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Platznot in Schulen:"Wir tun so, als ob es Corona nicht gäbe"

Im Willi-Graf-Gymnasium haben sich so viele neue Schüler wie noch nie angemeldet - und alle sollen unterkommen.

(Foto: Robert Haas)

5382 Fünftklässler haben sich an den öffentlichen Gymnasien angemeldet. Das ist ein Rekord - und für viele Schulen eine enorme Herausforderung.

Von Jakob Wetzel

Die Zahlen hätten seine kühnsten Erwartungen übertroffen, und ebenso die schlimmsten Befürchtungen, sagt Dominik Blanz, der Schulleiter des städtischen Willi-Graf-Gymnasiums in Schwabing. An keinem öffentlichen Gymnasium in München haben sich für das kommende Schuljahr so viele neue Fünftklässler angemeldet wie an seiner Schule, nämlich 241. Sie hätten sich sehr gefreut, der Zuspruch sei ja auch verglichen mit anderen Schulen in der Umgebung groß, sagt Blanz. Aber zugleich stellt sich die Frage: Geht das überhaupt?

Die Anmeldetermine sind vorüber, der Probeunterricht ist gegeben, die weiterführenden Schulen können planen. Zum Beispiel die 42 öffentlichen Münchner Gymnasien. 5382 Fünftklässler haben sich an diesen neu angemeldet - das ist einmal mehr ein Rekord, auch wenn es nur 26 Schülerinnen und Schüler mehr sind als im Vorjahr. Doch im Einzelnen schwanken die Zahlen stark von Schule zu Schule und von Jahr zu Jahr, das macht es kompliziert: Die Schulen müssen ihre Klassen auffüllen und gewährleisten, dass für alle genug Platz ist. Schon in normalen Jahren bedeutet das oft komplizierte Rechenarbeit. In diesem Jahr aber kommt die Corona-Krise hinzu: Niemand weiß mit Sicherheit, wie von September an Unterricht möglich sein wird.

Geht es nach der Staatsregierung, soll ab September möglichst wieder normaler Betrieb an den Schulen sein. Auch das Willi-Graf-Gymnasium plant erst einmal ein reguläres Jahr. "Wir tun so, als ob es Corona nicht gäbe", sagt Schulleiter Blanz. Sogar Klassenfahrten habe die Schule schon gebucht. Seine Schulfamilie sei grundsätzlich zuversichtlich - und es sei einfacher, das Schulleben notfalls zurückzufahren, als später kurzfristig doch noch eine Fahrt zu organisieren. "Beim Fahren auf Sicht sind wir mittlerweile gut dabei", sagt Blanz.

Und auch bei der Anmeldung habe die Schule entschieden: Wir schaffen das. Und so nimmt das Willi-Graf-Gymnasium jedes angemeldete Kind auf, alle 241. Ab September wird es acht fünfte Klassen geben. An der Schule mit ihren knapp 1000 Schülern wird dann jeder vierte bis fünfte Schüler in der fünften Klasse sein. Einmal könne die Schule das stemmen, sagt Blanz. Andernfalls hätte man rund 60 Familien absagen und sie enttäuschen müssen.

Anderen Schulen blieb nichts anderes übrig. Am Maria-Theresia-Gymnasium in der Oberen Au zum Beispiel hatten sich 173 Schülerinnen und Schüler angemeldet, Platz aber hatte die Schule nur für 110. Den übrigen musste sie absagen und sie an andere Schulen vermitteln. Das seien schlimme Wochen gewesen, sagt Schulleiterin Birgit Reiter. Das Wachstum zeichne sich aber schon länger ab. In der Nähe gibt es zwei Neubaugebiete, die Zahl potenzieller Schüler steigt, das Schulhaus am Regerplatz aber bleibt so klein, wie es eben ist. In Zeiten von Corona ist das ein besonderes Problem: Einige Klassenräume seien zu klein, um darin den nötigen Abstand einhalten zu können, trotz halbierter Klassen, sagt Reiter. Die Schule nutzt deshalb auch die Turnhallen als Klassenzimmer.

Platznot herrscht auch am Michaeli-Gymnasium in Berg am Laim: Die Kapazitätsgrenzen seien erreicht "bis zur Halskrause", sagte Schulleiterin Angelika Loders schon im vergangenen Jahr. Doch nun muss die Schule sogar noch mehr Fünftklässler versorgen als das Willi-Graf-Gymnasium. Am Michaeli-Gymnasium selbst wurden 193 Kinder angemeldet, dazu kommen 56 Fünftklässler, die ab 2022 das neue Gymnasium Messestadt Riem besuchen sollen, das gerade gebaut wird.

Wie geht es nach den Sommerferien weiter?

Insgesamt vier Vorläuferklassen, je zwei fünfte und sechste, wird es ab September geben - und um Platz für alle zu haben, müssen diese ausgelagert werden. Die Schüler aus der Messestadt würden ab September in Räumen der Realschule an der Fehwiesenstraße unterrichtet, sagt Loders. Für die Lehrer sei das ein 20-minütiger Fußweg vom Michaeli-Gymnasium. Manche würden für die Strecke bestimmt auch radeln. Und die Schule werde die Stundenpläne so gestalten, dass die Lehrer möglichst wenig pendeln müssten.

Wie es nach den Sommerferien weitergeht? Sie würden die Hygiene-Regeln beibehalten und die Abstandsmarkierungen in der Schule erst einmal kleben lassen, sagt Angelika Loders. In der Kultusministerkonferenz sei die Rede davon gewesen, ab Herbst könne es wieder normalen Unterricht geben, "aber das glaube ich erst, wenn ich es schriftlich habe".

Sie rechne nicht damit, dass die Schulen erneut für einen längeren Zeitraum geschlossen würden, sagt Birgit Reiter vom Maria-Theresia-Gymnasium. Eher rechne sie mit hybridem Unterricht, einer Mischung aus Präsenzunterricht und Lernen daheim, so wie jetzt. Kurzfristig funktioniere das gut, ob es sich langfristig bewähre, müsse man sehen. Aber die Schule habe Erfahrungen gesammelt und sei jetzt gewappnet. Wichtig sei, dass Kinder und Mitarbeiter gesund bleiben.

© SZ vom 26.06.2020/baso
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