werden. Andererseits sind Gebäude, die die 2004 durch einen Bürgerentscheid festgelegte Höhenbegrenzung von 100 Metern deutlich überschreiten, kein Tabu mehr - vorausgesetzt der Standort stimmt und hohe architektonische Anforderungen werden erfüllt.

Zonen für solche markanten Neubauten könnten vor allem der Bereich entlang der Gleise zwischen dem Hauptbahnhof und Pasing sowie die Achse zwischen dem Vogelweideplatz und der Messe sein. Das sind Kernaussagen der neuen Hochhaus-Studie, deren Grundkonzept am Dienstagnachmittag der Stadtgestaltungskommission vorgestellt wurde.

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Die Pläne für zwei Hochhäuser mit über 150 Metern auf dem Areal der Paketpost-Halle in der Nähe der Friedenheimer Brücke haben eine Debatte ausgelöst, wie weit und vor allem auch wo München nach oben wachsen kann. Die Meinungen gehen auseinander: Es gibt Freude über innovative und spektakuläre Architektur, aber Bau-Traditionalisten fürchten auch um das typische Stadtbild. Der Stadtrat hat vor eineinhalb Jahren eine Hochhaus-Studie in Auftrag gegeben, die für mehr Sachlichkeit in der Debatte sorgen soll.

Noch ist das Gutachten, das von dem Münchner Büro 03 Architekten verfasst wurde, im Stadium eines Entwurfs. Die Erkenntnisse sind eine Grundlage für Hochhausdebatten im bevorstehenden Kommunalwahlkampf. Im Lauf des kommenden Jahres sollen sich Bürger und Fachleute mit dem Thema auseinandersetzen, bevor dann der neu zusammengesetzte Stadtrat entscheidet, wie mit den Ergebnissen der Studie umgegangen wird.

Über viele Jahre hinweg hat sich der Stadtrat an die demokratische Entscheidung von 2004 gebunden gefühlt, wonach es keine neuen Häuser geben sollte, die höher als die Türme der Frauenkirche werden. Doch angesichts eines enormen Wachstums, von Flächenknappheit und einem großen Bedarf an Wohnungen und Büroräumen hat sich der Wind im Rathaus gedreht. Die städtebaulich nicht nachvollziehbare 100-Meter-Grenze dürfe den Denk- und Gestaltungsspielraum für künftige Zeiten nicht einschränken, heißt es in der Studie. Hochhäuser, "als urbane Gebäudetypologie und wichtiges städtebauliches Gestaltungsmittel" sind für Andreas Garkisch von 03 Architekten ein wichtiger Teil der Weiterentwicklung Münchens.

Dem Gewerbegebiet zwischen dem Vogelweideplatz und der Messestadt Riem, in dem der Turm des Süddeutschen Verlags seit 2008 ein architektonisches Zeichen setzt und das Hochhaus-Ensemble am Vogelweideplatz gerade fertig geworden ist, wird ein besonders hohes Entwicklungspotenzial für Hochhäuser zugesprochen. Stadtbaurätin Elisabeth Merk will sich im kommenden Jahr vom Stadtrat den Auftrag für eine entsprechende Rahmenplanung geben lassen.

Andreas Garkisch betont, dass im Vergleich zu den bisherigen Münchner Hochhaus-Studien im neuen Gutachten die Anforderungen an die architektonische Gestaltung "deutlich klarer definiert" sind. Größter Wert liegt beispielsweise auf der Gestaltung der Erdgeschoss-Zonen. Sie sollen für alle zugänglich sein und können etwa auch mit Arkaden-Gängen ausgestattet werden. Das trage zur Einbindung von Hochhäusern in den öffentlichen Raum bei - sie leisteten damit einen positiven Beitrag für ihr Umfeld. Die Forderung nach Offenheit für alle gilt auch für die Dachbereiche. Auch hier spielt der Gedanke der "gemeinschaftlichen Nutzung" eine Rolle.

Die Studie bringt klar zum Ausdruck, dass einfache Glaskästen keine Chance auf Genehmigung haben. Die Fassadengestaltung wird zu einem entscheidenden Kriterium. Sie müssen gut gegliedert sein, räumliche Tiefe haben und damit ein abwechslungsreiches Spiel von Licht und Schatten ermöglichen.

Ein bestimmter Kriterienkatalog für das Bauen von Hochhäusern soll Planer, Projektentwickler, die Öffentlichkeit und die Politik für die städtebaulichen und architektonischen Besonderheiten von sehr hohen Gebäuden in München sensibilisieren. Begleitend zum Bebauungsplanverfahren müsse ein mehrstufiger Planungsprozess stattfinden, um die hohe Qualität von Turmprojekten sicherzustellen. Nur so könne schließlich auch die Akzeptanz von Hochhäusern durch oft sehr kritische Nachbarn gewährleistet werden. Beispielsweise will man vorschreiben, dass Fassadenmuster im Maßstab 1:1 angefertigt werden. Das sei zwar aufwendig, trage aber zur Qualitätssicherung bei.

Ein spezieller Aspekt ist die Frage, ob es in München künftig mehr reine Wohn-Hochhäuser geben wird. Die Verfasser der Studie verweisen darauf, dass Hochhäuser in der Regel mit höheren Baukosten verbunden sind. Potenziale für preisgünstigen Wohnungsbau werden deshalb nur mit einer "moderaten Höhenentwicklung" gesehen. Der enorme Bedarf an preisgünstigen Wohnungen werde also nicht zu einem entscheidenden Teil durch Wohn-Hochhäuser gelöst werden können.

In München gibt es etwa 15 Bauwerke, die über 70 Meter hoch sind. Sie verteilen sich im wesentlichen auf den Arabellapark, die Bahnachse/Südring, den Ostbahnhof mit dem Gebäude des Süddeutschen Verlags, um den Olympiapark und auf den Bereich Mittlerer Ring Nord/Frankfurter Ring. Dass nun ein Hochhaus nach dem anderen aus dem Boden sprießt, ist unwahrscheinlich. Markante Gebäude ja, aber nicht um jeden Preis, sagt die Stadtbaurätin. Ein Investitionshype bei Hochhäusern sei nicht das, was die boomende Stadt München jetzt dringend nötig habe.

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