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Herat:Kulinarischer Ausflug nach Afghanistan

Wohnzimmeratmosphäre mit viel Rot und nur knapp 20 Plätzen: das afghanische Lokal Herat in der Kirchenstraße.

(Foto: Stephan Rumpf)

Aus einem Pilspub ist in Haidhausen das Lokal "Herat" geworden, in dessen winziger Küche ebenso vielfältige wie exotische Gerichte zubereitet werden.

Von Kurt Kuma

Mitunter gibt es im Gastronomiegewerbe erstaunliche Metamorphosen, fast wie in der Biologie. In der Haidhauser Kirchenstraße zum Beispiel hat sich ein, nun ja, auf spezielles Stammpublikum zugeschnittener Pilspub mit Apostroph vor dem Genitiv-s auf wundersame Weise in eine kleine afghanische Enklave namens Herat verwandelt. Wie eine Raupe, die zum Schmetterling wird.

"Familiär" sagt man oft, aber in diesem Fall passt vieles zu diesem Attribut: die Wirtsleute, die Einrichtung, der Service. Die Innengestaltung der ehemaligen Bar hat etwas Wohnzimmerhaftes mit viel Rot und knapp 20 Plätzen. An warmen Tagen gibt es zudem vor der Tür jede Menge Tische, auf dem breiten Gehsteig und einem Coronazeiten-Schanigarten, wo man sich unter dichtem Baumbewuchs wie auf einer Terrasse fühlt. Wie das im Winter in dem kleinen Innenraum und mit möglichen Abstandsregeln werden soll, dürfte dem Betreiber des "Herat" derzeit einiges Kopfzerbrechen bereiten.

Doch zum Speisenangebot. Aus einer winzigen Küche zaubert das Herat ein vielseitiges Portfolio überraschend diverser Gerichte hervor. Man kann sich auf die im Orient obligatorischen Grillgerichte durchaus verlassen. Auf Afghanisch heißen sie Kabab und sind mit ähnlich lautenden türkischen Spezialitäten durchaus verwandt. Damit macht man nichts falsch, aber eben auch nicht alles richtig. Tiefere Einblicke in die Raffinesse afghanischer Kochkunst bieten jene Speisen, die als "Spezialitäten des Hauses" auf der Menükarte gekennzeichnet sind.

Ganz leicht ist es nicht, sich einen Überblick zu verschaffen. Was unterscheidet Qorme Morgh be Qabuli Palau von Qorme Morgh ba Safran Tschalau? Die Erläuterungen auf Deutsch helfen nicht unbedingt weiter: Beide Gerichte enthalten "Hähnchen, Linsen und Trockenpflaume in pikanter Tomatensauce". Ein Unterschied liegt im Reis. Der eine ist gebräunt mit Noten von Kardamom und Kreuzkümmel und angereichert mit Rosinen, gedünsteten Mandeln und Karotten, der andere leuchtet orange und schmeckt fruchtig nach Safran (beide 15,80 Euro).

Angesichts der verwirrenden Exotik hilft ein Trick, der in fremden Weltgegenden immer nützlich ist: Wir fragten einen der sympathischen Mitarbeiter unumwunden, was er selbst denn gerne esse. Der junge Mann verwies ohne Zögern auf eines der Teiggerichte, Aschak, in der vegetarischen Variante (11,90).

Auf den Tisch kamen leichte Teigtäschchen, eher den fernöstlichen Dim Sum ähnlich, luftiger als zum Beispiel indische Samosas, und leichter als italienische Ravioli. Gefüllt waren sie mit Lauch, Zwiebel und Kräutern und bedeckt weder mit Sojasauce noch Curry, sondern einer erstaunlich frischen, leichten und dennoch komplexen, auf sanfte Weise pikanten Tomatensauce mit eingestreuten Linsen sowie Quark und Koriander. An einem warmen Spätsommerabend war das ein ebenso wohlschmeckender wie bekömmlicher Genuss. Das Gericht gibt es auch mit Hackfleisch angereichert, was aber dem Geschmack nichts Bedeutendes hinzufügt.

Ein Klassiker der afghanischen Küche, wie ein landeskundiger SZ-Kollege bestätigt, heißt auf der Karte des Herat einfach Qabuli Palau (15,80). Es ist die orientalische Version deftigen Schmorlamms mit tiefgründigen Noten von Kreuzkümmel und Kardamom, gepaart mit dem eben erwähnten gebräunten, angereicherten Reis. Drei Beilagen stehen zur Wahl, wir empfehlen den Spinat. Das Fleisch war butterzart, für die mundgerechte Zerkleinerung genügte eine Gabel und am liebsten hätten wir mit den Fingern zugegriffen.

So testet die SZ bei der Kostprobe

Die Kostprobe gibt es als Format für Restaurantkritiken seit 1975 in der Süddeutschen Zeitung. Die Autorinnen und Autoren haben sich ehernen Regeln verpflichtet: Sie testen ein Restaurant frühestens 100 Tage nach Eröffnung (damit sich das Küchenteam bis dahin einspielen kann), essen dort mehrmals (denn jeder Koch und jede Köchin kann mal einen schlechten Tag haben), geben sich nicht als Tester zu erkennen und schreiben unter Pseudonym (um unerkannt und unabhängig bleiben zu können). Und die Rechnung? Die bezahlt natürlich die SZ selbst.

Völlig anders, mit viel Tomate und Zwiebel, eher curryartig, aber aufregend feurig und doch frisch dank Koriander schmeckte uns auch die Lamm-Variante Do Piaza (16,90) ganz wunderbar. Das Gericht wird mit Fladenbrot statt Reis genossen. Eine weitere Facette afghanischer Vielfalt eröffnete uns ein Reis mit einer überraschenden Ingredienz: gedünsteten Stücken Orangenschale. Geschmacklich mochten wir dieses Neuland, wenngleich das Gericht im Vergleich etwas trocken blieb. Allerdings ist zu erwähnen, dass im Herat stets drei Töpfchen Sauce mit auf den Tisch kommen, eine fruchtig, eine scharf sowie ein gewürzter Joghurt.

Und ein Tipp sei noch mitgegeben: Vor allen Hauptgerichten, ein absolutes Muss, ist der butterzart geschmorte Kürbis mit anregend süß-scharfer, tieforanger Sauce und cremigem Quark namens Borani Kaddo (6,30) zu genießen.

Wie all diese Vielfalt in der Kombüse eines ehemaligen Pilspubs zubereitet wird, bleibt ein Geheimnis des Wirts. Das Bier kommt trotz der noch vorhandenen Zapfhähne leider aus der Flasche. Dafür sind die Weine akzeptabel. Allerdings geht es im Herat auch nicht um Chichi und Önologie, sondern um einen erfrischenden kulinarischen Ausflug nach Ostafghanistan. Den in der Münchner Gastronomie dominanteren Kulturkreisen Türkei, China und Indien fügt das Lokal jedenfalls eine attraktive orientalische Variante hinzu.

Adresse: Kirchenstraße 62, 81675 München, Telefon: 0177/4241949, Öffnungszeiten: Täglich von 11 bis 14 Uhr und von 17 bis 23 Uhr

© SZ vom 17.09.2020/vewo

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