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Gesellschaft:Eine Kugel Augustiner-Bier spendieren

Ice-cream maker Matthias Muenz scoops white sausage flavoured ice-cream on a pretzel in his shop in Munich

Matthias Münz hat in den Filialen des Verrückten Eismachers ein Spendierbrett aufgestellt.

(Foto: Reuters/Michael Dalder)

Einen Kaffee, ein Eis oder auch einen Haarschnitt für andere bezahlen: Bei der Spendieraktion "hey" machen immer mehr Münchner Läden und Lokale mit.

Von Laura Kaufmann

Eine Kugel Reibekuchen-Apfelmus oder Augustiner-Bier-Eis ist vielleicht nicht das erste, was jemandem in den Sinn kommt, der Bedürftigen spenden möchte. Aber warum nicht auch das? In den Filialen des Verrückten Eismachers steht ein Spendierbrett neben dem Tresen, an das Kunden in Geberlaune die Quittung für ein bezahltes Eis hängen können. Wer beim nächsten Mal knapp bei Kasse ist, zahlt mit einer Quittung vom Spendierbrett.

"Sehr gut angenommen" wird das in seinen Filialen, sagt der verrückte Eismacher Matthias Münz. Ein einziges Mal kam es vor, dass er eine Stammkundin darauf hinweisen musste, sich nicht zu großzügig dauernd am Spendierbrett zu bedienen, weil es für alle da sei. Abgesehen von diesem Einzelfall funktioniere das Geben und Nehmen sehr gut. "Manchmal bieten wir auch Kunden, die kein Bargeld dabei haben, an, sich beim Spendierbrett zu bedienen", sagt Münz. "Die sind unheimlich dankbar und kaufen dafür meistens beim nächsten Mal mehr." Oder hängen wiederum selbst einen Bon ans Spendierbrett.

Die Idee stammt ursprünglich aus Neapel, caffè sospeso heißt sie dort, der aufgeschobene Kaffee. Der Gast trinkt einen, aber zahlt für zwei caffè, und jemand, der gerade keinen zahlen könnte, kommt trotzdem in den Genuss. Die Idee entwickelte sich weiter, landete in einer Brot-Variante etwa in Istanbul und Hamburg, wo Michael Spitzenberger sie aufgriff. Schon vor Jahren entwickelte er das Konzept "Brot am Haken", mit dem Kunden in der Bäckerei Fremden etwas spendieren konnten.

Das Projekt gewann Preise und Förderungen. Spitzenberger gründete mit Freunden eine Gesellschaft, die hey GmbH. Kurz und prägnant lässt sich so ein "hey" sprechen, und "Brot am Haken" war, je mehr Geschäfte sich ein Spendierbrett an die Kasse stellten, nicht mehr wirklich treffend. Mittlerweile lassen sich Falafel spendieren, Kuchen, Eiscreme und sogar Haarschnitte. Viele wie die Neulinger-Bäckereien oder das Bäckerei-Café Alof sind schon lange dabei, nach und nach kamen, auch durch die stete Arbeit des hey-Teams mehr dazu. In der ganzen Stadt lassen sich Spendierbretter finden, ob in der Shotgun Sister Coffee Bar in Giesing, in der Kuchenwerkstatt in Schwabing oder in Lola's Eckcafé in Haidhausen.

Das Prinzip funktioniert denkbar einfach: Die Unternehmen mieten für einen knappen Euro am Tag das Spendierbrett von "hey" und bekommen dafür Aufkleber und Poster, die Vermarktung und Kommunikation. Der Rest ist den Geschäften selbst überlassen, die durch Umsatz von gespendeten Leistungen auch profitieren. Und am Ende steht jemand, der sich über einen gratis Kaffee oder Falafel freut. Alle gewinnen.

Spitzenberger ist es wichtig, dass durch die Spendierbretter niemand in eine Opferrolle gedrängt wird. Er weiß, auch durch die Gespräche mit seinen teilnehmenden Geschäften, dass Nehmen oftmals schwerer ist als Geben. Die Spendierbretter basieren auf Vertrauen. Niemand muss sich als bedürftig ausweisen, um eine Kugel Eis zu bekommen. So sollen die Spendierbretter auch nicht unbedingt verstanden werden. "Es soll ein Anstupser für kleine Nettigkeiten sein", sagt der Initiator. Das Geben und Nehmen in der Gesellschaft stärken. Teilhabe fördern, auch im Kleinen.

Über 40 Läden machen mittlerweile in München mit, vereinzelte Bretter gibt es auch in Berlin, Hamburg und Graz. Michael Spitzenberger kann sich das Konzept theoretisch überall vorstellen. Gerade aber freut es ihn einfach, wenn in der Amalienstraße beim Verrückten Eismacher zwei Kugeln für einen Unbekannten ans Spendierbrett gepinnt werden.

© SZ vom 03.06.2020/kafe
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