Ausgrabungen:"Ein völlig neues Licht auf die Münchner Stadtgeschichte"

Das Grabungsgelände in der Hochbrückenstraße: Archäologen haben einen neuen historischen Siedlungskern in München entdeckt.

Das Grabungsgelände in der Hochbrückenstraße: Archäologen haben einen neuen historischen Siedlungskern in München entdeckt.

(Foto: BLfD)

Archäologen haben in der Altstadt einen neuen Siedlungskern vor der allerersten Stadtmauer entdeckt. Muss die Geschichte nun umgeschrieben werden?

Von Jakob Wetzel

Ob die Geschichte Münchens umgeschrieben werden muss, fragt das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege, und für eine Antwort ist es wohl noch etwas früh. Doch was Archäologen nun im Münchner Boden gefunden haben, hat zumindest das Potenzial, mehr zu sein als eine Fußnote.

Archäologen haben einen bislang unbekannten Siedlungskern auf der Fläche der heutigen Münchner Altstadt entdeckt. Bereits im vergangenen Jahr seien auf etwa 150 Quadratmetern an der Hochbrückenstraße Überreste von Keramik, von Holzbauten und Ofenanlagen zum Vorschein gekommen, hat das Landesamt nun bekanntgegeben. Jetzt liege der Grabungsbericht mit der Auswertung vor. Die Funde stammten aus dem 11. und frühen 12. Jahrhundert, heißt es, sie "gehören zu den ältesten mittelalterlichen Objekten, die in der Münchner Altstadt gefunden wurden".

Vor allem die zahlreiche Keramik übertreffe alles, was bisher bei Grabungen aus dem Boden geholt worden sei. "Die Auswertung der Funde wirft ein völlig neues Licht auf die Münchner Stadtgeschichte", sagt der Leiter des Landesamtes, Generalkonservator Mathias Pfeil. "Niemand hat bisher vermutet, dass sich auf einem Gebiet außerhalb der später gebauten Stadtmauern bereits so früh öffentliches Leben abspielte."

Als Zeitpunkt der Münchner Stadtgründung gilt gemeinhin das Jahr 1158. In jenem Jahr schlichtete Kaiser Friedrich Barbarossa einen Streit zwischen dem Bischof von Freising und Münchens - offiziellem - Stadtgründer, Heinrich dem Löwen. Die Urkunde dazu, der sogenannte Augsburger Schied, ist auf den 14. Juni 1158 datiert und gilt als Gründungsdokument Münchens. Denn in ihr wird die Stadt als "apud munichen" erstmals schriftlich erwähnt.

Dass auf dem heutigen Stadtgebiet bereits vor 1158 Menschen gelebt haben, ist dagegen längst klar. Viele heutige Stadtteile Münchens wie Pasing, Oberföhring, Giesing, Schwabing, Sendling oder Bogenhausen gehen auf Dörfer zurück, die sich bis ins 8. und 9. Jahrhundert zurückverfolgen lassen. Auch dass auf dem Gebiet der Altstadt bereits vor 1158 Menschen lebten, ist bekannt: Erst vor wenigen Jahren etwa gruben Archäologen unter dem Marienhof, bevor dort der S-Bahnhof für die zweite Stammstrecke ausgehoben wurde; sie fanden dabei Scherben aus dem 11. Jahrhundert - und waren nicht überrascht. Die Hochbrückenstraße aber liegt außerhalb der ersten Münchner Stadtmauer: Diese verlief vom Alten Rathaus zum Alten Hof, also etwa 300 Meter weiter westlich. Dass es auch an diesem Ort, so nahe an der Stadt und doch außerhalb der Mauern, eine Siedlung gab, das ist neu.

Über die mittelalterliche Entwicklung dieses Quartiers sei archäologisch bisher nichts bekannt gewesen, heißt es vom Landesamt für Denkmalpflege. Als die Münchner im 17. Jahrhundert, während des Dreißigjährigen Krieges, große Befestigungsanlagen aufschütteten, um sich gegen den Beschuss mit schweren Geschützen verteidigen zu können, habe man hier Erde aufgeschüttet. Später seien hier Wohn- und Geschäftshäuser errichtet worden.

Handwerker könnten hier einem feuergefährlichen Gewerbe nachgegangen sein

Dass die Archäologen dort nach Zeugnissen der Vergangenheit suchten, lag erneut an einem Bauprojekt: An der Hochbrückenstraße soll ein Hotel entstehen. Bei den Arbeiten kamen Siedlungsreste zutage - und die Archäologen hätten rasch gemerkt, dass mehr im Boden liege, heißt es vom Landesamt. Sie gruben tiefer.

Was genau sich dort einst befand, ist unklar. Den Funden zufolge hatte die Siedlung bis ins 14. Jahrhundert bestanden; das ist die Zeit, in der München einen zweiten, weiteren Mauerring erhielt, von dem heute noch Reste wie das Isartor, das Sendlinger Tor oder ein Mauerstück an der Jungfernturmstraße existieren. Weil sie Hinweise auf Öfen und mehrere Schlacken fanden, vermuten die Forscher, dass Handwerker dort einem feuergefährlichen Gewerbe nachgingen, etwa der Metallverarbeitung.

An der Hochbrückenstraße ist davon nun nichts mehr zu sehen. Die Ausgrabung sei abgeschlossen, das Gelände für den Bau des Hotels freigegeben, heißt es vom Landesamt. Die Funde würden nun weiter untersucht, im Projekt "Archäologie München". Hier arbeiten Archäologen und Historiker, Botaniker, Zoologen und Anthropologen mehrerer staatlicher und städtischer Stellen zusammen und versuchen herauszufinden, wie München seit dem Mittelalter ausgesehen hat, und wie es gewesen ist, in der Stadt zu leben. Einzelne Funde werden immer wieder ausgestellt, zum Beispiel in einem "archäologischen Schaufenster" im Stadtmuseum oder derzeit noch in einer Sonderausstellung in der Münchner Residenz.

© SZ vom 21.07.2021/wean
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