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Glockenbachviertel:Literatur zwischen Barbershops und Latte-Wohlfühlinseln

Georg M. Oswald

"Es ging mir nicht darum, einen München-Roman zu schreiben", sagt der Schriftsteller Georg M. Oswald, doch die Gegend um die Hans-Sachs-Straße und ihr Wandel hätten gut zu dem gepasst, was er in "Vorleben" erzählen wollte.

(Foto: Peter von Felbert)

Der Schriftsteller und Anwalt Georg M. Oswald lässt seinen neuen Roman im Glockenbachviertel spielen - und neben einer manchmal trügerisch herausgeputzten Gegenwart auch die Partyszene der wilden Achtzigerjahre aufleben.

Sein Buch steht schon dort, gleich gegenüber dem Eingang, neben anderen Neuerscheinungen. Im Plattenladen Optimal erwartet man das nicht unbedingt. Doch ja, hier gibt es auch Bücher, und bestens informiert ist der Besitzer Christos ohnehin: Denn sein gut sortierter Laden in der Kolosseumstraße des Glockenbachviertels spielt in Georg M. Oswalds neuem Roman "Vorleben" (Piper Verlag) eine nicht unbedeutende Rolle.

Anhand des Platten- und Buchladens, in dem in diesem Moment ohrenzerreißender Freejazz läuft, lässt sich einiges erklären. Von einem der "Reiseführer für Münchner", die hier ebenfalls ausliegen, hat sich Georg M. Oswald inspirieren lassen: In seinem Roman kauft die Hauptfigur Sophia einen Stadtführer dieses Typs und erfährt daraus einiges über den Wandel des Viertels.

Gerade erst ist sie hergezogen, Hals über Kopf verliebt in einen Musiker. Das Glockenbachviertel erscheint ihr wie das "herausgeputzte Anwesen von Leuten, die kein Problem damit hatten, zu zeigen, dass es gut für sie lief". Zwischen all den "Barbershops und Latte-Wohlfühlinseln" findet Sophia kaum Orte, die noch aus früheren Zeiten stammen. Einer der wenigen ist das Optimal.

Er sei relativ häufig in diesem Laden, sagt Oswald, während er um die Ecke einen Kaffee trinkt, in der auch schon eine Weile bestehenden Kneipe Sax in der Hans-Sachs-Straße, die einst Kolosseum hieß. Als er am neuen Roman schrieb, habe er ziemlich genau diese Gegend und ihren Wandel vor Augen gehabt: "Das passte gut zu dem, was ich erzählen wollte", sagt der Münchner Schriftsteller und Rechtsanwalt für Familienrecht, "es ging mir nicht darum, einen München-Roman zu schreiben".

Wichtiger war ihm die Beziehung der beiden Hauptfiguren: Da ist zum einen Daniel, 48, erfolgreicher Cellist eines Münchner Symphonieorchesters. Ihm gehört eine Dachwohnung in einem Jugendstilaltbau in der Hans-Sachs-Straße, und dort wohnt nun auch seine neue Geliebte, die zehn Jahre jüngere und nicht ganz so erfolgreiche Journalistin Sophia. Sie ist zuviel allein, zu misstrauisch - und beginnt in der Vergangenheit des Partners herumzuschnüffeln.

Die Achtziger waren eine Zeit des "unfassbaren Hedonismus"

Was sie herausfindet, bündelt Oswald in einer spannenden, zunehmend unheimlichen Story. Vieles daran wirkt sehr heutig: Es ist die Geschichte eines Paares, das sich erst kurz kennt, wobei beide schon vor dem ersten Treffen durch das Internet ein Bild voneinander hatten, "ein auf Außenwirkung angelegtes und sehr glattes Bild", wie Oswald sagt: "Die Selbstinszenierungen funktionieren ja nur, wenn sie glatt sind, sie müssen ja auch schnell konsumierbar sein".

Als Gegenbild zu den glatt polierten Fassaden der Menschen wie auch der Häuser bringt Oswald im Roman die "heute so wüst erscheinenden Achtzigerjahre" ins Spiel. Eine Zeit des "unfassbaren Hedonismus", der insbesondere im Gärtnerplatzviertel ausgelebt wurde. Auch Oswald, damals Student, war viel in diesem Viertel unterwegs.

In Partys und Kneipen wie dem Tanzlokal Größenwahn habe sich damals eine kleine musikaffine Szene mit der Schwulenszene gemischt, erinnert er sich. Heute sei Feiern eine normale Beschäftigung von Angestellten nach Feierabend. Damals sei damit eine bestimmte Ästhetik, ein Untergrundgefühl verbunden gewesen, fast eine Gegenwelt: "Wer sich der Nachtseite zuwandte", heißt es im Roman, "traf eine Lebensentscheidung".

Letztgültige Wahrheiten? Gibt es nicht

Und so hat Oswald in den Roman einige Figuren aus jener Zeit, jenem Milieu verwoben: die Striptänzerin Nadja, jenseits bürgerlicher Lebensideale auf der "Suche nach Intensität, bis zur Selbstzerstörung"; den Journalisten Max, mit einer "wild romantischen Vorstellung vom Journalismus", der damals noch als "Heldenberuf" galt; den Freak Stephan, mit struppigen Haaren und einer zahmen Krähe auf der Schulter - und das alles vor der Kulisse von Straßen, in denen damals sogar ganze Häuser besetzt waren. "Mich hat fasziniert", sagt Oswald, "wie wahnsinnig weit entfernt das von heute ist."

Deutlich wird in seinem Roman jedoch auch: Letztgültige Wahrheiten über die Vergangenheit, München, die Liebe gibt es nicht. Oswald stellt vor allem Fragen: "Was halten wir für wahr? Sind es nicht oft die Dinge, die wir oft genug wiederholen?" An seiner Figur Sophia interessiert ihn besonders, dass sich "das, was sie für ihre größte Schwäche hält, der Zweifel, als ihre größte Stärke herausstellt". Und so kann man festhalten: Zu den Kernaussagen des Romans gehört ein Lob des Zweifels. Und eines gewissen Plattenladens.

Georg M. Oswald liest am Mittwoch, 26. Februar, 19.30 Uhr, in der Seidlvilla, Nikolaiplatz 1

© SZ vom 25.02.2020/kafe
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