Gedenken an NSU-Opfer:"Was hat sich seitdem verändert? Was haben wir alle daraus gelernt?"

Gedenken an NSU-Opfer: Vor 20 Jahren wurde Habil Kiliç in Ramersdorf von der NSU ermordert.

Vor 20 Jahren wurde Habil Kiliç in Ramersdorf von der NSU ermordert.

(Foto: Robert Haas)

Die Stadt gedenkt Habil Kiliçs, der vor 20 Jahren vom NSU ermordert wurde. An keinem anderen Ort starben so viele Menschen durch rechten Terror wie in München. Es ist eine bittere Bilanz.

Von Anna Hoben

Es ist still am Sonntagvormittag auf Höhe der Hausnummer 14 in der Bad-Schachener-Straße in Ramersdorf. Autos werden umgeleitet, der Regen macht eine Pause. Die Stadt München gedenkt an diesem Tag Habil Kiliçs, der hier vor 20 Jahren im Gemüseladen seiner Familie von der rechtsterroristischen Vereinigung Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) ermordet wurde. Einen Gemüseladen gibt es in dem unscheinbaren Haus mit der gelblichen Fassade immer noch, er hat gerade Betriebsferien. Auf dem Gehweg liegen Kränze; während der Gedenkveranstaltung legt eine Frau Blumen auf der Stufe zur Tür des Geschäfts ab.

Die Witwe von Habil Kiliç ist nicht zum Gedenken gekommen; zu schmerzhaft ist dieser Tag für sie. Oberbürgermeister Dieter Reiter begrüßt aber die Familie von Theodoros Boulgaridis, dem zweiten Münchner NSU-Mordopfer. Gekommen sind auch viele Politiker aus Bundestag, Landtag und Stadtrat. Auf das, was sich hier vor 20 Jahren und davor und danach an anderen Orten ereignet hat, weist seit 2013 eine Gedenktafel an der Hauswand hin. "Neonazistische Verbrecher haben zwischen 2000 und 2007 zehn Menschen in sieben deutschen Städten ermordet. Neun Mitbürger, die mit ihren Familien in Deutschland eine neue Heimat fanden, und eine Polizistin. Wir sind bestürzt und beschämt, dass diese terroristischen Gewalttaten über Jahre nicht als das erkannt wurden, was sie waren: Morde aus Menschenverachtung." Wir, das bezieht sich auf eine gemeinsame Erklärung der Städte Nürnberg, Hamburg, München, Rostock, Dortmund, Kassel und Heilbronn.

"Es war ein ganz normales und unspektakuläres Leben, das Habil Kiliç geführt hat."

Bestürzt klingt auch Oberbürgermeister Reiter, als er daran erinnert, wie die Familien der NSU-Opfer nach den Taten über Jahre Schreckliches durchstehen mussten, "weil sie verdächtigt und verleumdet wurden, anstatt Hilfe und Trost zu erfahren, wie sie es verdient hätten". Er fügt hinzu: "Auch heute können wir die jahrelang zu Unrecht verdächtigten Familien für das eklatante Versagen der Sicherheits- und Strafverfolgungsbehörden nur in aller Form um Verzeihung bitten."

Gedenken an NSU-Opfer: Anni Kammmerlander von Before und Oberbürgermeister Dieter Reiter bei der Gedenkveranstaltung

Anni Kammmerlander von Before und Oberbürgermeister Dieter Reiter bei der Gedenkveranstaltung

(Foto: Robert Haas)

Dann zieht der OB eine bittere Bilanz: In keiner anderen Stadt seien so viele Menschen rechtem Terror zum Opfer gefallen wie in München. Beim Oktoberfestattentat 1980, bei der NSU-Mordserie und beim rassistischen Attentat vor fünf Jahren am Olympia-Einkaufszentrum wurden insgesamt 23 Menschen getötet. "Die Entwicklung ist besorgniserregend", sagt Reiter. Er ruft dazu auf, wachsam zu bleiben und sich rechtsextremistischer und rassistischer Hetze entschieden entgegenzustellen. München werde sich immer an die Opfer des rechten Terrors erinnern: "Sie fehlen nicht nur ihren Familien und Freunden, sie fehlen uns allen, sie fehlen unserer Stadt."

Anni Kammerlander von der Opferberatung Before beginnt ihre Rede mit einem Zitat der Rechtsanwältin Barbara Kaniuka, sie hat die Tochter von Habil Kiliç im NSU-Prozess vertreten: "Es war ein ganz normales und unspektakuläres Leben mit den üblichen Höhen und Tiefen, das Habil Kiliç mit seiner Familie geführt hat. Als es am 29. August 2001 ausgelöscht wurde, war er gerade einmal 38 Jahre alt." Auch Kammerlander zeigt noch einmal eindrücklich auf, wie die Ermittlungen nach den NSU-Morden immer wieder auf vermeintliche Mafia-Verbindungen abzielten - an Rassismus als Tatmotiv dachten die Behörden nicht. Kammerlanders Rede entfaltet ihre Kraft vor allem durch Fragen. "Wo stehen wir heute im Umgang mit dem, was in der Folge als NSU-Komplex bekannt wurde?" Ihre Antwort: Die starke Konzentration der Ermittler und Ankläger auf das NSU-Kerntrio habe verhindert, dass in dem Prozess das ganze Netzwerk umfassend ausgeleuchtet wurde. "Was hat sich seitdem verändert? Was haben wir alle - Zivilgesellschaft, Medien, Behörden, Politik - daraus gelernt?" Zu oft sei die Antwort auf diese Frage wohl leider: zu wenig.

Kammerlander, die einst Refugio München gegründet hat, ein Beratungs- und Behandlungszentrum für Flüchtlinge und Folteropfer, hinterfragt auch die Praktiken des Verfassungsschutzes: "Warum besteht die Praxis der V-Personen fort? Warum wird in der Aufarbeitung Quellen- vor Betroffenenschutz gesetzt? Ist ein solcher Nachrichtendienst das richtige Instrument, um eine demokratische Gesellschaft gegen rassistische und extrem rechte Aktivitäten zu schützen?" Die Aufklärung des NSU-Komplexes müsse weitergehen, fordert sie. In Bayern müsse ein zweiter parlamentarischer Untersuchungsausschuss eingesetzt werden, um die vielen weiterhin offenen Fragen zum NSU im Freistaat zu beantworten. Die Folgen einer solchen Tat begleiteten die Betroffenen lebenslang. "An einem solchen Jahrestag sind sie stets besonders stark zu spüren. Deshalb ist es unsere Aufgabe, die Betroffenen mit langem Atem zu unterstützen."

© SZ vom 30.08.2021/sonn
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