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"Das zweite Schwert" von Peter Handke: Sieg der Literatur

Port-Royal-des-Champs, Musee des Granges -  -

Wendepunkt in Peter Handkes Erzählung: Port-Royal de Champs, hier das Museum zur Geschichte des Klosters.

(Foto: picture alliance / akg-images /)

Peter Handke erzählt in seinem neuen Buch vom Scheitern eines Rachefeldzugs. Wer es als Showdown im Duell Handkes mit dem Journalismus liest, irrt.

Am Ende dieses schmalen Buches sitzt der Erzähler in einer "Endstationsgaststätte". Im Netz der Buslinien der Île-de-France um Paris war er den Tag über unterwegs. Feierabendstimmung hat sich über den großen Saal mit den alten Fußbodenbrettern gelegt, in den Feiernden glaubt er Mitreisende zu erkennen. Dann geschieht etwas Seltsames: "In meinem Weinglas eine Kastanienblüte mit der line of beauty and grace. (Ich schluckte sie)."

Es ist da nicht mehr weit bis zu den Worten, mit denen die Geschichte schließt, der Auskunft, wann sie geschrieben wurde: "April-Mai 2019. Île-de-France / Picardie." Wäre seitdem einfach nur die Zeit ins Land gegangen, könnte nun gleich die Frage gestellt werden, was es mit dieser in die Endstationsgaststätte hineingewehten Kastanienblüte auf sich hat, was mit der Schönheitslinie, die in sie eingezeichnet ist, und vor allem was mit dem in Klammern gesetzten Verschlucken.

Da es aber nicht so ist, da dem Frühjahr 2019 der Herbst folgte, in dem der Autor Peter Handke den Nobelpreis für Literatur erhielt und im Zentrum einer erregten Debatte über seine Schriften zu den Balkankriegen stand, muss hier zunächst von dem Effekt die Rede sein, der sich einstellt, wenn man die Geschichte aus der Perspektive des "Was danach geschah" liest. Sie erscheint dann als Vorklang des Furors, mit dem Handke seine Interventionen als poetischen Protest gegen die Sprache des Journalismus verteidigt hat.

Dieser Erzähler lebt von der Witterung für Katastrophen

Denn es ist die Geschichte eines Rachefeldzuges, zu dem der Erzähler aufbricht, um eine Journalistin zu töten, die geschrieben hatte, "meine Mutter sei eine der Millionen aus der einstigen großen ,Donaumonarchie' gewesen, für welche die Einverleibung des kleingewordenen Lands ins ,Deutsche Reich' Anlass zu Freudenfesten gewesen war; meine Mutter habe gejubelt, will sagen, sei eine Anhängerin, eine Parteigenossin gewesen". Schon im ersten Satz der Geschichte blickt dem Erzähler, als er sich im Spiegel betrachtet, das Gesicht eines Rächers entgegen, den Vorschlag, einen "Mietmörder" anzuheuern, schlägt er wenig später aus.

Was liegt näher, als in diesem Erzähler, der seinen Wohnort bei Paris, seine Abneigung gegen die Zeitungssprache, seine Wanderlust und seine Lektüren mit seinem Autor teilt, den Nobelpreisträger Peter Handke wiederzuerkennen, der alle kritischen Nachfragen mit der schroffen Auskunft abwies, er sei nun einmal Dichter. Mehrfach taucht Homer, mehrfach taucht Tolstoi in dieser Maigeschichte auf. Lassen ihre Namen sich lesen, ohne die Erinnerung an jenen Satz Handkes aus dem Herbst aufzurufen, "ich komme von Tolstoi, ich komme von Homer, ich komme von Cervantes"? Vorerst wohl kaum, und doch geht am Kern dieser Geschichte vorbei, wer sie als Showdown im Duell Handkes mit dem Journalismus liest.

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Dieser Kern wird nur im Blick auf das, "was davor geschah", sichtbar, auf das bisherige literarische Werk Peter Handkes. Es wird in dieser Maigeschichte unablässig aufgerufen. Sie beginnt mit einer Heimkehr und einem neuerlichen Aufbruch, wie so viele vorangegangenen Geschichten. Wenn hier, in der Schrift, Tolstoi und Homer herbeizitiert werden, dann nicht als einschüchternde Zeugen der eigenen Klassizität, sondern im Zuge eines beiläufigen Einsammelns von Figuren und Motiven, die ins eigene Werk zurückführen.

Beim Aufbruch kommt dem Erzähler ein Satz aus dem "Anton Reiser" von Karl Philipp Moritz in den Sinn, der in "Der kurze Brief zum langen Abschied" als Motto diente, John Wayne hat seinen Auftritt, und Eric Burdon ist dabei, der Schmerzensmann unter den Rocksängern, auch er alt geworden, und stimmt "When I Was Young" an, und der Mordlustige, den der Erzähler in sich entdeckt, hat im Autor der Journale und Aufzeichnungen, etwa in "Das Gewicht der Welt", einen Vorläufer. Der Hass zwischen den Geschlechtern, das "Einfrauenheer", an das der Erzähler sich erinnert, sind Wiedergänger.

Sie entstammen der Welt, die lange durch die Legende verdeckt war, Handke, der große Landschafter unter den deutschsprachigen Autoren der Gegenwart, habe sich dem "sanften Gesetz" Adalbert Stifters unterstellt, und dieses Gesetz weise Katastrophen und Gewaltausbrüche ab. Nein, so war es schon bei Stifter nicht, und der Erzähler Handke lebt von der Witterung für die Katastrophen, die in der scheinbar sanften äußeren und inneren Natur nur scheinbar schlummern, bis sie ausbrechen. In die Reihe dieser Ausbrüche gehört diese Maigeschichte.

Die Linie von Schönheit und Anmut bricht heutzutage immer wieder ab

Ein Aufbruch ins eigene Werk war schon "Die Obstdiebin" (2017), in der die durchwanderten Landschaften alte, von Wolfram von Eschenbach vorgezeichnete Abenteuerrouten in sich aufnahmen. Das Projekt eines Erzählens jenseits der Konventionen des modernen Romans, im Bündnis mit Grundmustern vormoderner Epen und Epopöen, nimmt nun wieder die Form einer Reise im Nahbereich an. Mit den literarischen Formen aber hat es seine besondere Bewandtnis. Sie sind nicht einfach Behälter, in die eine Geschichte gegossen wird. Sie geben ihr die Richtung vor, erleichtern oder erschweren ihren Fortgang. Der Erzähler, der im Zeichen von Mord und Totschlag aufbricht, hat einen Widerpart in den alten Geschichten, die sein Autor aufruft. "Das zweite Schwert" heißt ihr Obertitel, in Anspielung auf die Zeilen aus dem Lukas-Evangelium, die ihr als Motto vorangestellt sind, als "Maigeschichte" firmiert sie im Untertitel. Bei Lukas übererfüllen die Jünger den Rat Jesu, der sie anweist, ein Schwert zu kaufen, und präsentieren ihm zwei Schwerter. Wenig später wird Jesus einschreiten, als ein Jünger zum Schwert greift und dem Malchus ein Ohr abschlägt.

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Es ist unausweichlich, dass sich in einer Rachegeschichte die Erinnerung an das Alte Testament über die Szene aus dem Neuen legt. Und so hört der Erzähler, erpicht darauf, für seinen Rachefeldzug einen Auftrag zu erhalten, aus dem "zarten Geraspel" eines Rotkehlchens die leise säuselnde Stimme heraus, mit der Gott dem Propheten Elia in der Wüste aufträgt, sein Volk zu rächen. Ob der Erzähler hier bibelfest ist, sei dahingestellt. Seine Geschichte aber nimmt eine eindeutige Wendung. Sie führt vom scheinbar gewaltgetränkten Titel "Das zweite Schwert" auf den Untertitel zu, auf die Glücksversprechen des Wonnemonats Mai. In jedem Erzählen steckt die Chance der Entfernung von der Gewalt des Dreinschlagens, so enthält das Wort "Maigeschichte" ein Versprechen, den Ausblick auf das Ende der Gewalt. An einem der Mauersteine, an der Ufermauer einer Lichtung am landgewordenen Rest eines Weihers entdeckt der Erzähler eine Inschrift, die den 8. Mai 1945 feiert, das Läuten der Glocken der Sieges, das Ende des Dritten Reichs.

Im Kalender der Zeitgeschichte ist der Mai Friedensmonat. Die Inschrift, die darauf verweist, findet sich in der Nähe des wichtigsten Schauplatzes dieser Erzählung, Port-Royal de Champs in der Nähe von Versailles, mit den Überresten des Klosters, in dem Blaise Pascal und Jean Racine ihre Schulkinderzeit verbrachten. Es ist nicht zum ersten Mal, dass ein Text Handkes hier Station macht. Aber noch nie war das Pascalsche "Nous sommes embarqués!" so sehr der Wendepunkt des Erzählens, als Mahnung an das Eingeschifftsein ins Leben bei offenem, ungewissem Ziel.

Von Port Royal aus nimmt die Maigeschichte Kurs auf das Scheitern des Rachefeldzugs. Der Held, tatendurstig und komisch zugleich wie Don Quijote, erfährt, dass das Erzählen das letzte Wort hat, nicht die Tat. Und damit kommen wir zur verschluckten Kastanienblüte zurück. Die "line of beauty and grace" verbindet sie mit Handkes "Versuch über den geglückten Tag". Er hatte sie sich dort von William Hogarth, dem Maler des 18. Jahrhunderts, geborgt. Und hinzugefügt, dass die früher sanftgeschwungene Kurve heute "immer wieder abbricht, ins Stottern, Stammeln, Verstummen und ins Schweigen kommt, neu ansetzt, Seitenstrecken nimmt".

So schreitet die Prosa dieser Geschichte voran. Bis die Geschichte zu Ende ist, ohne dass sie sich der "Übeltäterin", dem Ziel der Rache, genähert hätte: "Es war darin kein Platz für sie. Und das war meine Rache. Und das genügte als Rache." Das zweite Schwert ist nicht aus Stahl, sondern das Erzählen selbst. Eine fromme Legende? Mag sein. Aber ein Sieg der Literatur.

Peter Handke: Das zweite Schwert. Eine Maigeschichte. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 160 Seiten, 20 Euro.

© SZ vom 15.02.2020/cag
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