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Gesundheit:Der fiebrige Kampf gegen die Grippe

Aktuell so gut wie täglich in Kontakt mit Grippepatienten: Allgemeinarzt Wolfgang Ritter praktiziert in Sendling.

(Foto: Stephan Rumpf)
  • München steckt mitten in der Grippewelle - die meisten machen sich aber mehr Sorgen wegen des Coronavirus. Zu Unrecht, sagt ein Münchner Arzt.
  • Das städtische Gesundheitsreferat hat vergangene Woche innerhalb von sieben Tagen beinahe 1500 Neuinfektionen gemeldet.
  • Der Anstieg der Grippeinfektionen in diesem Jahr sei vergleichbar mit dem Vorjahr - und deutlich schwächer als im Winter 2017/2018.

Auf der Homepage der Gemeinschaftspraxis Dr. Grassl blinkt in türkisen Lettern ein Schriftzug immer wieder auf: "Anstieg der Grippeinfektionen, wir haben den Grippeimpfstoff weiter vorrätig!" Das Blinken könnte exemplarisch dafür stehen, wie Behörden und Ärzte zur Zeit versuchen, auf die Grippe aufmerksam zu machen.

Wolfgang Ritter, Facharzt für Allgemeinmedizin in der Praxis, ist der Meinung, dass durch die Fokussierung auf das neuartige Coronavirus wichtige Informationen über die Influenza unter den Tisch fielen. "Das Coronavirus wird medial sehr stark begleitet, die Patienten sind deshalb verunsichert", sagt er, "dabei ist die jährliche Influenza deutlich gefährlicher und für das Leben bedrohlicher. Das haben viele Patienten gerade nicht im Blick".

München steckt gerade "mitten in der Grippewelle", so Ritter, der im Süden der Stadt praktiziert. Es gebe so viele positive Testergebnisse, erzählt Ritter, dass seine Kollegen und er mittlerweile bei jedem, der mit mehr als 40 Grad Fieber zu ihnen kommt, die Grippe voraussetzen. Vergangene Woche meldete das Gesundheitsreferat in München innerhalb von sieben Tagen beinahe 1500 Neuinfektionen in der Stadt. Bayernweit verzeichnete das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) 7540 neue Influenzafälle, davon mit fast 42 Prozent die meisten in Oberbayern. Diese Zahlen beziehen sich auf die erste Februarwoche. Die Zahlen des Robert-Koch-Instituts (RKI) für die zweite Februarwoche zeigen, dass sich weiterhin etwa genauso viele Menschen neu angesteckt haben.

Die Stadtverwaltung sprach bereits am 30. Januar ein befristetes Beschäftigungsverbot für alle Schwangeren aus, die in der Kinderbetreuung tätig sind. Man hält sich damit an die Empfehlung des Betriebsärztlichen Dienstes des Personal- und Organisationsreferates. Die Influenzaerkrankung verläuft bei Schwangeren in der Regel schwerer, das Risiko einer Früh- und Fehlgeburt ist erhöht. Diese Regelung trat auch in den vergangenen Jahren ein - im Frühjahr 2019 waren etwa 100 Frauen betroffen. Wann das Beschäftigungsverbot wieder aufgehoben wird, entscheidet der Betriebsärztliche Dienst je nach Information des RKI.

Jedes Jahr empfehlen auch Ärzte wie Ritter besonders gefährdeten Gruppen, also allen Menschen ab 60, Schwangeren, angeschlagenen Menschen und medizinischem Personal, sich gegen die aktuelle Grippe impfen zu lassen. Die Appelle kommen nicht immer an. Laut RKI folgen bundesweit nur knapp 35 Prozent der älter als 60-Jährigen der Impfempfehlung. Bei Schwangeren liege die Quote noch niedriger - bei etwa elf Prozent. Schätzungen zufolge erkranken in Deutschland aber jährlich bis zu 14 Millionen Menschen an Influenza, je nach Saison und Viren.

Seit Beginn der aktuellen Grippesaison im Herbst 2019 wurden bundesweit 130 Todesfälle mit Influenzavirusinfektion an das RKI übermittelt. Das LGL zählte bayernweit bis einschließlich 7. Februar 19 Todesfälle, davon sechs in Oberbayern. Diese Zahlen allein sind allerdings nicht aussagekräftig. Deshalb will das Münchner Gesundheitsreferat seine Zahl gar nicht nennen. Denn bei weitem nicht alle Todesfälle werden auf Influenzaviren untersucht, zudem wird die Influenza meistens nicht als Todesursache eingetragen, sondern beispielsweise eine Lungenentzündung, die als Folge entstanden ist.

Die Fachwelt verlässt sich deshalb auf eine statistische Schätzung ausgehend von allen Todesfällen, die über den normalen Zahlen ohne Grippewelle liegen. Die Schätzung liegt aber erst nach Ende der Saison vor. Zum Vergleich: 2017/2018, bei der sehr starken Grippewelle, sind laut Schätzungen der sogenannten Exzess-Mortalität des RKI deutschlandweit mehr als 25 000 Menschen infolge der Influenza gestorben. Wolfgang Ritters Warnungen sind angesichts solcher Zahlen verständlich.

Wegen Corona haben die Ärzte nun den Eindruck, noch weniger Chancen zu haben, sich Gehör verschaffen zu können. Erkundigt man sich beim Münchner Gesundheitsreferat oder beim bayerischen LGL über die Influenza, heißt es, dass die Auskünfte etwas länger dauern könnten - wegen des Coronavirus seien die Fachabteilungen seit Wochen überlastet.

Auch an den städtischen Kliniken ist der Anstieg zu bemerken

Falls man aus Angst vor Corona mehr darauf achten würde, sich nicht anzustecken, "wären ja praktisch zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen", teilt das RKI mit: Dann würde es auch weniger Grippeansteckungen geben. In Bayern zeigten die gestiegenen Praxisbesuche aber "nichts Ungewöhnliches" an, so das RKI, in den vergangenen Jahren seien um diese Zeit sogar mehr Menschen zum Arzt gegangen .

An den Notfallzentren der München Klinik in Bogenhausen, Schwabing, Harlaching und Neuperlach merkt man den generellen Anstieg auch. "Die Auswirkungen sind aktuell vergleichbar mit dem Vorjahr und fallen aktuell deutlich schwächer aus als im Jahr 2017/18. Bislang sind nur wenige schwere Verläufe aufgetreten", heißt es dort. Tatsächlich war die Grippesaison 2017/2018 besonders schlimm - damals wurden auf dem Höchststand in Bayern mehr als 10 000 Fälle gemeldet. Die Grippe 2018/2019 fiel im Vergleich mit einem Höchststand von etwa 7000 Neuerkrankungen deutlich milder aus. Dieses Mal kletterte die Kurve früh hoch, ob es so weitergeht, lässt sich aber nicht vorhersagen.

Ritter kann grundsätzlich beruhigen. Der schwere Verlauf und die Gefahr, infolge der Grippe zu sterben, gelte besonders für Menschen mit geschwächtem Immunsystem. Die meisten Todesfälle gibt es in Alten- und Pflegeheimen oder in Krankenhäusern. Ritter empfiehlt allen Infizierten außerdem: Lieber etwas länger zu Hause bleiben und die Kollegen nicht anstecken.

© SZ vom 20.02.2020/kaal
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